Chronologie eines Wunders – Mazzy Star

Man ist ja sehr schnell Fan von diesem und jenem Kram, oder quasi mit einem Fingerschnippen Experte für Gott und die Welt. Ich lasse da gern Vorsicht walten, schon aus der Vermutung heraus, dass es immer irgendwo jemanden gibt, der sich zumindest ein klein bisschen besser auskennt als ich, vielleicht auch mehr liebt und fühlt als ich. Es wird Menschen geben, die mehr über meinen Lieblingsautor Hermann Hesse zu sagen und seine Gedichte häufiger gelesen haben. Fraglos finden sich auch Kenner, welche das Werk meines Lieblingsregisseurs Atom Egoyan noch besser verinnerlichen konnten. Und auch wenn ich für hiesige Verhältnisse verdammt viel über American Football weiß, huldigen hierzulande genügend Menschen diesem Sport mit noch mehr Haut und Haar huldigen. Und ebenso bin ich davon überzeugt, dass ich mit meinen 11 Springsteen-Alben im Regal jedem eingefleischten Fan bestenfalls ein nachsichtiges Lächeln abzutrotzen vermag. Im Falle der US-amerikanischen Dream-Pop-Band Mazzy Star sieht die Sache jedoch anders aus. Hier fühle ich mich zum absoluten Kenner und Anhänger berufen. Weil mich Mazzy Star bereits 20 Jahre begleiten, weil ich ihr Schaffen sogar im Schlaf von A bis Z runterrattern könnte, weil ich allein deshalb mit dieser Musik emotional verbunden bin, da ich durch sie meine Liebste kennengelernt habe.

Dennoch sind mir Mazzy Star stets ein Mysterium geblieben. Die Formation hatte in den Neunzigern binnen sechs Jahren drei Alben veröffentlicht. Seit 1996 herrschte freilich Schweigen im Walde, ohne ersichtlichen Grund. Mazzy Star bestanden im Kern aus dem Duo David Roback (Gitarre) und Hope Sandoval (Gesang). Letztere hat seit damals zwei Alben unter dem Namen Hope Sandoval & The Warm Inventions veröffentlicht. Doch gerade diese wunderschönen Platten verstärkten die Irritation, provozierten die Frage nach einem Comeback von Mazzy Star. Denn rein gar nichts deutete darauf hin, dass sich Roback und Sandoval nicht grün wären. Und jedes verstrichene Jahr ließ die nicht gerade kleine Fanschar immer mehr zweifeln, ob sie je die Früchte einer erneuten Zusammenarbeit kosten dürften. Nun ist Hope Sandoval sicherlich kein geselliger Charakter. Gegen sie gleicht das Reh im Scheinwerferlicht einer Rampensau. Wer sie bei einem der raren Konzerte anlässlich ihrer Tour zu dem 2009 erschienenen Through The Devil Softly erleben durfte, sah eine dämmrige Bühne und eine schemenhafte, vom Publikum oftmals abgewandte Sängerin. Bereits zu dieser Zeit bestätigte sie Gerüchte, wonach Mazzy Star endlich an einem vierten Album arbeiteten. Doch hatte man ähnliches auch schon Jahre zuvor gehört. Man war gut beraten, sich nicht zu euphorischer Vorfreude hinreißen zu lassen. Danach kehrte – wenig überraschend – wieder Ruhe ein. Auch Roback blieb seit Mitte der Neunziger sehr unauffällig, gerade so als wäre er in einem Zeugenschutzprogramm, zumindest aber in einem Trappistenkloster.

Bevor ich von dem nun irgendwie unverhofften Comeback spreche, will ich die vorherige Karriere kurz beleuchten. Die Wurzeln Mazzy Stars liegen im Kalifornien der Achtziger, wo Roback in der Band Rain Parade und später zusammen mit Sängerin Kendra Smith als Opal aktiv war. Als Smith mitten während einer Tour als Vorgruppe für The Jesus and Mary Chain hinschmiss, übernahm Sandoval den Sangespart. In dieser neuen Konstellation begannen sie auch – vorerst noch als Opal – ein neues Album zu erarbeiten. 1990 wurde – kurz nachdem man sich in Mazzy Star umbenannt hatte – die Platte She Hangs Brightly veröffentlicht. Dieses Banddebüt zeigte das Duo bereits in einer Bandbreite von Folk-Pop über psychedelischem Rock bis hin zu dunklem Blues. Über allem thronte Sandovals kühl entrückter bis trauriger Gesang. She Hangs Brightly beinhaltete noch den einen oder anderen vor der Gründung von Mazzy Star verfassten Song, es war im Grunde eher eine gebündelte Idee dessen, war die Band sein wollte, daher nur bedingt ein in sich stimmiges Album. Blue Flower oder auch das noch für Kendra Smith verfasste Ghost Highway zeigten spannende stilistische Ansätze, die später jedoch kaum weiter verfolgt wurden. Als stärkeste Tracks kristallisierten sich schon damals Halah, Give You My Lovin‘ und der Titelsong She Hangs Brightly heraus. Dieses Album legte somit den Grundstein zu einem Plattendeal mit Capitol. Die dadurch ermöglichte Nachfolgeplatte So Tonight That I Might See (1993) entwickelte sich dank der Single Fade Into You zu einem veritablen Überraschungserfolg, der der Band eine Platin-Schallplatte einbrachte. Allmusic beschreibt die Scheibe so: „[The] core emphasis remained a nexus point between country, folk, psych, and classic rock all shrouded in mystery, and Sandoval’s trademark drowsy drawl remained swathed in echo.“ Rückblickend betrachtet ist es das stärkste Werk der Band, das vor denkwürdigen Songs nur so strotzt. Ob Bells Ring, Mary of Silence, Five String Serenade, She’s My Baby, Into Dust oder der Titeltrack So Tonight That I Might See, die Magie zwischen Robacks Gitarre und einer stimmlich entgültig in unantastbare Gefühlssphären abgleitenden Sandoval war sowohl in den Schwaden edler Balladen wie bei psychedelischen Tracks mit den Händen greifbar. Den Zuspruch, den die zweite Platte erhalten hatte, vermochte das 1996 veröffentlichte Among My Swan nicht zu erlangen. Die Frage nach dem Warum fördert dabei keine schlüssige Antwort zu Tage. Der Song Rhymes of an Hour ist in seiner Intensität bis heute eines der Meisterwerke aus der Feder des Duos. Vor allem die erste Hälfte von Among My Swan fällt stupend aus, ist keinesfalls nur Aufguss eines Erfolgsrezepts. Mit Flowers in December, Take Everything, Still Cold und dem Abgesang Look on Down from the Bridge vermochte das Duo abermals Dream-Pop zu zelebrieren und zu definieren.

Seit Roback und Sandoval im Herbst 2011 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die beiden Tracks Common Burn und Lay Myself Down herausgebracht haben, schien ein mögliches viertes Alben endlich aus dem Schleier der Unwirklichkeit zu treten. Doch sollten noch zwei weitere Jahre ins Land ziehen, ehe jetzt Seasons Of Your Day das Licht der Welt erblickt. Die bereits skizzierte, sich über siebzehn Jahre erstreckende Schaffenspause von Mazzy Star hat die Erwartungshaltung in astronomische Höhen klettern lassen. Denn so sehr der eingeschworene Fan, welcher die Band bereits in den Neunzigern begleitet hat, selbstverständlich jeglichem Lebenszeichen begeistert applaudiert, so lauern doch eine Stimme im Hinterkopf und eine Stimmung im Herzen nur darauf, dass die Protagonisten die einstige Dream-Pop-Herrlichkeit makellos fortsetzen. Und damit die Lebensuhr ihrer Anhängerschar ein Stückchen zurückdrehen. Rückfall in eine mittlerweile fremd gewordene eigene Vergangenheit, Reise in eine verträumte Jugend. Auch wenn man Seasons Of Your Day mit größter Freude und unendlichem Wohlwollen begegnet, erhofft der langgediente Getreue nicht weniger als einen Sternschnuppenregen alten Glanzes. Und tatsächlich knüpft das Album nahtlos an das Damals an, ignoriert die lange Zeit dazwischen geflissentlich.

Mazzy Star haben sich mit Seasons Of Your Day nicht weiterentwickelt. Soweit die gute Nachricht! Hauptgrund dafür ist der Umstand, dass dies Album wohl weit über eine Dekade in Arbeit war. Auf den Album-Credits findet sich unter anderem der Name William Cooper, der bereits auf vorangegangenen Platten Bestandteil der Band war. Allerdings starb Cooper vor mehr als 10 Jahren. Auch der 2011 verblichene britische Folkmusiker Bert Jansch, mit dem Sandoval bereits für dessen Platte Edge of a Dream zusammengearbeitet hatte, ist als Gitarrist auf dem Werk vertreten. Season Of Your Day hat eigentlich keinen wirklich großen zeitlichen Abstand zu den vorherigen Platten, es hat lediglich eine gefühlte Ewigkeit bis zur Veröffentlichung gedauert. Deshalb ist dies kein reifes, abgeklärtes, altersweises Album, sondern eine voll Langsamkeit erarbeitete Ausgestaltung eines musikalischen Universums. Bereits der Opener In The Kingdom driftet dorthin ab. Ihm haftet eine gewisse wohlige Vorfreude an. Hier wird nicht indigniert in die Welt geschaut, fast schon scheint die Zufriedenheit einer überfälligen Rückkehr vorzuherrschen. Ein Wir-sind-wieder-da eben! Nach diesem Aufgalopp wird mit California der flüchtige Wunsch nach Geborgenheit angestimmt („I think I’ll fly across the ocean/ I can watch the sky turning grey/ I think I’m going back, I think I’ll go back„), es ist eine altbekannte Stimmung, die Sandoval aus dem Effeff zu vermitteln vermag. Mit I’ve Gotta Stop kommt Robacks auf Country-Rock getrimmte Gitarre zum Vorschein. Auch dieser Track wird jedem Fan nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Does Someone Have Your Baby Now? illustriert in seiner ungläubigen Verbitterung die Vorzüge des Sandovalschen Gesangs, der in seiner Klarheit, in der Geseufztheit zu Herzen geht. Und bei Common Burn einen phantastischen Kontrast zu der verzerrten Elektrogitarre malt. Wie Roback die Gitarre in wenigen Akkorden klagend aufheulen lässt und damit ein Minenfeld der Emotion erzeugt, ist eines der Betriebsgeheimnisse der Band. Der Titelsong Seasons Of Your Day bildet das edle Herzstück des Albums. Mit zärtlichen Pinselstrichen gezeichnete Streicher und eine helle akustische Gitarre umschwelgen die Sängerin, die aus einem Schneckenhaus der Einsamkeit kriecht („And I know you’re alone because I’ve been there/ I know you’ve been missing me/ Well you know, I’ve been missing you too„). In einer oft in Moll getönten Welt gelingt Mazzy Star mit diesem Song ein glänzender Lichtstreifen, ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer. Lay Myself Down glänzt als rhythmisch unbeschwertester Track des Werks, Sparrow wirkt wie aus einer Spieldose klingend. Dank solch Titeln hat man sich mit dieser stark in Richtung Dream-Folk gehenden Platte abgefreudet. Schon längst! Und doch hätte man nichts gegen ein furioses Finale, etwa ein psychedelisches Mantra wie beim Album So Tonight That I Might See. Das eher unauffällige Spoon bietet das noch nicht, aber das abschließende Flying Low löst diesen Wunsch ein. Und wie! Es brilliert als bluesig ausfransender Song mit psychedlischem Einschlag. Ein Feuerwerk, welches als Knaller zuletzt noch eine neue Stufe im Schaffen von Mazzy Star zündet!

SeasonsOfYourDay

Als Fan ist man mit Subjektivität geschlagen. Wäre man es nicht, dürfte man sich auch nicht als Anhänger bezeichnen. Daher fällt mein Urteil selbstverständlich überschwänglich aus. Nach all den Jahren, in dem ein neues Album wie eine Fata Morgana am Horizont herumgeisterte, schwappt schiere Freude über. Eine dermaßen tief im Herzen keimende Euphorie, die jedwede übertriebene Erwartungshaltung überrennt. Doch stürmt sie offene Türen ein. Denn auch in einem nüchternen Moment betrachtet, braucht sich Seasons Of Your Day nicht zu verstecken. Es ist das endlich eingelöste Versprechen auf nie vergilbten Glanz, auf erneut über mir ausgeschütteten Sternenglitter. Der Übermut in mir träumt bereits von einer Fortsetzung, die hoffentlich nicht wieder ewige Zeiten auf sich warten lässt. Für diesen Augenblick freilich, für dieses Jahr 2013 sehe ich mich einem wunderschönen vierten Album Mazzy Stars gegenüber. Glückseligkeit ist ein Wunder, das man zur Gänze auskosten sollte.

Seasons Of Your Day erscheint am 27.09.2013 auf Rhymes Of An Hour Records.

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