Ein tröstlicher Tupfer Leuchtkraft – Rue Royale

Es herrscht ja nun wirklich kein Mangel an Bands, die sich irgendwo zwischen Indie und Folk und Pop verorten. Ein derart tönendes Album ist keine Eilmeldung wert, dieser Sound ist sehr verbreitet, somit jedermann vertraut. Vielleicht wagen sich auch deshalb viele Bands daran, weil er so risikolos erscheint. Mit den Ingredienzien Folk, Pop und Indie eine richtig schlechte Platte zu fabrizieren, das setzt fast völlige Talentlosigkeit voraus. Doch bleiben Werke aus dieser Nische meist durchschnittlich. Sie mögen nett, stimmig, gedankenvoll und sein, aber am Ende des Hördurchlaufs sind sie eben auch nicht mehr. Gutes Handwerk und sympathische Attitüde allein führen selten zu genialen Würfen. Diese Erkenntnis muss ich vorweg äußern, ehe ich mich mit dem unter dem Namen Rue Royal wirkenden angloamerikanischen Ehepaar Dekker beschäftige. Denn Rue Royale haben mit ihrem neuesten Werk Remedies Ahead eine seltene Großartigkeit erreicht, sind von jeder Durchschnittlichkeit meilenweit entfernt.

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Photo Credit: Pepe Fotografia

Rue Royale geben sich im besten Sinne bedächtig reflektierend. Das Album ist eine wohltuende Streicheleinheit. Nun gibt es davon verschiedene Arten. Manch Streicheln erweist sich als erotisch prickelnd, manch Streicheln gerät zu einem belästigenden Suchen nach Nähe, manch Streicheln ist von mütterlicher Fürsorge geprägt, manch Streicheln scheint lästige Pflichtübung. Rue Royale streicheln tröstend. Wer sich zu dieser Musik hinwendet, fühlt sich im Schutz einer Trutzburg, dem Alltag entzogen, von einer träumerischen Kontemplation umarmt, in der Schmerz und Trost einander ergänzen. Der Song Set Out To Discover macht sich sogar auf die Suche nach einem Heilmittel, welches einen versöhnlichen Umgang mit dem Leben erlaubt: „I’ve got a glass jar of memories/ I’ve been collecting old tragedies/ I’ve heard of remedies/ And we set out to discover the remedies/ And we’ll stay out until we run into remedies„. Rue Royales Stimmungen sind subtil gehalten, Remedies Ahead heult nie Rotz und Wasser, es wandelt durch kein Märchen aus Sonnenschein. Es offenbart vielmehr den Hoffnungsstrahl des Wandels, etwa wenn im Lied Dark Cloud Canopies erkannt wird, dass der vermeintlich steinige Weg des Lebens von den Felsbrocken der eigenen Gedanken gesäumt scheint („Only if I overcome the obstacles within my head/ I’ll move the darkest clouds aside„). Wie sich die Stimmen der Dekkers dabei in Nachdenklichkeit und Helle ergänzen, macht den besonderen Reiz des Duos aus. Eine weitere Facette des Trostes tritt in der Liedminiatur Carving Up The Islands zu Tage. Es ist doch ermutigend zu begreifen, dass man trotz manch eklatanter Unzulänglichkeiten nicht verstoßen wird („You leave your door open/ You are greater than I deserve„). Reflektion führt oft zur Selbstzerfleischung, als Hörer steht man der deprimierenden Seelenschwere oft unangenehm berührt gegenüber. Das vorliegende Album malt die Trübsal nie pechschwarz, eher schon in gedämpften Farben mit einem Tupfer Leuchtkraft. Der Song Try As They Might verstärkt diesen Eindruck, wenn innere Stimmen versuchen, das Ich herunterzuziehen und dabei auf eine sehr bestimmte Gegenwehr stoßen.

Das Werk besitzt neben den bereits erwähnten textlichen Glanzlichtern auch weitere lobenswerte Nummern. Pull Me Like A String beispielsweise lebt vom Spannnungsverhältnis von Gitarren-Folk mit Haudrauf-Drums und einer elektrifizierten Pop-Note, schwebt in der Gegensätzlichkeit von Brookln Dekkers hemdsärmeligen Gesang und Ruth Dekkers glockenklar geträllerter Verstörung. Almost Ghostly wiederum erinnert mich stark an das Schaffen der Great Lake Swimmers, die in den letzten 10 Jahren mit die besten modernen Folk-Alben veröffentlicht haben. Es muss diesen Vergleich keineswegs scheuen  Shouldn’t Have Closed My Eyes pulsiert und vibriert als reumütige Klage, zittert unter der Last einer angespannten Atmosphäre. Hier gehen Indie, Folk und Pop bestens zusammen. Unoffensichtlicher Indie vermengt sich mit der bedauernden Traurigkeit des Folk und der Unruhe des Pop.

Remedies Ahead spendet eine wohldosierte Ration Trost. Es ist ein Album für das Ausatmen nach aufgewühlten Stunden, eine Platte der Versonnenheit. Rue Royale haben ihr Tun auf eine neue Stufe gehoben und damit trotz aller Zurückhaltung eines der eindringlichsten Werke dieses Musikjahres geschaffen. Musik gibt nicht nur Wohlgefühl, beschert nicht nur beschwingte Laune, sie gibt auch Halt. Das lässt sich nicht von vielen Dingen im Leben sagen. Im vorliegenden Fall trifft das freilich zu.

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Remedies Ahead ist am 06.09.2013 auf Sinnbus erschienen.

Konzerttermine:

16.09.2013 Düsseldorf – FFT
17.09.2013 Frankfurt a.M. – Ponyhof
19.09.2013 Hamburg – Prinzenbar
20.09.2013 Berlin – Privatclub
23.09.2013 Nürnberg – Club Stereo
15.10.2013 Bamberg – Morph Club
16.10.2013 Aarau (CH) – Tuchlaube Café Bar
17.10.2013 Zürich (CH) – Amboss Rampe
19.10.2013 Erfurt – Franz Mehlhose
22.10.2013 Görlitz – Stille Post
23.10.2013 Göttingen – Junges Theater
24.10.2013 Hannover – Feinkost Lampe
01.11.2013 Jena – Kassablanca (10 Jahre Sinnbus)
02.11.2013 Leipzig – UT Connewitz (10 Jahre Sinnbus)

Links:

Offizielle Homepage

Rue Royale auf Facebook

Kostenloser Download von Set Out To Discover auf SoundCloud

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