Mein Freund Brian – Placebo

Wenn ein guter Freund um die Ecke dackelt und mir verkündet, dass er eine Sause für mich schmeißt, dann braucht die Vorfreude keine Sekunde, um sich in einen Sturm der Begeisterung zu verwandeln. Je besser der Freund, desto toller wird die Fete! Eine ähnliche Gewissheit durchzuckt mich auch, sobald einer meiner Lieblingsmusiker oder eine von mir angehimmelte Band ein neues Album verkündet. Seit Placebo ihr neuestes Werk Loud Like Love für Mitte September versprochen haben, harrte ich diesem Termin in der Überzeugung, dass Placebos Platte schlicht und ergreifen eine Riesenspaß werden würde. Brian Molko und Kollegen lassen den Fan nie im Regen stehen, enttäuschen nicht. Musikalische Flirts kommen und gehen, manch sympathische Künstler vergisst man mit der Zeit, aber Songs wie Every You Every Me, Song To Say Goodbye, Protège-Moi, Slave To The Wage, Pure Morning, Pierrot the Clown oder das der letztjährigen EP entsprungene Time Is Money bleiben. Meine Beziehung zu Placebo ist keine Lebensabschnittspartnerschaft, schon gar kein One-Night-Stand, das geht für immer. Und als ich mir Loud Like Love vor ein paar Tagen endlich anhören durfte, wusste ich einmal mehr sehr genau, warum ich Placebo diesen Treueschwur gegeben habe.

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Photo Credit: Kevin Westenberg

Placebo sind Freunde für jedwede Lebenslage. Wenn ich mich richtig durchschwitzen möchte, rocken Molko, Stefan Olsdal und Steve Forrest furios und famos. Falls es mir nach einer hymnischen Ballade verlangt, zieht das Trio eine solche aus dem Hut. Und sehne ich mich in Mußestunden nach gediegener Hintergründigkeit, werde ich nie enttäuscht. In einem Anfall von Gefühlsduseligkeit bin ich sogar versucht zu beteuern, dass es allein schon ein Privileg darstellt, Molko singen zu hören. Doch bevor ich diese Hymne auf die Freundschaft übertreibe, will ich von der Qualität des jüngsten Werks schwärmen. Bereits der eröffnende Titeltrack Loud Like Love bricht alle Dämme. Es ist ein als Jubellied getarntes Gelübde. Die Sätze „Can you imagine a love that is so proud?/ It never has to question why or how/ Total abandon the love in my dreams/ When I wake up I’m soaking in my sheets“ deuten bereits die Intensität an, die schließlich in dem Mantra „We are loud like love“ mündet. Alternative Rock kann besser nicht ausfallen. Die Frage nach dem Hit hat die Band bereits am Anfang bewundernswert abgehakt. Scene Of A Crime entwickelt sich im Verlauf zu ähnlicher Wucht, ist allerdings kryptischer angelegt und kein Popcorn-Song, der im Hirn drauflosploppt. „We almost made it/ But making it was overrated“ enthält eine für Placebo typische Widersprüchlichkeit. Too Many Friends dagegen scheint in der Intention unmissverständlich. Es ist die Hymne gegen den Social-Media-Wahn. Oder will er mir mit dem Refrain „Too many friends/ Too many people that I’ll never meet/ And I’ll never be there for“ gar meine einseitig geschlossenene Freundschaft aufkündigen? Molko wirkt unangenehm berührt, diese Stimmung findet sich auf so manchen seiner besten Songs wieder. Auch weil Molko nach all den Jahren noch immer der Alien unter den Rockstars ist, einer der sich nicht stolz am Sack kratzt oder von einer Kanzel predigt. Diesen Eindruck bestätigen die Lyrics des nachfolgenden Hold On To Me. Wenn Molko „I am a small and gentle man/ Who carries the world upon his shoulders“ und in der Folge „And I’m knee deep in sinking sand/ Crying out for your attention“ wirkt die Kunstfigur Molko plötzlich verletztlich, vom Sein gezeichnet. Verstörend fällt die esoterisch gehaltene Spoken-Word-Sequenz am Ende der Nummer aus (eingeleitet mit den Worten: „Our task is to transform ourselves into awakened multidimensional beings„). Dieser Song ist ein Rätsel, unbehaglich, abgründig. Mit Rob The Bank wird die aufkeimende Irritation beseitegefegt, der griffige Titel ist Programm. Es gibt so einige Vorschläge für Bankraubziele: etwa England, Amerika, Monaco, Liechtenstein, Luxemburg. Als i-Tüpfelchen dieser kruden, plakativen, mit typischem Placebo-Elan vorgetragenen Nummer wird auch noch dyslexia auf swastika gereimt. Gewagt. Zur Halbzeit dieses Album ist der Fan in Sachen Rockigkeit bereits auf seine Kosten gekommen. In der zweiten Hälfte dreht das Trio freilich erst richtig auf. A Million Little Pieces glänzt als mächtiger Abgesang, bei welchem man das Herz des Sängers zersplittern hört. Dieses Lied ist das bislang ungeschminkteste, ohne Chiffren agierende Stück der Platte. Die Lyrics strotzen vor Traurigkeit („Whenever I was feeling wrong/ I used to go and write a song from my heart/ But now I feel I’ve lost my spark„). Ein Highlight, fraglos! Und nicht das letzte. Das anschließende Exit Wounds zieht die emotionale Schraube noch fester an. Die Verzweiflung der Eifersucht, das Verlangen nach dem Verlorenen mag in solch Heftigkeit überraschen, eigentlich sogar erschrecken. Exit Wounds zählt zu den radikalsten Songs, die Placebo je aufgenommen haben. Mit Purify wird gleich danach der Exorzismus mitgeliefert, es besticht als sexuell aufgeladender Track der freudig-begehrenden Art. Ein Durchschnaufen vor einem großen Finale! Begin The End wechselt einmal die Perspektive. Wo Exit Wounds noch Molko lyrisches Ich in den Grundfesten erschüttert, ist es nun an ihm eine Beziehung zum Scheitern zu führen („I tried, God knows I tried/ But there’s nothing you can do to change my mind„). Fast wäre ich versucht von einem schwächeren Track dieses Albums zu sprechen, doch steigert sich die Nummer in Verlauf zu beeindruckender Unerbittlichkeit. Noch erbarmungsloser fällt jedoch der letzte Song des Albums aus. Bosco tarnt sich als Ballade mit Piano und Streichern, gibt vor Liebeserklärung eines Gescheiterten zu sein. Und entlarvt sich doch als weinerliche Psychostudie eines Missbrauchenden, der das Opfer aussaugt. „I ask you for another second chance, but then I drink it all away/ And I get bellicose when you react for the frustration and dismay/ I was so delicate when we began, so tender when I spoke your name/ But now I’m nothing but a partisan to my compulsion and my shame“ sind bleibende Lyrics, die man nicht so einfach beiseitefegen kann. Solch Düsterkeit mag auch erklären, warum Placebo in einer eigenen Liga spielen. Molkos Texte sind mehr als nur Rock-Song-Tralala. Dieses Mal sogar weit, weit mehr!

Da freue ich mich auf eine Party mit meinem Freund Brian und bekomme mit Loud Like Love die volle Breitseite ab. Ja, Placebo machen gute Laune. Auch auf diesem Album. Die zweite Hälfte jedoch steht jedoch mehr für ein von Alkohol und Drogen geschwängertes Bekenntnis, einen reinigenden Exzess. Wo andere die Party mit einer Stripperin dekorieren würden, übernimmt Molko diesen Striptease höchselbst. Wo andere auf einer Fete den Partyclown geben, sind Placebo nicht zu Scherzen aufgelegt. Aber eines steht außer Frage. Loud Like Love ist die Sorte Abend, die man sein Leben lang nicht vergessen wird – und will.

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Loud Like Love ist am 13.09.2013 auf Vertigo Berlin erschienen.

Konzerttermine:

15.11.2013 Leipzig – Arena Leipzig
16.11.2013 Köln – Lanxess Arena
18.11.2013 Zürich (CH) – Hallenstadion
19.11.2013 München – Olympiahalle
21.11.2013 Wien (A) – Stadthalle
27.11.2013 Frankfurt – Festhalle
28.11.2013 Berlin – O2 Arena
05.12.2013 Hamburg – O2 World

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Mein Freund Brian – Placebo

  1. Eine grandiose Kritik! Mir geht es ähnlich mit Placebo, sie sind in einer eigenen Liga und das neue Album etwas ganz Besonderes. Allerdings finde ich „Hold on to me“ ehrlich gesagt nicht so verstörend, sondern sehr interessant mit der Sprecheinlage am Schluss. Meintest du „unbehaglich“ und „abgründig“ eher positiv oder negativ? 🙂
    Lieben Gruß,
    RB

  2. Man kann Hold On To Me auch abgründig nennen. Und Abgründe erachte ich, ebenso wie Verstörungen, prinzipiell als positiv, weil sie den Hörer aus jeglicher Behaglichkeit reißen. Freut mich, dass die Besprechung gefällt.

    SVT

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