Out of Arktis, quasi – Braids

Wenn man von einem Aufblühen spricht und im gleichen Atemzug auch das Dahinscheiden erwähnt, hat man das Leben in seiner ganzen Spannweite begriffen. Ein unter dem Titel Flourish // Perish firmierendes Album könnte somit Hymnen auf das Leben beinhalten, nur um diese in einen bedeutsamen Abgesang münden zu lassen. Alternativ wäre auch eine spirituelle, deutlich weniger aufgeregte Reflektion denkbar, ein Gedankenstrom etwa, der den Mysterien des Lebens durch das zunächst wuschelige Haar streichelt, ehe er später die Glatze poliert. Aufgrund der speziellen Schreibweise des Albumtitels, durch diese mittels doppelten Schrägstrichs geäußerte zusätzliche Abgrenzung der gegensätzlichen Begriffe, möchte man der kanadischen Formation Braids ein intelligentes, abseits üblicher Pfade verlaufendes Werk zutrauen. Doch wie man Flourish // Perish auch nach mehrmaligem Hören dreht und wendet, es will seine Struktur, seine eigentlich Intention nicht recht preisgeben. Es ist eine unterkühlte Platte, welche vermutlich im Zwischendrin verhaftet bleibt. Hier gedeiht nichts, hier stirbt nichts, es scheint fast ein Stillleben, allerdings ein ästhetisch äußerst ansprechendes. Die Platte wirkt wie ein Eisberg, der als langsamer Koloss durch den Ozean irrlichtert, die sich aufplusternden Wellen durchschneidet. Und plötzlich auseinanderbricht.

Das Werk kreiert sein Fluidum sacht, malt sphärische Bilder in Zeitlupentempo, baut Unnahbarkeit auf. Es klingt wie aus einem Niemandsland, beschert vages Frösteln. Out of Arktis, quasi. Doch in die trotz meerestiefer Abgründe vorhandene Beschaulichkeit mengt sich ab und an auch ein Björk-Faktor. Eine skandinavisch vertrackte Kreativität, Rätselhaftigkeit zum Quadrat. Es belebt die Szenerie mit einer Hütchenspieler-Electronica. Darauf macht sich auch der stärkste Matrose keine Reim. Schon der Opener Victoria rattert und wispert, funkt in die klirrende Weite, gekrönt von der mit Theatralik gespickten, verkindlichten Stimme von Sängerin Raphaelle Standell-Preston. Der Track Fruend sieht die Sängerin ätherisch sirenen und doch ist es keine Botschaft der Verlockung, eher schon 50 shades of mausgraus, zumindest kontemplatives Lamento voller Unentschlossenheit. Als einer der eindringlichsten Songs zeigt sich Hossak, das etwas von der Magie einer Spieldose versprüht, in der Verspieltheit und Naivität an die frühen múm erinnert. In starkem Kontrast dazu steht der schwebende Ambient von Girl, eine sanfte, astrale Nummer ohne Höhepunkt, ewiges Plätschern in gefrorener Schönheit. Schon (an)greifbarer gerät das sehr organische, kribbelige, die Ohren piesackende Stück Together, wenn Drum beats gleich Popcorn über bizarre Synthie-Flächen blubbern. Das famose Amends setzt auf einen Herzschlag, der durch den Song pulsiert, und erneut auf Standell-Prestons björkische Fertigkeiten. Abermals kann man Braids viel attestieren, Herzenswärme versprühen sie jedoch nicht. Das Leben ist eine einsame Scholle, so die Schlussfolgerung. Und doch entlässt die Platte den Hörer mit einer widersprüchlichen Botschaft, mit einer dem Dream-Pop zugehörigen Nummer namens In Kind. Diese überrascht mit lebendigen Sehnsüchten, mit geträllertem Bedauern, mit einer Abkehr von anämischer Lethargie. Der Song erlaubt sich mehr Spiel, weniger bis ins Detail ausgetüftelte Struktur. Auch die Stimme brennt und jault in allen Schattierungen. In Kind ist der Phönix aus der Asche, der das gesamte Konzept des Albums in Scherben bricht.

Nicht zuletzt wegen dieses Endes ist man ratlos. Flourish // Perish kippt aus der kunstvoll aufgebauten Ästhetik, gibt die Distanz zum Hörer auf. Doch ist diese versöhnliche Note zum Abschluss zugleich ein Makel, den man den Kanadiern ankreiden muss. Der Entwurf vom Aufblühen und Dahinscheiden wird nicht eingelöst, eher schon behandelt die Platte ein Konzept überbordender Introspektive und schockgefrosteter Emotionen. Das ist interessant und großartig umgesetzt, erleidet dank jenes gefühligen Ausbruchs aber letztlich Schiffbruch. Auch darum bleibe ich mit mehr Fragen als Komplimenten an Braids zurück.

flourishperish

Flourish // Perish ist am 23.08.2013 auf Full Time Hobby erschienen.

Konzerttermine:

05.09.2013 Berlin – First We Take Berlin!
08.09.2013 Düdingen (CH) – Bad Bonn
22.11.2013 Hamburg – Aalhaus
23.11.2013 Berlin – Prince Charles
26.11.2013 Zürich (CH) – Stall 6

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SomeVapourTrails

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