Pop ohne Schminke – Julia A. Noack

Eine gute, ausführliche Besprechung versucht eingangs eine These zu dem zu behandelnden Werk aufzustellen, zumindest aber einen Aspekt herauszukitzeln, all dies in der Folge zu untermauern oder aber wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. Je besser das Werk, je eher lässt sich also ein Aufhänger ausmachen, an dem man die Überlegungen und das Fühlen andocken kann. Eine wirklich interessante Platte erkennt man etwa daran, dass die Aufhänger während der Beschäftigung mit dem Album nur so in die Gedanken purzeln. Im Fall der Berliner Singer-Songwriterin Julia A. Noack fällt mir so manches auf. Etwa dass ihre Platte The Feast fast durchgängig internationale Klasse besitzt. Wenn es um erwachsenen, intelligent produzierten, ungeschminkten, englischsprachigen Pop geht, ist eine deutsche Abstammung doch noch immer absolute Ausnahme denn Regel. Aus dieser Erfahrung heraus redet man deutsche Interpreten oft klein, selbst wenn sie wie Noack das Potential zum Lichtblick besitzen. Ebenfalls ins Auge sticht der Umstand, dass The Feast mit zwei verdammt starken, wuchtig-intensiven Nummern beginnt, man sich schon mit einem Album anfreuden möchte, das in seinem Wesen sehr an starke, selbstbewußte Sängerinnen der Neunziger erinnert. Doch geht der raue Charme und das trotzige Temperament dann plötzlich flöten, weicht gedämpfterem, fragilerem Indie-Pop. Es ist dieser Bruch nach den ersten zwei Tracks, den man sich nicht zu erklären vermag. Nicht minder verwirrt mich eine sehr ausführlich erzählte Anekdote im Pressetext zu The Feast. Noack lauerte Bob Dylan im Rahmen einer Deutschlandtour vor einem Hotellift auf, sprach ihn an und durfte ihm letztlich ihre Songs vorspielen. Das war 2003. Und auch wenn diese Episode einen gewissen Mut der Musikerin offenbart, ist dieses Album der Songwriterin Noack nicht im entferntesten von Dylan beeinflusst. So lenkt der Pressetext ohne Not und ohne Pointe den Fokus weg von der Platte. Warum?

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Photo Credit: Kai von Kroecher

Schauen wir uns das von mir eingangs mit Lorbeeren bevorschusste Album mal kurz näher an. Es beginnt mit dem rockigen Want/Be, dass mich durchaus an eine Liz Phair oder Sheryl Crow erinnert. Diese Nummer ist ob ihrer Attitüde ein Highlight des Albums, auch weil es trotz eines gestrigen Flairs nicht aus der Zeit gefallen wirkt. Das nachfolgende Everything Is Sexuality liefert nicht zuletzt wegen des dazugehörigen Musikvideos die stärkste Aussage der Platte. „What you see/ What you say/ What you don’t/ What you do/ What you hope that I’ll be/ Everything is sexuality“ sind eindringlich dargebrachte Worte, deren Relevanz man gerne hört. Der Song ist dicht, gitarrenbetrieben, geradezu unerbittlich aufrüttelnd, besticht als konsequentestes Stück des Albums. Nach diesem famosen Einstieg sind die Erwartungshaltungen ordentlich hochgeschraubt. Und sehen sich Name For This gegenüber, welches sich in dreieinhalb Minuten nicht traut, das Wort Liebe in den Mund zu nehmen. Dem Lied scheinen die eigenen Gefühlen nicht geheuer, es entwickelt eine Nachdenklichkeit, die der Zärtlichkeit, dem Glück mit einem Fragezeichen begegnet. Schwermütiger sogar verhält sich Silver Whisper, das über dem Abgrund baumelt („Again we’re hanging/ Dangling over the precipice/ Take turn in falling/ The pangs of transience/ Can you see the big abyss/ And hear it’s call„) und erst gegen Ende noch den Silberstreifen am Horizont ausmacht. Der Track ist textlich stark, ein Blättern im Pons lohnt. Doch wirkt der akustische Anstrich ein wenig schwachbrüstig. Gitarre und Gesang, diese Instrumentierung fremdkörpert auf diesem sonst clever und edel produzierten Album. Mit We’re Crazy geht es dagegen nochmals exaltiert und aufgeweckt zu, es ist die radiotauglichste Nummer des Werk. Pfiffiger Wohlfühl-Indie-Pop eben, dem mit Designer Drug eine dunkle Hymne („But it is never enough/ It’s like a designer drug/ Give me just another hit/ I’m coming down„) folgt. Ein harter, nicht uncharmanter Kontrast. Der Titeltrack The Feast fällt im Gesang ein wenig zu weich aus, aber wie hier die Gitarre mit Bläsereinschüben gestupst und von den Drums vorwärtsgetrieben wird, das mag durchaus zu gefallen. Wie auch die Zeile „Bliss is a fickle thing/And moments are all we got/ I thread them on a string/ That gets tangled in a knot„. Matter Of Me wirkt wie ein Stück Erlösung. Es schwillt allmählich an, steuert einem Höhepunkt zu, der zwar befreiend ausfällt, ohne dabei die Puppen tanzen zu lassen. Diese hier vorherrschende Gedämpftheit steht Noack gut zu Gesicht, man könnte sie als Hörer jedoch leichter umarmen, wenn es das anfänglich geballte Krawumm so nicht gegeben hätte.

The Feast sucht sein Heil nicht in typisch deutscher Verkopfung, es verfällt auch nicht in das andere Extrem der hierzulande vorhandenen Piefigkeit. Natürlich haben wir es auch nicht mit sinnentleertem, aalglattem Pop zu tun, den uns irgendwelche Titanen unterjubeln wollen. The Feast ist clever, erwachsen und darf sich durchaus mit den besten skandinavischen Singer-Songwriter-Platten messen. Das ist ein Lob, welches ich als Fetischist der Nordlichtermusik nicht aus Jux und Tollerei äußere. Julia A. Noack hat mit ihrem Produzenten Alexander Nefzger eine feine Platte mit Ecken und Kanten geschaffen, die dem Hörer durch einige Schlenker etwas abverlangt. Noacks Lyrics sind zwar im Refrain oftmals griffig, zugleich durchdringt man diese emotionalen Polaroids, diese mit viel Freude an der Kombination von Wörtern gestalteten Texte nie wirklich. Das ist nicht etwa verwaschenen Gedanken geschuldet, vielmehr einem spannenden Umgang mit der englischen Sprache zu verdanken. Solch Eigenwilligkeit erfreut, solch Pop überzeugt, weil alles ungeschminkt ist. Das geben zwar viele Künstler vor, aber hier hört man es. Klar und deutlich.

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The Feast erscheint am 13.09.2013 auf Timezone Records.

Konzerttermine:

11.09.2013 Berlin – Privatclub
17.09.2013 Hamburg – Knust
21.09.2013 Magdeburg – Moritzhof
10.10.2013 Berlin – Machinenhaus (Melodie & Rhythmus live)
31.10.2013 Haldern – Haldern Pop Bar
01.11.2013 Witten – Werkstadt
03.11.2013 Köln – Lichtung
04.11.2013 Aachen – Domkeller
15.11.2013 Salzburg (A) – Denkmal
16.11.2013 Wien (A) – Blue Bird Festival

Links:

Offizielle Webseite

Julia A. Noack auf Facebook

SomeVapourTrails

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