Pralinenschachtel aus dem Schlaraffenland – Caracol

Viele Alben wollen erobert, erfühlt, verstanden und geschätzt werden. Sie stellen Forderungen und Ansprüche, mit Recht. Musik muss ja nun wirklich kein leichtverdauliches Etwas sein, das man ohne daran zu knabbern konsumieren kann. Freilich existieren auch Platten, deren Charme den Hörer sofort und ganz überwältigt. Es sind geradewegs aus dem Schlaraffenland versendete Alben, bei denen man alle Viere von sich strecken darf, bloß den Mund zu öffnen braucht, und schon fließen Songs gleich Milch und Honig in die Kehle. So zumindest geht es mir mit dem Album Shiver der aus dem kanadischen Québec stammenden Sängerin Caracol. Shiver ist eine Pralinenschachtel, die beim Öffnen verschiedenstes Konfekt offenbart. Von französischem Pop über Retro-Soul, Chanson und Folk-Pop bis hin zu Hillbilly-Musik reicht die Spannweite dieser Scheibe. Dieses Potpourri wirkt liebevoll zusammengestellt, so abwechslungsreich gestaltet, dass man sich den Magen an dieser Süße nicht verderben kann.

Eigentlich bin ich bereits nach den ersten Takten des Songs All The Girls überzeugt. Dieser zarte Sixties-Appeal entzückt. Die unpathetischen Zeilen „All the girls, all the pretty girls/ They don’t care anymore, they don’t feel the same/ Now and then, they speak your name/ Reminded of you by some old refrain/ All the girls whose hearts have been broken/ Will cry for you no more!“ erzählen von einem Herzschmerz, der mal nicht in einem ewigen Jammertal der Tränen mündet. Auch der Titelsong Shiver versprüht Retro-Flair, erweist sich als kecker, wohlfühliger Glam-Pop. Das getragene Summer Blues wiederum ist eine fein instrumentierte Nummer, die auch gut auf ein Album von Duffy passen würde. Die Folk-Pop-Ballade Good Reasons empfinde ich als besonders anbetungswürdig. Vielleicht geht angesichts der Lyrics („So kiss me like you never did/ Hold me like you’ll never leave/ Make sure it’ll never end„) auch nur der Romantiker in mir durch, gegen die stimmliche Sachtheit Caracols bin ich nicht gefeit. Mit Horseshoe Woman folgt darauf ein flotter, dem Country zusprechender Track, der auf vielen Platten ein absoluter Lichtblick wäre. Auf Shiver zählt er zu den Nummern, die nach dem Hören des Albums zuerst aus dem Gedächtnis purzeln. Ähnliches lässt sich auch über das keinesfalls schlechte Strange Film sagen. Doch schon Certitudes gerät zum nächsten Highlight, klingt als frankophoner Pop angenehm ungesäuselt, wartet mit einem echten Sahnerefrain auf. Caracols Melodien funkeln hell und eingängig, sind Taschenlampen, die mit ihrem Leuchen sogar die dunkelsten Gedanken verscheuchen. Sogar wenn die Platte – wie bei dem reduzierten Sailor Boy – in einen gedämpfteren Modus wechselt, verliert das Werk seine Gelöstheit nicht. Kiss Of A Fool hat wieder Retro-Soul im Schmelz, wie man ihn seit Amy Winehouse oder eben Duffy schätzen gelernt hat. Wo viele Nacheiferinnen die Stimmbänder dehnen, was das Zeug hält, setzt die Frankokanadierin auf noble Zurückhaltung. Und fährt gut damit. Eines der Geheimnisse dieser Platte ist diese sehr gewinnende, natürliche Stimme, die lebensklug und vor allem ungebrochen klingt. All die Vorzüge werden auch beim Chanson Blanc mercredi deutlich. Wenn unter einem Himmel von Asche das eigene Herz noch immer brennt („Sous le ciel de cendres/ Mon coeur brûle encore„), mutet die Szenerie weder pathetisch noch weltschwer, eher schon traumwandlerisch gemalt an. Mit dem Folk-Pop-Stück The Sabres Of Truth ist dann auch schon das Ende des Albums erreicht. Leider.

Es gibt drei Arten Pralinenschachteln. Die erste beinhaltet ein paar leckere Sorten Konfekt, von welchen man sich eine bestimmte gleich Rosinen herauspickt. Die zweite wartet mit nur geringen geschmacklichen Unterschieden auf, man schmeckt sich durch, bis einem vor Zuckerüberdruss übel wird. Die dritte Schachtel dagegen ist eine Auslese an Genüssen, die kaum verkostet auch schon ganz und gar aufgegessen ist. Man rüttelt und schüttelt den Karton, giert erfolglos nach einem Mehr. Und genau derart ist Shiver beschaffen. Man will mehr davon, weil jede der musikalischen Pralinen ein echter Gaumenkitzel ist. Caracol erinnert mich auch daran, wie ich zu Teenagerzeiten über soeben erstandene Alben hergefallen bin, sie mit Haut und Haar genossen habe. Wie gern hätte ich damals auf der Stelle oft noch mehr davon gehabt. Heutzutage beschleicht mich dies Gefühl seltener, obwohl ich sehr viel tolle Musik höre. Bei Shiver freilich holt mich zuweilen sogar eine noch fernere Erinnerung ein, es ist wie beim ersten Mal. Eine Packung erlesenster Süßigkeiten und davor ich, mit ganz großen Augen und speichelüberzogener Zunge.

TF_Caracol_Shiver_CD_130625 itunes_format.indd

Shiver ist am 30.08.2013 auf T3 Records erschienen.

Konzerttermine:

05.09.2013 Berlin – Berlin Music Week (Privatclub)
06.09.2013 Berlin – Berlin Festival
07.09.2013 Weimar – MonAmi
08.09.2013 Dresden – Dreikönigskirche
09.09.2013 Zwickau – Lutherkeller
10.09.2013 Tübingen – Café Haag
11.09.2013 Mülheim an der Ruhr – Open Air
12.09.2013 Leipzig – Moritzbastei
13.09.2013 Magdeburg – Moritzhof
14.09.2013 Aachen – September Special Open Air

Links:

Offizielle Homepage

Caracol auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.