Raus aus der Komfortzone der Indie-Konsens-Tracks – Chinese Silk and Videotape

Namen sind Schall und Rauch, besagt eine althergebrachte Weisheit. Diese würde ich jedoch mit Nachdruck beeinspruchen. Denn spätestens seit Google sind Namen die halbe Miete. Man kann noch so ein talentbeseelter Songwriter sein, wenn man vom Schicksal mit dem Namen John Smith gebeutelt wurde, scheint ein Künstlername Pflicht. Bands haben es da naturgemäß leichter. Doch auch einstige Größen wie The Who, The Smiths oder James würden sich dieser Tage zweifelsohne anders benennen. Man ist also gut beraten, einen hervorstechenden Bandname zu wählen. Diese Vorgabe hat die Münchner Formation Chinese Silk und Videotape mit Bravour erfüllt. Erfreulicherweise hat das Ersinnen dieses formidablen Namens nicht alles Hirnschmalz in Anspruch genommen, wie das im Juni erschienene Debüt Exit Direction belegt.

Der Synthie-Pop dieses Albums fällt pfiffig und gefällig aus, wird von einer sympathischen, bisweilen überpräsenten Indie-Rock-Note unterstrichen, erlaubt sich auch die eine oder ander Skurrilität. Eine Synthie-Nummer mit einem Saxofon zu garnieren, das nenne ich mal ein Idee. Chinese Silk und Videotape sind originell, ohne dabei vor lauter Wagemut Harakiri zu begehen. So haben sie den anspruchsvollsten Track sicherheitshalber ans Ende der Platte geschoben. Dennoch gerät bereits der zweite Track des Albums zu einem Highlight, look under rocks ist im Refrain entschwoben, der Gesang wird zu einer zarten Feder, die zwischen den Instrumenten segelt, in den Strophen ist der Rhythmus knackig, erhaben aufgekratzt, keinesfalls plakativ. Der Track move on ist mir ob seiner Radiotauglichkeit ebenfalls aufgefallen, man könnte das zwar böswillig als Pop von der Stange bekritteln, muss man aber nicht, wirklich nicht. Das elegische red dream blue sphere komprimiert die getragene Atmosphäre der Platte am besten, indem es anfangs blutleeren Synthie eine schwelgerische Note gibt, eine ausladende Stimmung zur Entfaltung bringt. Und plötzlich mischt sich in diese Inszenierung das bereits angesprochene Saxofon, welches inbrünstig loskrakeelt. Chinese Silk and Videotape scheinen immer am Sprung zu sein, das Universum zu umarmen, aber vor der Welt mit ausgestreckten Armen zu fliehen, in erlösende Sphären zu driften. Oftmals durchweht die Lyrics ein widersprüchliches Drama, dem jugendlichen Hochgefühl der Auserwähltheit steht die Erkenntnis des Untergang entgegen. Während red dream blue sphere also träumt, ist breach & clear für die aufjaulende Fiebrigkeit zuständig, für ein kraftvolles Indie-Rock-Sehnen. „We awake in this cold light/ The sun has left our life/ Still stand in this dark night/ Have left this dream to fly“ sind weltflüchtige Zeilen, die die über weite Strecken vorhandene Gemütsverfassung der Platte aufzeigen. Bei dem Zehnminüter along the beam schöpft die Band am Ende nochmals aus dem Vollen. Er ist voller Brüche, Rhythmuswechsel, stilistisches Flickwerk, und wohl auch darum das fraglos beste Stück von Exit Direction.

Chinese Silk and Videotape haben dieses Werk mit Ambition unterfüttert. Im Verlauf des Albums verlassen sie die Komfortzone der Indie-Konsens-Tracks, wagen mehr und gewinnen mich dadurch endgültig als Fan. Auch der werte Kollege von den Schallgrenzen schätzt die Band „[w]egen der Raffinesse, Leichtigkeit und Eleganz, den reichlich anzutreffenden spannenden Momenten in ihren Songs“. Exit Direction ist ein Werk, bei welchem man dem Werden einer musikalischen Identität lauschen kann. Wie aufregend!

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

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