Reinste Form der Bescheidenheit – Mark Lanegan

Wenn man ein Album ganz und gar mit Neuinterpretationen bekannter und unbekannter, neuer und alter Lieder bestückt und diese Platte dann auch noch Imitations nennt, lässt das eigentlich nur auf dreiste Ehrlichkeit oder aber entwaffnendes Understatement schließen. So ein Werk mit Coverversionen ist eine unkomplizierte Angelegenheit, es ist recht schnell aus dem Hut gezaubert. Man erspart sich das songwriterische Stirnrunzeln, muss höchstens ein bisschen an den Arrangements tüfteln. Wenn man nicht dem Größenwahn verfällt und gleich ein Symphonieorchester samt Chor ins Studio bittet, wenn man bei der Auswahl der Coverversionen auch noch den einen oder anderen Klassiker auswählt, dann ist solch ein Album eigentlich eine sichere Bank. Für einen Sänger wie Mark Lanegan allemal! Und eben weil sich Lanegan mit großem Fleiß Jahr für Jahr mehr zum musikalischen Grandseigneur entwickelt, darf man den Plattentitel Imitations als reinste Form der Bescheidenheit abtun. Diese einzigartige Stimme tut das, was sie am besten kann, nämlich ohne jedweden Schnickschnack ausdrucksstark sein!

Lanegans Coverversionen stehen in ihrer Ernsthaftigkeit, in ihrem respektvollen Umgang mit den Originalen, in der Vielfalt der ausgewählten Titel, in der Ausprägung eines Eigenlebens natürlich in der Tradition eines Johnny Cash. Lanegan presst seine Auswahl nicht in ein stilistisches oder thematisches Korsett, diese Selektion wagt sich an Mack The Knife aus der Dreigroschenoper ebenso wie an Chelsea Wolfes erst unlängst erschienenes Flatlands. Er traut sich an einen Bond-Song wie You Only Live Twice, nur um wenig später den französischen Chansonnier bei Elégie Funèbre zu geben. All dies funktioniert, weil Lanegan keine Berührunsgängste kennt, die Herausforderungen sucht und mehrheitlich souverän bewältigt. Aus dem von Nancy Sinatra gesungenen Bond-Titelsong You Only Live Twice mit der typischen schwülen Opulenz wird in dieser entblößten Version ein rauer Abgesang. Wenn der Sänger mit dem Begriff der Imitation kokettiert, ist das angesichts solch einer Neuerfindung eines Liedes natürlich blanker Unsinn. Ahnlich verhält es sich mit dem von Neil Sedaka und Phil Cody geschriebenen Song Solitaire, den Lanegan explizit in der Version von Andy Williams covert. Auch hier schält sich aus einer souveränen Crooner-Nummer eine reibeiserne, vom Easy-Listening befreite Ballade. Stark! Dennoch finden sich freilich wieder Lieder, die den ursprünglichen sehr, sehr gleichen. Brompton Oratory etwa hat sowohl bei Nick Cave als auch bei Lanegan eine edle, eindringliche Getragenheit. Es ist also nicht so, dass diese Platte alles partout umkrempeln möchte. Zu den Highlights der Platte zählt I’m Not The Loving Kind, da es einem wirklich tollen Song eine stimmliche Brillanz hinzufügt. Man kann an John Cale viele positive Seiten finden, aber Lanegans charismatischer Bariton adelt diesen Track erst. Lonely Street, in der Version von Andy Williams eine schmalzige Verliererballade der Fünfziger, zählt in seiner abgespeckten Traurigkeit ebenfalls zu den Glanzlichter dieser Scheibe. Und sogar wenn die Coverversion die Segel streichen muss, etwa weil sie an Chelsea Wolfe mit ihrem atemberaubenden Flatlands einfach nicht heranreicht, macht dieser verhuschte Folk dennoch eine gute Figur. Wohl auch da der Gesang hier etliches Schattierungen zärtlicher ausfällt.

Ob Oldies wie Autumn Leaves oder Entdeckungen wie das tolle Deepest Shade, Lanegan vermag ihnen auf Imitations immer mindestens eine Nuance abzuringen, die das Ohr des Hörers mit Wohlwollen erfüllt. Ist Imitations aber mehr als nur eine Fußnote auf dem Weg zum künstlerischen Zenit? Diese Frage darf man bejahen, denn man hört Mark Lanegan an den Aufgaben wachsen zu. Er zählt zu den Ausnahmetalenten, die mit zunehmendem Alter immer besser werden. Trotz einer mehrere Dekaden umspannenden Karriere schickt er sich nun an, zu einer der charismatischsten Stimmen im Musikkosmos zu werden. Und bewahrt sich dabei eine fast bodenlose Bescheidenheit, anders lässt sich dieser grob irreführende Albumtitel nicht erklären.

imitations_cover

Imitations ist am 13.09.2013 auf Heavenly Recordings erschienen.

Konzerttermine:
19.10.2013 Wien (A) – Theater Akzent
20.10.2013 Linz (A) – Posthof
25.10.2013 Berlin – Passionskirche
11.11.2013 Köln – Kulturkirche
12.11.2013 Hamburg – Mojo
16.11.2013 Zürich (CH) – Kaufleuten
17.11.2013 Lausanne (CH) – Théâtre de l’octogone

Links:

Offizielle Webseite

Mark Lanegan auf Facebook

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