Stippvisite 18/09/2013 (Ohne Experimente kein Heureka!)

Dieser Tage kann man sich nicht einfach nur mit Musik beschäftigen. Denn auch wenn uns Medien und Politik die demokratische Teilhabe vermiesen wollen, sollte man zur Wahlurne schreiten. Lassen wir uns nicht von Griesgramen ins Bockshorn jagen. Wenn jemand postuliert, dass Politiker ohnehin ihr eigenes Spielchen treiben und die Interessen der Bürger mit Füßen treten, dann ist das schlichtweg Nonsens. Denn die, die bei Wahlen eigentlich versagen, sind jene Bürger, welche die immer gleichen aalglatten Gesellen und Schnepfen an die Macht befördern. Mit der Schwarmintelligenz ist es eigentlich nicht weit her, wenn man politischen Minderleistern immer und immer wieder das Vertrauen ausspricht. Wenn der Wähler politische Akteure für Schlampigkeit und Unaufrichtigkeit belohnt, besteht für die Protagonisten auch keine Notwendigkeit zur Besserung. Wenn uns Journalisten erzählen, wie lahmarschig der Wahlkampf sei, dann mag uns das in unserer Meinung bestärken, nur die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben. Aber Journalisten erzählen uns Tag für Tag alles, um Auflage beziehungsweise Klickzahlen zu generieren. Es fällt ihnen leichter, eine politische Kaste gleich einer Sau durchs Dorf zu treiben, als mit dem Finger auf den Bürger zu zeigen und dessen politisches Versagen zu geißeln. Dabei ist es doch die Einfallslosigkeit des Volkes, die die ewig gleichen Parteien mit oftmals verkrusteten Strukturen Mal für Mal in die parlamentarische Verantwortung spült. Politikverdrossenheit ist ein Euphemismus für Selbstbetrug. Wenn jeder Staatsbürger das Versagen in der Wahlzelle erkennen würde, könnte ein Wandel stattfinden. Lassen wir uns doch nicht einfach von der grassierenden Hysterie anstecken! Politik muss nicht zwangsläufig ein abgehobenes, von Phrasendrescherei bestimmtes, korruptes Geschäft sein. Sie ist es nur dann, wenn wir das Kreuzchen aus Gewohnheit machen und uns von griffigen Schlagzeilen leiten lassen. Wenn uns die unzähligen virtuellen Stammtische im Internet etwas lehren, dann dass Positionen und Plattitüden mit Feuereifer vertreten werden. Eifer ersetzt jedoch nicht die Vernunft, Leidenschaft nicht die Logik. Solang wir gleich Steinzeitmenschen mit lautem Hurra und der geschwungenen Meinungskeule aufeinander eindreschen, wird auch die Politik das konstruktive Miteinander nicht zum höchsten Gut küren. Doch irgendwie schaffen wir es immer, die eigenen Hände in Unschuld zu waschen und den schwarzen Peter weiterzuschieben. Wir sehnen uns nach Stabilität, unsere kollektive Sehnsucht verneint Experimente. Doch ohne Experimente kein Heureka! Wir treffen Wahlentscheidungen aufgrund von finanziellen Eigeninteressen und vergessen darauf, dass man auf das Wohlergehen aller Menschen achten sollte, wenn man in Frieden leben möchte. Wir wollen unsere individuelle Freiheit in vollen Zügen auskosten. Doch wie viel Luft bleibt denn wirklich zum Atmen, wenn wir alle diese Freiheit mit den Ellbogen verteidigen? Viele lauschen gern den salbungsvollen Worten, die Kinder als größtes Glück bezeichnen und Familien das Blaue vom Himmel versprechen. Dieselben Politiker haben aber oft kein Problem, eine etwaige Zukunft der Kinder dadurch zu erschweren, indem man sehenden Auges in ein Umwelt- und Klimadesaster läuft und nichts dagegen unternimmt. Wir alle könnten auch endlich Erich Fromms Erkenntnis aufgreifen, wonach die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte und nicht der Mensch der Wirtschaft. Die ewig gleiche Litanei, wonach gut sei, was Arbeitsplätze schaffe, dieses Dogma sollten wir dringend hinterfragen. Möglichst schon bei dieser Wahl. Wenn uns dieser Wahlkampf eine große Wahrheit beschert hat, dann wohl die, dass tatsächlich das Wir entscheidet. Wir, in der Wahlzelle, am Sonntag, reflektiert!

Und nun ein paar ausgewählte Musiktipps, um die Zeit angepannten Wartens bis zum Sonntag zu überbrücken…

Entdeckertipp:

Beginnen wir unsere heutige Rundschau mit einer kanadischen Formation namens The Box Tiger, die sich mit Haut und Haar dem Indie-Rock verschrieben hat. Die Sängerin Sonia Sturino röhrt derart energiegeladen los, dass die Chose von Anfang bis Ende unverbraucht, frisch und oft auch keck klingt. Das im August erschienene Album Set Fire ist somit eine echte Offenbarung. DIY-Attitüde trifft auf ein gerüttelt Maß an Eingängigkeit und emotionaler Ausdruckskraft. Gänsehautsongs wie Julian, Hospital Choir oder Knives vergisst man so schnell nicht. Darum bin ich wild entschlossen die Band hier demnächst ausführlicher zu würdigen, für heute soll es mit einer verhement vorgetragenen Empfehlung getan sein! Anhören! (gefunden auf human cannonball)

Klingentipp:

Ich hege durchaus Sympathien für eine Band, die sich einem dunklen Post-Punk-Sound verschrieben hat. Und noch interessanter wird die Chose, wenn solch Band auch noch textliche Abgründe durchschreitet. Mehr noch wächst mein Wohlwollen, wenn die Band sogar aus Deutschland kommt und deutsch singt. Die Münsteraner Band Messer bleckt die raue Klinge des Seins, bedient sich deprimierter, rebellierender Lyrics und eines Gesangs, der so inbrünstig wie nachlässig, also quasi schlampig genial anmutet. Das Lied Neonlicht hat mich sehr beeindruckt und eine Erwartungshaltung gegenüber dem für November angekündigten Album Die Unsichtbaren geweckt. Es mag einige starke Deutschpop-Gruppen geben, renommierte wie junge Liedermacher, aber die Band Messer könnte durchaus eine musikalische Lücke füllen, an große Zeiten und große Traditionen anknüpfen. Ich bin sehr, sehr gespannt! (via Coast Is Clear)

Videotipp:

Ich habe mich schon öfter darüber aufgeregt, dass die Relevanz des Musikvideos abgenommen hat. Das hat natürlich vielerlei Gründe, die nun aufzuzählen den Rahmen sprengen würde. Fakt bleibt jedoch, dass verwackelte, nichtssagende iPhone-Clips einer Indie-Band wenig nützen. Natürlich mag es mitunter nett sein, die Band bei dem einen oder anderen Späßchen zu beobachten oder am Leben im Tourbus teilzuhaben. Aber es stellt sich schon die Frage, ob das der passende Hintergrund für Musik ist. Bands versuchen musikalisch möglichst professionell zu agieren. Konterkarieren sie nicht dadurch ihr Tun, indem das Video dann billig aufgemacht ist? Natürlich kostet ein hochwertiger Clip Geld und künstlerisches Hirnschmalz, dafür hat man dann aber auch ein brauchbares Vehikel zur Verbreitung. Nehmen wir doch nur das offizielle Musikvideo zu Ghost Of A Smile des Dänen Peder. Hier wird eine Fight-Club-Geschichte sehr edel und atmosphärisch fotografiert, dazu auch noch intensiv gespielt. Die Brutalität des Clips steht in krassem Gegensatz zur getragenen Musik, die man sich gut im plüschigen, verrauchten Ambiente eines altmodischen Nachtclubs vorstellen könnte. Dies Spannnungsverhältnis lässt das Musikvideo ganz außergewöhnlich wirken. Ich bin begeistert. (via Schallgrenzen)

Konzerttipp:

Bleiben wir doch gleich in Dänemark. Das aus Aalborg stammende Quartett Flod ist ein echter Leckerbissen für Fans unkonventionellen Post-Rocks. Flod entpuppen sich als Propheten der Erhabenheit, Kindlichkeit und fernöstlicher Exotik. Natürlich ist der musikalische Kosmos, in welchem sich die Dänen bewegen, nicht wirklich unbekannt, aber eine eigene Note bleibt unverkennbar. Laut Eva-Maria vom Polarblog geben sie sich „experimentierfreudig, schwelgen irgendwo zwischen tribaler Abenteurlust und romantischer Sinnsuche und streben hörbar nach dem Gesamtkunstwerk“. Ihr sind speziell die „kunstvollen Cover-Illustrationen zwischen Japan-Ästhetik und Jugendstil“ ins Auge gestochen. Auch im Falle von Flod gilt, dass ich die Band gerne auf LP-Länge kennenlernen würde. Besucher des Reeperbahn Festivals sollten die Gelegenheit nutzen und Flod am 27.09.2013 um 20 Uhr am Spielbudenplatz live erleben.

Wischiwaschitipp:

Eine Empfehlung möchte ich heute noch aussprechen. Trotz eines Videos, in dem der Sänger im Bademantel das Mikrofon abspeichelt! Ist das Big-Apple-Spleenigkeit oder der neueste Trend aus New York? Auch das Cover des jüngst auf FatCat Records veröffentlichten Albums Screens legt den Schluß nahe, dass die Band Forest Fire einen Hang zum Gaga pflegt. Das kann man jedoch nicht über ihre Musik sagen, denn Tracks wie Waiting In The Night oder Alone With The Wires fallen durchaus gediegen aus. Speziell Mark Threshers Gesangs gefällt sich als gewispertes bis windelweiches Wischiwaschi. Und das meine ich als veritables Kompliment! Insgesamt ist dieser Indie-Pop mit Synthie-Elementen allein schon deshalb bemerkenswert, weil die Songs auch nach einem Dutzend Hördurchläufen noch immer nicht in die Knie gehen. Wie nett, wäre da nicht der Bademantel… (gefunden bei Nicorola)

Das soll es für heute gewesen sein. Demnächst natürlich wieder mehr!

SomeVapourTrails

6 Gedanken zu „Stippvisite 18/09/2013 (Ohne Experimente kein Heureka!)

  1. Ich verspreche hoch und heilig ihm Rahmen des Urnengangs Sonntag an das Wohl der Menschheit und die Natur zu denken. Und ähem …. nach meiner unmaßgeblichen Meinung gibt es KEINE große resp. relevante Deutsch-Pop Band. Alles Scheisse ohne Ausnahme. Aber diesen räudige Joy Division Klone namens Messer und den hier vorgestellte Song finde ich richtig super.

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