Ungeschliffene Rohdiamantinnen – PINS

Nicht jede Existenz einer auf Aufmüpfigkeit getrimmten Girl-Band ist gleich als feministisches Statement zu werten. Dennoch bin ich durchaus der Meinung, dass es ruhig mehr weibliche Wucht in der Musik geben darf. Solch Bands sind das nötige Pendant zu all den musikalischen Püppchen, die Musik zur Anschauungssache machen. Nun existieren sicher nicht wenige großartige Singer-Songwriterinnen, die bereits beträchtlichen Anteil am emanzipatorischen Fortschritt in der Musik haben, aber rein weibliche Formationen begraben auch etablierte Vorurteile, wonach bestimmte Musikinstrumente nicht für Frauen gemacht seien. Die vier Damen der aus Manchester stammenden Formation PINS sind aber nicht einfach nur Quotenmädels, die mächtig drauflos lärmen. Die PINS sind vielmehr ungeschliffene Rohdiamantinnen, an die besser kein Label Hand anlegen sollte.Das dieser Tage erscheinende Albumdebüt Girls Like Us besticht als Parforceritt, zeitigt einen atemberaubenden eigenen Sound. Dass dieses Werk von einer Girl-Band stammt, scheint bestenfalls das Tüpfelchen auf dem i.

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Photo Credit: Elle Brotherhood

Ob Post-Punk, Garage-Rock oder Noise-Pop mit Shoegaze-Einschlag, man könnte diese Platte in so manch Schublade packen. Muss man aber nicht. Denn Genres sind ja oft nur Gedächstnisstützen für Menschen, die Musik nicht erfühlen können. Dabei ist das Erfühlen in diesem Fall wahrlich nicht schwer, die verzerrte Gitarre röhrt in den Eingeweiden. Schon zu Beginn wird mit dem Titeltrack Girls Like Us ein ordentlicher Haken in die Magengrube gesetzt, derart dass man Blut gleich Konfetti spuckt. PINS sind ein überselbstbewusster Haufen, der schon am Anfang ohne Rücksicht auf Verluste das Revier markiert. Sie schreien dir schon mal Mad For You ins Gesicht. Das klingt rau, herb, vom Musikgeschäft gänzlich unverdorben. Mit Blondie, Hole oder auch den Dum Dum Girls mangelt es der Band auch nicht an passenden Vorbildern. Get With Me etwa zielt rotzfrech gerade durch die Mitte voll ins Herz. Hymne frisst Seele, gnadenlos. I Want It All ist unter diesem Aspekt auch als geheulte, gegrölte, geschlagzeugte Drohung zu verstehen. All die DIY-Energie ist strapaziös, im positivsten Sinne. Hier wird bereits in der ersten Sekunde Betriebstemperatur erreicht und diese dann für 2-3 Minuten bis zu Anschlag ausgereizt. Der Triumph solcher Attitüde setzt sich auch bei Lost Lost Lost fort. Die Zeilen „I feel alright, I feel so young/ There’s nothing else I want to become/ I take as much as I can give/ Until there is nothing left“ vermitteln die Grundstimmung des Werk am besten. Wie die PINS ihre Dynamik verschwenden, ihre jugendlicher Unbeschwertheit als Keule schwingen, das ist im Jahre 2013 noch immer keine Selbstverständlichkeit, vor allem nicht in dieser Radikalität. Mit dem psychedelischen Spoken-Word-Track Velvet Morning zeigt die Formation gegen Ende der Platte noch ein gänzlich anderes Gesicht. Es funktioniert als hypnotisches Poem, als ein Gegenstück zum vorherrschenden Elan des Krah-Krah. Mit Stay True folgt darauf wieder einer ein Titel, welcher  all die Ungehobeltheit dieser Platte auf 3 Minuten einfängt. Dagegen scheint das abschließende The Darkest Day eher nachdenklich-düsterer Emotion nachzuhängen, ehe zuletzt doch noch mal die PINS zum Finale furioso aufsatteln. Die Worte „It hit me, so suddenly“ können dabei gut auf den Hörer umgemünzt werden. Denn Art und Weise dieses Albumausklangs taugen wirklich zum Knockout. Solch roher Wucht, solch vehementer Attacke sieht man sich zu selten ausgesetzt.

Über die PINS wird man zweifelsohne noch so einiges hören. Um diese Girl-Power braut sich bereits ein ordentlicher Hype zusammen. Und wenn sie sich ihre Ungeschliffenheit bewahren, wird dieses virtuose Album Girls Like Us dereinst als Geburtsstunde einer Band gelten, die auch in vermeintlich aufgeklärten Tagen noch ein feministisches Statement zu setzen vermochte. Ich hoffe sehr, dass diese Energie nicht zu schnell verpufft. Es wäre schade, jammerschade!

girlslikeus

Girls Like Us erscheint am 27.09.2013 auf Bella Union.

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