Das Jauchzen und Seufzen, Hauchen und Wispern, Räkeln und Röhren der Anna Calvi

Wer dem Anfang 2011 veröffentlichten Erstlingswerk der britischen Singer-Songwriterin Anna Calvi gelauscht hat, durfte ganz und gar der Begeisterung verfallen sein. Zu ihrem selbstbetitelten Album kam mir damals jenes Fazit in den Sinn: „Anna Calvi vermag mit ihrem raffinierten Debüt zwischen divaresker Aura und seelischer Gebeuteltheit zu wandeln, knisternde Atmosphäre zu bescheren, sich stets einen Fingerspalt von den musikalischen Vorbildern abzugrenzen, fast immer auch mit der nötigen Distanz zum Hörer zu agieren. Das Fehlen jeglicher Plakativität, die Würdigung des Subtilen, welches sie sich selbst in ausufernden Momenten bewahrt, all das macht Calvi nie durchschaubar und fordert unsimpel gestrickte männliche Fans heraus. Wenn das kein Erfolgsrezept ist, was denn sonst?“. Nun also begibt sich die Britin mit ihrem neuen Werk One Breath auf den steinigen Weg, die Erfolgsgeschichte des Erstlings fortzusetzen. Und tatsächlich, wenn es 2013 eine Platte gibt, welche die Sinnesverwirrung und den stockenden Atem vor dem sich heranpirschenden Drama famos darstellt, dazu im Jauchzen und Seufzen vergeht, dann ist dies wohl One Breath. Calvi hat sich ihre Tugenden bewahrt, die eine oder andere Düsterheit und Intimität hinzugefügt und somit ein gelungenes Album geschaffen, dass dem vorangegangenen Meisterwerk kaum nachsteht.

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Photo Credit: Roger Deckker

Calvi ist in etwa eine Mischung aus PJ Harvey und Florence Welch (von Florence + the Machine). Sie schnürt sich ein raues Seelenkorsett, das sie immer wieder mit ausladend hymnischen Gesten sprengt. Das im Debüt immer wieder anklingende Aufschluchzen im Stile der Sechziger wurde zurückgefahren, das ikoneske Charisma zugunsten einer verstörenden Unschärfe reduziert. Textlich wirkt One Breath rätselhafter, emotional verfilzter, weniger zugespitzt. Doch ehe das nun etwa gar als igitt anmutet, sei auf den Opener Suddenly verwiesen, der in Sachen Theatralik durchaus an bereits bekannte Ausdrucksstärke anknüpfen kann. Calvi gibt sich als fragiles Emotionalchen („I stand on the edge of sadness/ That I can’t face/ It tastes like I’m leaving„), das sich plötzlich zur Befreiung aufschwingt („Suddenly I will leave it all behind„). In dem Moment, wenn ihre Stimme vollmundig überkocht, wird der Hörer von einer betörenden Intensität überwältigt. Wie die Sängerin auf dem nachfolgenden rockigen Track Eliza in fast schon schwülstiger Sehnsucht Mal für Mal den Namen Eliza grölt, geradewegs von der Zunge schnalzt, das tönt voll beschwörerischem Pathos. Entzücken pur! Ab dann jedoch tritt eine neue Calvi ins Rampenlicht. Schon Piece By Piece lässt sie zärtlich wispern und eisig vergehen, konterkariert von einem abgefeimten Rhythmus und immer wieder reingrätschendem, gitarrigem Schnarren und Quietschen. Auch Cry funktioniert nach einem ähnlichen Muster. Wenn Calvi nicht die Drama-Queen sein möchte, müssen die Instrumente in den keinesfalls sauren Apfel beißen, eruptiv losjodeln. Sie gibt sich edel, unheimlich elegant im Gesang, von einer tief im Hintergrund gespenstisch umherschleichenden Orgel ummalt, ehe plötzlich die Luzie abgeht, in voller Verzerrung explodiert. Diese rohen Augenblicke sind der Saugnapf, der das Ohr robust an diese Scheibe pappt. Sing To Me ist abermals aus einem anderen Holz geschnitzt, wirkt als verhuschte Ballade, die quasi aus dem Nichts in Cinemascope erstrahlt, Streicherinbrunst enthält. Wie die anfangs im Halbdunkel befindliche Sängerin unvermittelt mit höchster Souveränität ins Licht tritt, das fällt mit jedem Hördurchlauf gänsehäutiger aus. Der ordentliche Rockfeger Tristan entpuppt sich als beiläufigste Nummer, sie wird sofort vom anschließenden Titelsong One Breath aus dem Gedächtnis gespült. Dieser räkelt und haucht vor sich hin, stöhnt übererregt, ehe aus einer Sekunde der Kakophonie ein strahlendes Orchestermeer entspringt. Und Streicher in ein verlockendes Idyll schlingern. Die Irritation wird durch den Umstand grotesk verstärkt, dass mit Love Of My Life ein lärmiger, in die Fratzenhaftigkeit verzerrter Song folgt. Aus der sonst noblen Britin wird ein röhriges Rauhbein. Calvis Gesang scheint dumpf gefiltert, erst gegen Ende wandelt sich das Bild. Love Of My Life ist eine Glanztat, zeigt eine der Richtungen auf, in welche Reise in der Zukunft gehen könnte. Carry Me Over dagegen beschert einen von Grandeur durchwirkten Rückfall in alte Zeiten. Und doch verrät der spannend inszenierte Mittelteil, dass das Songwriting dazugelernt hat, den einen oder anderen instrumentalen Haken zu schlagen. Bleed Into Me und das finale The Bridge sind Momente der Transzendenz. Vor allem ersteres schließt seinen Frieden mit den Dingen, lässt sich in die Liebe fluten („Oh river wilder than love/ I can feel you rising up/ Bleed into me, Bleed into me/ I can feel your tide on me/ You’ve got the kind of love I need„). Es glückt als versöhnlicher Ausklang einer Platte, die betont anders als ihr Vorgänger sein wollte.


Anna Calvi – Eliza (Official Video) von domino

Anna Calvi wollte ihren glamourösen Bond-Stil nicht einfach weiterstricken und dem schillernden Hochglanz einige Schrammen beifügen. One Breath erlaubt nun einen Blick hinter die Fassade. Und dieser fällt keineswegs enttäuschend aus. Calvi zählt zusammen mit einer Florence Welch, einer Kyla La Grange zu den Vorzeige-Songwriterinnen ihrer Generation. Sie ist in der Substanz unglaublich abgründig und wird dem Hörer noch sehr viel Freude bereiten. Natürlich auch mit diesem Album!

onebreath

One Breath ist am 04.10.2013 auf Domino Records erschienen.

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