Der Erfolg knallharten Kalküls – Chvrches

Die schottische Band Chvrches hat das geschafft, wovon Musiker in ihren feuchtesten Träumen heute kaum mehr zu fantasieren wagen. Sie haben ein Debütalbum veröffentlicht, dass Musikkritik wie breite Masse gleichermaßen befriedigt. Und dabei mussten sie noch nicht mal den Griff ins Klo wagen, nicht mit Humptata in die Kacke springen. The Bones Of What You Believe reiht Hit an Hit, gibt sich immer schmissig, lädt zum Mitgrölen ein, wummert düster, hält die Beine auf Trab, entzündet im Refrain schiere Euphorie. Chvrches unterhalten saumäßig gut, glätten die von allzu übertriebenem Indie-Konsum gefurchten Runzeln auf der Stirn. Man muss kein aufwändig geschneidertes Gefühlskostüm besitzen, keinen durch Camus und Satre getunten IQ im Köpfchen haben, um diese Platte zu mögen. Zugleich sind Texte und Sound nicht platt wie eine Flunder, vermag die Band auch dem musikalischen Fast-Food-Fan ein Lächeln in den Gaumne zu zaubern.

Das Wesen eines Erfolgsgeheimnis besteht darin, dass es sich dem Betracher bestenfalls ein wenig enthüllt. Und mehr als einen Zipfel erhascht man auch diesmal nicht. Chvrches stehen für einen Electro-Pop, der sich dem Fan auf die Schulter klopft. Oft beschert uns das Genre ja einen Eskapismus, der nicht nur vor der Welt, sondern auch vor dem Hörer flüchtet. Und natürlich erinnert manch Hookline an den einen oder anderen Song von früher, der zu Unrecht aus dem Gedächtnis gefallen ist. Die sofortige Vertrautheit der Songs ist der eine Pluspunkt. Dass Sängerin Lauren Mayberry oft mit der Fiebrigkeit eines Achtzigerjahre-Pop-Sterns kiekst und trällert, gerät zu einer weiteren Liebenswürdigkeit der Platte. The Mother We Share hat mich schon die eine oder andere Stunde grübeln lassen. Woher kenne ich nur die Akkorde des Refrains „The way is long but you can make it easy on me/ And the mother we share will never keep our cold hearts from calling„? Dass ich zu keinem Ergebnis komme, spricht für die Band. Überhaupt ist der Titel einer der verfänglichsten des Jahres. We Sink wiederum flackert unstet. „I’ll be a thorn in your side/ Till you die/ I’ll be a thorn in your side/ For always“ ist ein hymnisch Versprechen am Rande des Abgrunds, mehr Drohung als Liebeserklärung. Gun flirrt im Synthie-Flitter der Achtziger, entpuppt sich als eine auf Hochglanz polierte, heftige Rachefantasie. Lies ist ähnlich erbarmungslos im Ton, schwingt sich zum Triumph „I can sell you lies/ You can’t get enough“ auf. Mayberry übertüncht mit ihrem retroesken Girlie-Touch so manch textliche Heftigkeit. Denn The Bones Of What You Believe ist keinesfalls eine nette, harmlos tönende Platte, die gute alte Zeiten abfeiert. Sogar Recover, das den Liebsten vor die Entscheidung zwischen Verbleib und Trennung stellt, wird nicht mit einem putzigen Augenaufschlag und Gebettel dargereicht. Stattdessen scheint kompromisslose Beharrlichkeit großgeschrieben. Im düstersten Track des Werks, Science/Vision nämlich, wird ein Industrial-Sci-Fi-Albtraum kreiert, der unbehagliches Gefühl einer Flucht nach vorn vermittelt. Quasi als Kontrapunkt folgt mit Lungs ein im Gesang quiekiges und im Rhythmus nervöses wie ungelenkes Stück nach. You Caught The Light als abschließende, verzerrte, entschwebende Ballade sieht Mayberry das Mikrofon an den männlichen Bandkollegen Martin Doherty weiterreichen. Und obwohl man das Album so sehr mit Mayberrys Gesang verknüpft, zeigt gerade dieser Song, dass Chvrches auch ohne der Magie der Frontfrau zu beeindrucken wissen.

Den Erfolg von The Bones Of What You Believe registriere ich erfreut. Auch weil ich die Doppelbödigkeit des Werks schätze. Unter all den eingängigen Melodien und dem Charisma Mayberrys ist ein Dunkel verborgen, eine sinistre Dynamik, die auch zu mehr als Unterhaltung taugt. Wenn Allmusic der Band attestiert, dass sie große Sounds und Gefühle ohne eine Spur Ironie umarmt, dann ist das nur ein Teil der Wahrheit. Prefix nähert sich dem Geheimnis noch mehr, wenn es die Chvrches als „that rare pop-band capable of being dark and meditative or fun and philosophical in a matter of minutes“ bezeichnet. Die Schotten geben ihrem Synthie-Pop Tiefe, Abwechslungsreichtum und freilich auch Kurzweiligkeit. Das klingt nach einer schlichten Patentrezept, aber auf graue Theorie folgt oft das Versagen in der Praxis. Nicht jedoch bei Chvrches! Und darum ist dieser knallhart kalkulierte Erfolg umso bewundernswerter.

thebonesofwhatyoubelieve

The Bones Of What You Believe ist am 20.09.2013 erschienen.

Links:

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Der Erfolg knallharten Kalküls – Chvrches

  1. Ich mag Chvrches auch echt gerne, aber das Album hinterlässt bei mir, trotz der vielen Hits, ein Gefühl von nicht völliger Befriedigung. Ich denke, mir ist der Sound auf Albumlänge einfach etwas zu steril. Das soll vermutlich Stilmittel sein, aber auf Albumlänge ist es mir etwas zu viel. Trotzdem wird die CD in meinen Top 20 für 2013 landen. 🙂

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