Ich würde ja auch lieber süße Katzenbilder posten! – Gedanken zu Lauren Mayberrys Brandbrief

Ich würde ja auch lieber süße Katzenbilder posten! Oder über nerdige Gadgets und C-Promi-Eskapaden quasseln. Ich würde zumindest das Augenmerk auf Songs legen wollen, die Herz und Hirn erfreuen. Uns träumen machen. Aber Musik als elementarer Baustein unserer Kultur spiegelt jedoch auch Realitäten wider, die sauer aufstoßen müssen. Darüber gilt es zu reflektieren und Schlüsse zu ziehen. Und das möglichst unaufgeregt und schon gar nicht im Stile unbedarfter Schulaufsätze. Gedanken also, die man nicht dem Focus oder Spiegel überlassen sollte. Was Anfang der Woche im britischen Guardian erschienen ist, hat vielleicht auf den ersten Blick an die mittlerweile eingeschlafene Aufschrei-Debatte erinnert. Aber Hashtags sind halt ein unzureichender Motor für einen notwendigen Diskurs.

Vergangenen Montag jedenfalls hat Lauren Mayberry, Mitglied der britischen Synthie-Pop-Band Chvrches, im Guardian ihre Erfahrung zur Frauenfeindlichkeit im Internet dargelegt. Mayberry konzentriert sich dabei vor allem auf herabwürdigende Kommentare in sozialen Netzwerken. Begonnen hat alles mit einem Post auf Facebook, in welchem sie den Tenor tagtäglich erhaltener E-Mails zusammenfasste („I’d fuck the accent right out of her and she’d love it„). Die Reaktionen darauf fielen natürlich großteil empathisch aus, doch fanden sich freilich auch Sätze wie „I have your address and I will come round to your house and give u anal and you will love it you twat lol“ darunter. Das führte zu besagtem Beitrag im Guardian, in dem sie berechtigterweise die Frage stellt, warum sie sich solch Beschimpfungen und Drohungen bieten lassen sollte. Die Sängerin führt weiter aus, dass sie sich bislang selbst um die Interaktion mit den Fans gekümmert und deren Nachrichten gelesen hat. Sie wolle trotz des Erfolges eine gewisse Nähe zu den Fans beibehalten („[I]t is important to me that our fans know we value their interest in us by giving things a personal touch.„). Aber wer bei allem Zuspruch eben stets auch mit extremem Sexismus, Frauenfeindlichkeit und sogar Vergewaltigungsfantasien konfrontiert wird, braucht ein wirklich dickes Fell.

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Lauren Mayberry ist mit ihrer Band Chvrches einer der Shooting-Stars des Jahres.(Photo Credit: Eliot Lee Hazel)

Soweit also die Ausgangslage, die von Mayberry keinesfalls weinerlich beschrieben wird. Und im Grunde ist es ein alter Hut, dass Erfolg nicht ohne Schattenseiten zu haben scheint. Aber weder sollten Stars mit Drohungen leben müssen, noch sollten wir Beleidigungen als Absonderungen vereinzelter Spinner abtun. Auf eine lautstarke Arschgeige kommen hundert Internetnutzer, die doof glotzen oder peinlich berührt wegsehen. Ob in Foren, auf Facebook und Twitter oder in Chats, wir alle werden täglich mit heftigster Rüpelhaftigkeit konfrontiert. Dabei geht es beileibe nicht nur um Seximus, menschenverachtende Äußerungen sind allgegenwärtig. Sie führen zu einer Verrohung des Internets, welche in unseren Alltag schwappt. Die daraus resultierenden schlechten Schwingungen überlagern oft die guten Vibes, die wir im Netz aufschnappen. Das gilt für eine Frau Mayberry ebenso wie für den Stinknormalo. Nun geht es gar nicht darum, die ganze digitale Kommunikation in ein Anstandskorsett zu pressen. Man darf mit harten Bandagen unterwegs sein. Anderen Zeitgenossen jedoch ins Gesicht zu scheißen, den eigenen Seelenmüll achtlos abzuladen, mit diebischer Freude den Spielverderber spielen, Perversitäten auszuleben, das alles darf einfach nicht sein.

Ich stelle mir vor, dass Mayberry gerade einen erquicklichen Tag im Proberaum verbracht hat, sich nach vollbrachtem Tagwerk ihr Smartphone schnappt und dann eine Vergewaltigungsfantasie um die Ohren gehauen bekommt. Der Unterschied zwischen einem geäußerten Gedanken und einer Tat ist doch nur gering. Wer verbal ausrastet, kann auch zu physischer Gewalt neigen. Wer mit Worten droht, hat bereits ganz und gar auf Angriff geschaltet. „Ich weiß, wo du wohnst!“ sind starke Worte, die man nicht einfach wegwischen kann und will. Und das betrifft doch längst nicht nur Frauen. Welcher Mann möchte schon, dass seine Gattin, Freundin, Tochter, Mutter mit solch einer Aussage konfrontiert wird?

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Die Band beim Lesen der Nachrichten aus sozialen Netzwerken. (Photo Credit: Christina Kernohan)

Ein oftmals geäußerter Vorschlag lautet dahingehend, dass sich Frauen im Netz nicht zu sehr offenbaren sollten. Sie würden damit doch ungesunde Projektionen erst anziehen. Ein auf Facebook gepostetes, Frau im Bikini abbildendes Urlaubsfoto würde nach dieser Logik doch quasi zum Stalking animieren. Aber ist es wirklich erstrebenswert, Frauen zu ihrem vermeintlich eigenen Schutz in eine virtuelle Burka zu zwingen? Besteht die von der Politik geforderte Medienkompetenz tatsächlich darin, die eigene Freiheit zu opfern, nur um ja nicht ins Fadenkreuz eines Irren zu geraten? Und wie soll sich dann eine in der Öffentlichkeit stehende Musikerin wie Mayberry verhalten?

Die Aufschrei-Kampagne hat ein gewisses Maß an Aufregung verursacht. Aber die Anfang des Jahres vorherrschende Hysterie war kein guter Ratgeber. Weil es einen kühlen Kopf braucht, um eine Gegenstrategie zu ersinnen. Weil Frauenfeindlichkeit letztlich nur Teil eines größeren gesellschaftlichen Problems ist. Solange die Bösen böse sein dürfen, schlichtweg da sich der Rest in Schweigen hüllt, nur keine Scherereien haben möchte, solange wird es Frauenfeindlichkeit und ebenso Rassismus geben. Es braucht dringend mehr Zivilcourage, in den Straßen wie auf sozialen Netzwerken.

Fassen wir also zusammen. Dieser Beitrag im Guardian ist nicht etwa das Lamento einer zickigen Sängerin einer gerade angesagten Band. Er zeigt vielmehr die auf Prominente projizierten Perversionen auf, unterstreicht weiters, dass solch Aggressionen nicht mit Gleichgültigkeit begegnet werden kann. Sie nagen. Doch sollte man sich nicht täuschen, Herabwürdigungen sind keinesfalls auf Stars und Sternchen beschränkt. In mehr oder minder unmoderierter Umgebung ist jede Frau ein Angriffsziel. Aber nicht nur. Die Facetten des Hasses sind vielfältig, Menschen werden aufgrund von Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung geschmäht. Und wenn wir uns die Freiheit in der schönen, digitalen Welt bewahren wollen, muss der kleine Prozentsatz an Plagegeistern nachdrücklich von der empathischen Mehrheit in die Schranken gewiesen werden. Wie? Mit kühlem Kopf und resolut. Und ohne dem Opfer eine Teilschuld zuzuweisen.

Ich würde ja auch lieber süße Katzenbilder posten. Oder über Mayberrys Band Chvrches sprechen, denn der Hype ist durchaus gerechtfertigt. The Line Of Best Fit hat das jüngst veröffentlichte Album The Bones Of What You Believe sehr gut beschrieben: „They concurrently force you into a quivering wreck of tears, an ecstatic delirium, a lovestruck flutter and a warpath of foot-stompin’, fist-pumpin’, hip-wigglin’, lipstick stained, vodka scented glorious hedonism. A soundtrack for life’s glorious heights and crumbling nadirs.„. Manchmal kann man sich aber nicht einfach auf Musik konzentrieren. Partout nicht! So ging es zumindest mir, als ich Lauren Mayberrys Brandbrief gelesen habe.

SomeVapourTrails

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