Im Licht des Heute – Tindersticks

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Dementsprechend begeht die britische Formation Tindersticks 2013 ihr 21-jähriges Bestandsjubiläum. Nebenbei brachte sie vor genau 2 Dekaden ihr erste LP heraus und dieser Tage veröffentlicht sie das mittlerweile 10. Studioalbum. Das sind in der Summe zwar eher halbseidene Gründe, aber man glaubt der Band gerne, dass jene windschiefen Jubiläen kein Vorwand für eine zusammengeschustere Platte sind. Across Six Leap Years ist weder Best-of noch neue Songs präsentierendes Werk, es beinhaltet vielmehr neu eingespielte Tracks. Bandmitglied David Boulter erklärt die Umstände wie folgt: „Recording these songs again was not so much about righting past mistakes or inadequacies, but more about the power of now.„. Die Tindersticks wollen demnach bei Across Six Leap Years vergangene Songs im neuen Licht des Heute erstrahlen lassen. Aber inwieweit unterscheidet sich dieses Heute vom glanzvollen Gestern? Zumal der Sänger Stuart A. Staples seit Jahr und Tag ein Garant für einen charismatisch-samtenen Vortrag ist.

Ehrlicherweise sind die Unterschiede zwischen den meisten Versionen marginal. Auch alte Songs wurden keiner Radikalkur unterzogen. Die Band hat die verschiedenen Mosaikteile aus ihrer langen Geschichte bestenfalls ein wenig aufpoliert, zu einem für 2013 stimmigen Sound zusammengepuzzelt, Staples manchmal noch mehr hervorgerückt. Wie diese Auswahl zustandegekommen ist, scheint dagegen zunächst nicht wirklich nachvollziehbar. Drei der zehn Lieder stammen vom zweiten Album der Tindersticks (1995), zwei sind Simple Pleasure (1999) entnommen, Dying Slowly war zuvor auf Can Our Love… (2001) zu hören, ein Track findet sich auf Waiting for the Moon (2003). Als Seltenheit sticht lediglich What Are You Fighting For? hervor, das 2008 nur als Single erschien. Die übrigen zwei Titel dieser Platte hatte Staples zuvor auf seinem Solodebüt Lucky Dog Recordings 03–04 (2005) veröffentlicht. Eine Werkschau ist Across Six Leap Years somit nicht, weil die drei letzten Scheiben allesamt ausgeklammert blieben, auch die Soundtracks zu den Filmen von Claire Denis wurden gänzlich ignoriert. Ebensowenig darf man es als Raritätenkabinett bezeichnen. Wie man es also auch dreht und wendet, als einzig sinnvolles Erklärungsmuster bleibt jenes der Band übrig, die da meint, das Potential manchen Liedes erst heute ausloten zu können. Rechtfertigen solch Nuancen das Tamtam, das ein zehntes Studioalbum zwangsläufig nach sich zieht? Jein.

Across Six Leap Years beruht eigentlich auf einem liebenswerten Missverständnis. Viele Musiker streben nach dem perfekten, bis ins Detail gelungenen Lied. Und legen dabei höhere Maßstäbe an als der gemeine Fan. Der feine, die Band glückselig machende Unterschied besteht bei den Songs Friday Night und Marseilles Sunshine doch nur darin, dass sie nun unter dem Namen Tindersticks firmieren und nicht länger dem Soloschaffen des Herrn Staples zuzurechnen sind. If You’re Looking For A Way Out fällt im Gegensatz zu der Fassung von Simple Pleasure nun souliger und smoother im Sound aus, Say Goodbye To The City scheint vordergründiger, mit einem dramatischen Reiz und weiblichem Hintergrundgesang verstärkt. Am ehesten stechen noch die Veränderungen bei den Liedern des zweiten Albums der Tindersticks auf. Staples hat seinen Bariton im Laufe der Jahre mit noch mehr Wärme und Kraft ausgestattet, darum gewinnt A Night In hinzu, klingt She’s Gone vollmundiger. Manche Songs sind jedoch blanke Wiederholung des bereits Geleisteten, das wunderbare I Know That Loving kommt ohne neuen Ansatz daher. Darum verfällt auch der hartgesottene Anhänger in einen gewissen Zwiespalt.

Längst sind die Tindersticks eine singuläre Band, die Musik für die schummrigen Stunden des Abends macht. Eine durchschnittliche oder gar schlechte Platte ist den Herren nicht zuzutrauen, dazu haben sie zu viele tolle Alben auf dem Kerbholz. Nichtsdestotrotz bietet Across Six Leap Years keine Überraschungen, keine veränderten Blickwinkel. Die Tindersticks mögen die Aufnahmen in den legendären Abbey Road Studios genossen haben, mehr als eine Fußnote konnten sie ihrem bisherigen Wirken freilich nicht hinzufügen. Das Licht des Heute mag vielleicht ein wenig heller sein, der fahle Schein des Gestern hatte jedoch auch jede Menge Reize zu bieten.

acrosssixleapyears

Across Six Leap Year ist am 11.10.2013 auf City Slang erschienen.

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