Mehr als nur Theaterdonner, vielmehr Mut zur Erhabenheit – Moonface

Sei ergriffen und erhaben, sei aufgewühlter Dichterfürst! Sei eins mit dem Klavier, sei nobel im Wirken! Sei melodieversonnen vor Liebe, sei theatralisch in mächtigen Zweifeln! Solch Gebote muss sich der kanadische Singer-Songwriter Spencer Krug wohl auferlegt haben, solch Instruktionen mag er sich seiner Hirnrinde abgerungen haben, um nun unter seinem bewährten Alias Moonface das Album Julia With Blue Jeans On präsentieren zu können. Diese Platte ist in bester Piano-Man-Manier konzipiert, das kristallklare Klavier lässt jeden Tastenhieb kraftvoll tönen, Krugs Gesang jammert, reflektiert, erinnert, fantasiert, fühlt und liebt voller Hingabe. Dieses Werk kennt keine Bescheidenheit, keine Zurückhaltung, es will bestaunt und geschätzt werden. Das Album gemahnt an die Ernsthaftigkeit eines Klavierabends, wenn wohlgekleidete Bürger in gesitteter Eintracht dem Vortrag lauschen. Julia With Blue Jeans On wirkt eitel, vom eigenen Theaterdonner restlos überzeugt. Moonface gebärdet sich als Chansonnier, der sich der Hörigkeit des Publikums gewiss sein darf.

Photo Credit: Tero Ahonen
Photo Credit: Tero Ahonen

Woher Krug dieses Selbstbewusstsein nimmt, vermag ich nicht zu sagen. Doch die Souveränität seines Ausdrucks imponiert, ungemein sogar. All das, was diese Platte vorgibt zu sein, löst sie letztlich auch ein. Mitunter erinnert Moonface ein klein bisschen an die exaltierte Wucht eines Scott Walker oder auch schon mal an die zuspitzende Finesse eines Neil Hannon. Das sind eher Anhaltspunkte für seine Darbietung, Namen gängiger Pianotypen wie Billy Joel oder Elton John wären als Referenz unpassend. Schon der erste Track Barbarian zeichnet mit dem Refrain ein bemerkenswertes Bild: „I am a barbarian, sometimes/ Been a barbarian/ Most of my life„. Krug gibt seinem lyrischen Alter Ego von Anfang an Tiefe, im Verlauf erlebt man es feinfühlig, mit sich und der Welt ringend, energisch träumend, barsch bilanzierend. Hier wird nicht der ewige Träumer dargelegt, das weltflüchtige Weichei abgefeiert oder gar der nihilistische Zyniker praktiziert. Moonface arbeitet nie mit Schablonen. Barbarian entgeheimnist viel, dringt ins Innerste einer Beziehung vor, in das Territorium des Ungesagten, öffnet sich dem Gegenüber, sodass der Unterton der Zeile „You never knew, because I never told you“ eine gewisse Vorläufigkeit erhält. Everyone is Noah, Everyone is the Ark nimmt mich mit den Worten „Everyone is Noah, everyone is the ark/ Everyone has to gather souls around them/ To feel useful and loving and loved“ ein, ehe alles in dem Aufschrei „I don’t know if I can call this ‚Home‘“ gipfelt. Und tatsächlich stellt sich doch die Frage, ob die Trutzburgen, in welchen wir uns gegen die Widrigkeiten des Lebens wappnen, tatsächlich Heimeligkeit entfalten können. Nach dieser Kontemplation über Sinn und Sein wendet sich Krug einer in jeder Hinsicht atemberaubende Liebesballade zu. November 2011 ist eine melancholisch geratenes, andächtiges, vor Glück strotzendes Stück, das den Triumph der Außergewöhnlichkeit zelebriert. Die Strophe „Let me take you up these stairs, let me take you to my life/ Let me take you like a lamb leading the slaughterer to the knife/ Let me take off your left shoe, let me take off your right/ Let me take this opportunity to kneel“ schillert elegant, verschroben, märchenhaft, hingebungsvoll. Es gerät zu einem dieser Lieder, das in einen pittoresken Winkel der Seele sickert, dort wo nur die schönsten Träume der Erfüllung harren. Nachdem sich Moonface als famoser Troubadour betätigt hat, folgt mit Dreamy Summer eine Sommerfantasie, die zunächst textlich diesig bleibt, dahinphilosophiert („They were debating the existence of an all-seeing deity„), ehe quasi in einem Nebensatz der Sommer zum Lebensquell erhoben und in einem viermütigen Klaviertaumel verwirbelt wird. Der Titelsong Julia with Blue Jeans On übt sich in klassischer Anbetung und freudvoller Erhöhung. Das mutet reichlich unzeitgemäß an, aber das zeichnet Krugs Herangehensweise eben aus. Mit gediegener Blasierheit („I regretfully withdraw my offer to try to improve myself/ I sincerely believe the results would be a disaster„) nähert er sich dem nächsten Song, Love the House You’re In nämlich. Doch auch hier schlägt die Stimmung um, setzt das Bekenntnis „There is a pseudo-intellectual in me“ eine Verstörung frei, bricht die Mauern der Selbstgenügsamkeit ein. Dies erscheint mir generell eines der Motive der Platte, dass die souveräne Expression in starkem Kontrast zum ausgestreckten Arm steht, mit dem die Liebe, das Leben und der Hörer eingeladen wird. Hier bricht jemand nicht etwa unter der Last seiner Würde zusammen, sondern gewinnt gerade durch Würde die Kraft, aus dem eigenen Kerker auszubrechen – und zu bitten und zu lieben. Das ist wohl auch die Essenz von First Violin, einem weiteren erinnerungswürdigen Lied.

Auch gegen Ende des Albums strauchelt Moonface nicht. Back is Black in Style macht seinem Titel alle Ehre, Your Chariots Awaits windet sich aus unruhigen Träumen während eines heranbrechenden Morgens. Es fegt das nächtliche Unbehagen, das nagende Gefühl der Unzufriedenheit zur Seite, schließt mit einer versöhnlichen Note. Was als Fazit bleibt, ist zweifelsohne Staunen. Wie Moonface zu einem überaus charismatischen Singer-Songwriter mutiert ist, sich nach der Vorgängerplatte „With Siinai: Heartbreaking Bravery“ gänzlich neu erfunden hat, das verdient jede Menge Applaus. Julia With Blue Jeans On leuchtet in allen Facetten faszinierend, ein Album eben, dessen Ausstrahlung vor Erhabenheit strotzt. Und nichts weniger hatte sich Spencer Krug wohl vorgenommen.

juliawithbluejeanson

Julia With Blue Jeans On ist am 25.10.2013 auf Jagjaguwar erschienen.

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