Zum Liebling gemausert – Crystal Shipsss

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Schon mehrmals habe ich über den in Berlin ansässigen dänischen Singer-Songwriter Jacob Faurholt geschrieben. Ich habe Faurholt ein Depri-Schnucki genannt, aus dessen musikalischer Darbietung Trost erwächst, ihm wunschträumerische Lippenbekenntnisse attestiert. Diesen Musiker allen, die vom Leben gezeichnet, gemeuchelt, geschunden scheinen – und sich dabei doch noch einen winzigen, tagträumerischen Hoffnungsschimmer ausbedingen, wärmstens empfohlen. Auch sein jüngstes, unter dem Projektnamen Crystal Shipsss veröffentlichtes Album Dirty Dancer spinnt ähnliche Sentimente fort. Laut Pressetext ist diese Platte autobiographisch zu verstehen, ihre Geschichten legen ein Ringen mit Angst, obsessiven Gedanken, der Unsicherheit des Heranwachsens und sogar einer Panikattacke dar. Stilistisch ist diese Platte mal im psychedelischen Lo-Fi, mal im Noise-Pop, mal im Folk verhaftet. Und nahezu immer vermag sie den Hörer zu berühren, tiefste Emotionen so schräg wie liebenswert mitzuteilen.

Der Opener Screaming Teens ist bereits das ganz große Highlight dieses Werks. Ein Song, der den entspannt-schlurfenden Rhythmus einer frühen Scheibe von Beck mit UFO-Wabern kreuzt, Anti-Folk samt verhalltem Falsetto anbietet. All dies entwickelt bei aller Spleenigkeit eine hymnische Zärtlichkeit. Es ist somit der herausragende Track eines ohnehin gelungenen Albums! Das nachfolgende, gerade einmal zwei Minuten dauernde Kleinod I Know ist wunderbar lärmig, verbunden mit einer schunkeligen Melodie und der Erkenntnis, dass Liebe uns nicht nur jede Menge Worte schenkt, vielmehr noch Frieden. I Had A Friend erzählt die Geschichte des besten Freundes, der zusammen mit seiner Familie auf einer brennende Fähre ums Leben kam. Wie Faurholt berichtet, dass er mit dem Fahrrad durch die Gegend fuhr und allen Leuten die schlechte Nachricht überbrachte und später beim Begräbnis drei große Särge und einen kleinen sah und irgendwann nur noch weinte, all diese Narben der Erinnerung vermag man nachzuvollziehen – und in Erinnerung zu behalten. Auch bei I’m Not Insane möchte man jener Diagnose gerne glauben. Denn das Außenseitertum des Sängers ist keines, das dem Kummer nicht Herr wird. Nur ein einziges Mal überspannt der Däne den Bogen, verschreckt den Hörer. Was diese Mischung aus Rap und Spoken Word auch immer vermitteln will, Nomen ist bei The Horror Of It All auch wirklich Omen. Faurholt ist nicht zum Rapper geschaffen. Doch schon der nächste, folkig gehaltene Song Dad versöhnt sofort wieder, er gerät zum zweiten ganz und gar überwältigenden Lied der Platte. Die Zeilen „Reading you sister’s diary/ Pulled out from under her bed/ Reading about her heartbreak/ Father knocked on her door/ Just before that important midnight kiss“ verraten ein Teenagerdrama, das man als Erwachsener wohl nur noch belächeln kann. Aber ein geplatztes Date ist für jeden Backfisch ein große Sache und jeder beschützende Vater gerät zum natürlichen Feind. Am Ende der Platte erwächst aus einem Regenguss der Song I Am Well Rehearsed. Es klingt wie ein wohlverdientes, wenngleich knarziges Schlaflied, welches sich der Singer-Songwriter nach all der Beschäftigung mit seinen Erinnerungen und Traumata jetzt auch redlich verdient hat.

Dirty Dancer reiht sich nahtlos in Faurholts bisheriges Schaffen ein. Stets vermag er Empfindungen zu vermitteln, an Traurigkeiten nicht zu zerbrechen, filigran und unverfälscht zu tönen, ob solo oder wie dieses Mal mit Freunden als Crystal Shipsss. Nur selten kommt das Album ins Holpern, sehr oft hingegen bewundert man die marottenhafte Art und Weise, mit welcher Faurholt jegliche Larmoyanz oder übertriebene Betroffenheitsgefühlen vermeidet. Spätestens mit dem Song Screaming Teens hat sich Faurholt endgültig zu einem meiner Lieblinge gemausert. Es würde mich wirklich nicht wundern, wenn es dem Leser ähnlich erginge.

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Dirty Dancer ist am 23.09.2013 auf Raw Onion Records erschienen.

Konzerttermine:
31.10.2013 Berlin – Zionskirche
01.11.2013 Dresden – Hole of Fame
09.12.2013 Berlin – West Germany

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