Aller Gesang ist Magie – Ausführungen zu Ane Bruns „Rarities“

Früher im Jahr habe ich einige Worte zu Ane Bruns Werkschau Songs 2003 – 2013 geäußert, sie als die führende skandinavische Singer-Songwriterin gewürdigt. Ane Brun mag hierzulande unter Musikkennern keine Unbekannte sein, in Skandinavien ist sie aus den Spitzenpositionen der Charts nicht mehr wegzudenken. Und diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass auf das Best-of sogleich das Doppelalbum Rarities folgt. Bruns Erfolg hat sie mit vielen Musiker in Kontakt gebracht, an vielen Projekten mitwirken lassen. Dieser Umtriebigkeit wird nun Rechnung getragen. Der in Schweden lebenden Norwegerin darf man natürlich blind vertrauen, dass hier nicht irgendwelche Reste zusammengeramscht wurde, um eine gerade laufende Jubiläumstour marketingtechnisch zu begleiten. Rarities reiht sich anmutig in Bruns bisheriges Schaffen ein, es unterstreicht ihre Gabe, Coverversionen eine Seele zu geben. Es blickt hinter die Kulissen, zeigt auf, was sich abseits großartiger Studioalben abgespielt hat. Sie – das wird nach dem Genuss von Rarities sofort deutlich – hat eine spezielle Fähigkeit, die sogar unter den größten Stars eine hervorstechende Seltenheit darstellt. Sie steht nämlich jedem Lied voll Passion und Ernsthaftigkeit gegenüber, sie kennt kein Schema F, welches sie einfach nur abspult. Aller Gesang ist stets und immer Magie.

Man darf sich Rarities keinesfalls als Sammlung halbgarer Outtakes vorstellen, auch Demoversionen in schauderlicher Klangqualität sucht man vergebens. Vielmehr wurden einige Titel für diverse Tributes oder Kampagnen konzipiert, fast immer gab es einen triftigen Grund für die Aufnahme eines Songs, sei es eine Zusammenarbeit mit geschätzten Kollegen, einen Beitrag zu einem Film oder beispielsweise die Unterstützung eines Projekt von Amnesty International. Rarities bildet somit keine Launen ab, all die Lieder haben ihren Beweggrund. Tragedy etwa wurde als Vorbereitung für eine in Göteborg stattfindende Tribute-Show zu Ehren der Country-Ikone Emmylou Harris aufgenommen. Zwei weitere Stücke dieser Session, All My Tears respektive Orphan Girl, sind ebenfalls Glanzlichter des Albums, wobei speziell letzteres eine harte Nuss ist. Denn Brun muss sich nicht nur dem Vergleich mit Emmylou Harris stellen, sondern auch der ursprünglichen Version der Singer-Songwriterin Gillian Welch. Brun schreckt vor großen Namen generell nicht zurück, zusammen mit Linnea Olsson wagt sie sich an Beyoncés Halo, stellt der sterilen Bombast-Ballade kammermusikalische Intimität entgegen. Tiefe statt Hochglanz, das freilich ist auch schon Lotte Kestner gelungen, die ähnliches aus jenem Song herausgekitzelt hat. Daring To Love dagegen ist eine Eigenkomposition, geschrieben für den Film A Thousand Times Goodnight. Ganz vorsichtig, wie auf Eierschalen wandelnd entwickelt sich dieses Lied. Ain’t No Cure For Love folgt den Spuren Leonard Cohens. Wo sich der Bohemien in der Rolle des Liebeskranken gefällt, legt Brun es nicht als Hymne an die Liebe an. Sie vermittelt mehr die Haltung wahrende, am unerfüllten Verlangen zerbrechende Seele. Wie sehr die Norwegerin Lieder zu „brunifizieren“ vermag, wird bei Ameries 1 Thing deutlich. Charts-Gedöns wird umgekrempelt, entglittert, in den Brunschen Kosmos der kultivierten, mit Falten und Furchen versehenen Emotion überführt. If I Had A Ribbon Bow wiederum wurde für Beautiful Star: The Songs of Odetta aufgenommen, welches eine Hommage an die 2008 verstorbene Sängerin und Bürgerrechtlerin Odetta Holmes darstellt. It’s Alright (Baby’s Coming Back) von den Eurythmics zeigt eine Brun, die im Song aufgeht, aber es ausnahmsweise letztlich nicht schafft, den Hörer das Original vergessen zu lassen. Spannender wird es bei The Opening, welches zusammen mit der schwedischen Formation Fleshquartet realisiert wurde. Denn obwohl Brun für Melodie und Text verantwortlich zeichnet, ist die vom Fleshquartet eingebrachte Mischung aus Streichern und elektronischer Note ungewöhnlich. Man würde es somit nicht als Eigenkomposition verorten. Auch das nachfolgende Jóga ist untypisch. 2010 wurde der renommierte Polar Music Prize an Björk vergeben, Brun durfte dieses Cover live mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra vortragen. Wohl deshalb ist dieses Jóga sehr nahe an der Ursprungsfassung, vielleicht mit einem Tupfer mehr Eleganz – und weniger Vehemenz – versehen. Das wunderbare Virvelvind ist mit einem Spendenmarathon des norwegischen Sender NRK im Jahre 2012 verbunden. Es bereichert als einer der schönsten, expressivsten Tracks diese Raritätensammlung. Fly On The Windscreen markiert an und für sich eine Kuriosität. Ein Cover eines Songs von Depeche Mode, dem Album Black Celebration (1986) entnommen, eingespielt mit Vince Clarke, der Depeche Mode bereits Anfang der Achtziger verlassen und in der Folge als Mastermind Yazoo und Erasure Erfolge feierte. Clarke produzierte also ein Cover eines Songs, den seine ehemalige Band lange nach seinem Weggang ersonnen hatte. Humming One Of Your Songs 2013 spielt nochmals auf die Anfänge der Sängerin an, dieses Lied eröffnete 2003 ihren Erstling Spending Time With Morgan. Aus diesem gitarrenlastigen Stück wird heute ein ungleich souveräneres Stück, welches Bruns musikalische Reifewerdung verdeutlicht. Auch der Gesang ist noch immer zärtlich und introspektiv, aber zugleich mit dem Wissen um das eigene Können angereichert. Brun ist Diva, im positivsten aller Sinne. Crawfish entpuppt sich ebenfalls als Skurrilität, eine Neufassung eines mir unbekannten Songs von Elvis, den die Norwegerin zusammen mit der Ska-Reggae-Band Club Killers eingespielt hat. Das raue Flair dieser Aufnahme zeigt eine Facette Bruns auf, die man gerne öfter erfahren würde. Petrified Forest Road offeriert ein Outtake von Changing Of The Season. Mit dieser aufgekratzten Attitüde hätte er wohl auch nicht auf die Getragenheit jener Platte gepasst und ist daher in dieser Sammlung bestens aufgehoben. Mit dem Klassiker She Belongs To Me kommt Rarities zu einem Ende. Und natürlich ist auch dieser Titel zunächst auf einem Tribute-Album veröffentlicht worden: Subterranean Homesick Blues: A Tribute to Bob Dylan’s ‚Bringing It All Back Home‘. Es stellt ein weiteres Experiment dar, Brun glockenhell, dazu ein schummriger, psychedelisch schleichender Sound. Gewöhnungsbedürftig allemal!

Die Anzahl der Raritätenplatten in meinem Regal ist sehr, sehr überschaubar. Ich zähle mich nicht zu den Fetischisten, die jeden Furz von einem Take in Besitz nehmen müssen. In vorliegendem Fall scheint die Sache jedoch völlig anders gelagert. Ane Bruns Umtriebigkeit macht Rarities zu einem Muss. Man braucht dieser außergewöhnlichen, anbetungswürdigen Singer-Songwriterin gar nicht mal mit Haut und Haar verfallen sein, um den speziellen Zauber von Rarities vollends zu erfühlen. Ob Coverversion, Kooperation, Outtake oder Neufassung, alles ist so gefühlsecht, tausend Stimmungen tief. Ihr Gesang ist immer Magie! Pure Magie.

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Rarities ist am 04.10.2013 auf Balloon Ranger Recordings erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

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