Fantasien aus den Gedärmen – Messer

Im Kulturschaffen hat der manische, charismatische, alle Abgründe auslotende Künstler einen festen Stellenwert. Das Rätselhafte und Unnahbare sind anziehende Eigenschaften, egal welch Egomane, Monster oder zumindest Ekelpaket sich hinter dem Profil der Genialität auch verbergen mag. Einiges dieser Radikalität des entsetzlich Unergründlichen findet sich auch auf dem Album Die Unsichtbaren der Münsteraner Post-Punk-Band Messer. Es wirkt aus der Zeit gefallen, vom Furor früherer Tage beseelt, nicht von der politischen Korrektheit der Gegenwart durchdrungen, keinesfalls in der Kapitulation vor der Beliebigkeit verhaftet, frei von billiger Provokation und dem Ruf nach einer Kuschelrevolution. Die Unsichtbaren steht für mythischen Untergrund, für subkulturelle Intensität und anarchisch-unscharfe Realität. Der Musik unserer Tage fehlt oftmals die Courage zur Unerschütterlichkeit. Messer hingegen haben sich einen skurrilen, schroffen Sound zusammengebastelt, der unverhandelbare Größe entwickelt. Sie drehen die Uhr zurück zum Anfang der Postmoderne, lange bevor alles den Bach runterging.

Es geht um Zeichen und es geht um Bilder. Schmeiß den Stift weg, bitte sprich!“ tönt es im Eröffnungstrack Angeschossen. Und tatsächlich entwickeln Messer bildhafte Texte, in die sie allerlei Affekte propfen. Man ringt mit Regungen, Hendrik Otremba ist gesanglich knorrig-depressiv, und steuert doch auf die Zuspitzung des erlösenden Augenblicks hin. Die Fiebrigkeit der Zeilen „Worte finden heut kein Ende, und kein Mensch ahnt, was Stille heißt. Bitte sprich, so sprich mit mir. Ein Karussell, die Nacht so heiß.“ lässt bereits dieses erste Lied unvergesslich werden. Weil dem staunenden Hörer die Gedankenfetzen nur so um die Ohren fliegen, Eindrücke voll rauer Wucht auf ihn einprasseln. Wahn und Leidenschaft werden auch bei Die kapieren nicht stupend erfahrbar, „Trink die Luft der Nacht!“ ist Motto des unbändigen Zwielichts, das diese Tracks umgibt. Es besticht als Musik, welche sich in Unverstandenheit suhlt, die im wavigen Sound immer Pathos und Tragik findet. „Während ich dich nach dem Abgrund frage, machst du den letzten Schritt.“ sind die ausdrucksstärksten, konsequentesten Sätze von Tollwut (Mit Schaum vor dem Mund). In solch Verzweiflung an Welt und Leben steckt das Gegenteil von Verzagtheit, hier wird sich aufgebäumt! Ironische Brechungen fehlen, Emotionen flammen und flackern und lodern, Messer kennen noch nicht das kühle, monotone LED-Licht der Gegenwart. Auch ihr bleiches Neonlicht sticht in den Augen, blendet. Dieser Song gerät zur nach Zärtlichkeit gierenden, resignierend durch dunkle Schluchten wandelnden Hymne für Nachtschattengewächse: „Ich lass mich fallen, such deine Hand. Kann dich nicht spüren, bin ausgebrannt.„. Längst färbt sich diese Platte enigmatisch und intellektuell, romantisch und außenseiterhaft, spröde und deklamatorisch. Sie begibt sich mit Tiefenrausch ins Albtraumhafte der Fratzen, steigt in den Dämmer der Angst hinab („Irgendwo zwischen vier Uhr nachts und dem neuen Morgen kommt ein Traum mit ganz viel Macht, er stammt aus meinen Sorgen.„). Kettenrasselnde Percussion, ein wabernder Rhythmus wie aus dem Vexierspiegel, ehe Gitarre und Bass die Flucht nach vorn aus der Geisterbahn des Grauens antreten. Der Horror der Scheusale geht weit über den Flirt mit der verkrachten Existenz hinaus. Mal für Mal durchdringt ein Wahn, eine Verzweiflung die Texte, und alle Hoffnungsschimmer sind beschmutzt. Ob Es gibt etwas oder Platzpatronen, Messer wirken auch deshalb entstellt, weil man ihnen glaubt, dass abseits des Kuddelmuddels der Gaukelbilder noch eine leidenschaftliche Wahrhaftigkeit, ein großes, edles Fühlen vorherrscht.

Die Unsichtbaren durchfiebert die Schattenseiten – mit bemerkenswerter Radikalität. Schöpft aus dem Untergrund des Seins, aus den Tiefen der Psyche. Es steigt zurück über das Wischiwaschi der Gegenwart, über in Scherben liegende Utopien hinweg in eine Zeit, als das Surreale noch Wahrheiten fabrizierte und Angst die Seele aufaß. Heute wird sie längst nur noch verdaut. Messer sind markant, geradezu gewichtig. Sie schaffen Gänsehaut, sie kreieren, haben die Kraft zum Gestus. Es sind Fantasien aus den Gedärmen, weniger aus dem Kopf, die dieses Album locker zu einem der besten deutschsprachigen der vergangenen 30 Jahre machen. Messer geben Rätsel auf. Wer Ohren hat, der hört dies auch.

dieunsichtbaren

Die Unsichtbaren ist am 22.11.2013 auf This Charming Man Records erschienen.

Konzerttermine:

06.12.2013 Köln – Stereo Wonderland
07.12.2013 Karlsruhe – Die Stadtmitte (Neonlicht-Festival)

Links:

Offizielle Homepage

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