Free Download: Pursesnatchers – To Feet Of Snow

Heute möchte ich eine vor über 4 Jahren erschienene Platte empfehlen. Nun ist mir klar, dass das Internet ein Medium ist, welches nach Aktualität giert. Wenn ich da mit einem Album aus dem Jahre Schnee angedackelt komme, lockt das keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Aber ich möchte trotzdem auf das Werk To Feet Of Snow [sic!] verweisen, das die Indie-Rock-Formation Pursesnatchers 2009 veröffentlicht hat. Wir hatten aus weihnachtlichem Anlass bereits in unserem Adventskalender 2009 von dem Song Christmas Lights geschwärmt. Auch ein paar Weihnachtsfeste und gefühlt 1000 ausbaldowerte Weihnachtslieder später ist jenes Christmas Lights für mich ein herausragendes Beispiel für ein modernes, der Festlichkeit huldigendes Songwriting, das jenseits aller Klischees erzählt. Es spricht nichts gegen traditionelles Liedgut, es spricht nichts gegen angekitschte Herzerwärmung, aber man kann sich Weihnachten durchaus auch mit einer gewissen Sehnsucht, mit einer zärtlichen Ehrfurcht annähern. Und genau dies tun die Pursesnatchers, wenn sie die Geschichte eines Pärchens schildern, welches zu Weihnachten mit dem Auto über die verschneite Autobahn fährt, dorthin nämlich, wo allerlei schöne neue Häuser in den Himmel wachsen. Diese Häuser, die nun über und über mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt sind, funkeln und glitzern. Und jener Anblick übertrumpft alle Sorgen, weckt die Hoffnung, selbst einmal gemeinsam in einem festlich beleuchteten Haus zu leben. Wie das Lied den überwältigenden Moment ins Auge fasst, mit wenigen Worten eine Sehnsucht festpinnt, das steht durchaus in der Tradition großer amerikanischer Erzählkunst. Mit dem Auto einer kleinstädtischen oder dörflichen Enge zu entfliehen, an einen Ort zu fahren, wo Träume greifbar und erfahrbar werden, ist eines dieser großen amerikanischen Motive, die mich immer wieder beeindrucken. Wohl auch deshalb bin ich von Christmas Lights so angetan.

To Feet Of Snow ist freilich kein Weihnachtsalbum. Es ist eine spannende Platte, in der eine Idee reift, das Ehepaar Doug Marvin und Annie Hart zu den Pursesnatchers zusammenwächst. Auch darum lohnt es sich, einen Blick auf die übrigen Songs zu werfen. Es sind überwiegend Studien von Zweisamkeiten, von den ersten Momenten ausgelassener Erregung über den Wunsch, Augenblicke und Empfindungen festzuhalten, bis hin zu der bitteren Erkenntnis, dass Beziehungen eben oftmals ein Ende finden. Dazu finden die Pursesnatchers Bilder, die man so eben noch nicht erzählt bekommen hat, entwickeln Gefühle, die noch keine Trillionen Male durchgekaut wurden. Das aufgekratzte und zugleich undurchsichtige Diving Hydroplanes etwa reduziert ganz nebenbei die Ewigkeit von Zeit auf einen Augenaufschlag: „With hands over our eyes, we’ll count until our bodies heal: at least one thousand years until we blink or pull our bodies from the brink. We hang and watch the water carving canyons deep.„. Tongue Twister ist eine Wonne in der Sonne, und doch verharrt es im Zwiespalt zwischen Unbeschwertheit und Unsicherheit. Der augenzwinkernden Euphorie der Zeilen „Everytime you look at me it’s like I’m kissed on by the sun, like there’s something on my tongue.“ steht die Verunsicherung „And if I fall back asleep, will you still be here when I wake up?“ entgegen. Auch wenn die Lieder des Duos keineswegs freudlos sind, wird man dennoch nie mit simpel gestrickter Romantik überschüttet. Neben all den Aufregungen scheint auch Nüchternheit durch. Wenn Liebe als Produkt spezieller Lebensumstände geschildert wird (Library Date), liegt darin letztlich mehr Wahrhaftigkeit, als in all den schwülstigen ‚I love you’s‘ der Musikgeschichte. Ebenso in den Beschwörungen „Remember, darling, please remember: please don’t change.„. Liebe ist ja generell ein bewahrendes Ding, welches Veränderungen meist schlecht verträgt. Jene samtene Schlafzimmeratmosphäre, Marvins hauchzart bittender Gesang bei Blackout Tapes verzückt. Der liebliche Indie-Pop-Track Lazy Dominoes tiriliert ein bisschen vor sich hin, entwirft Szenarien des Glücks („Let’s stay up until dawn! Sink ourselves deep in the dewgrass and wait for the warmth of the sun.„), schiebt die Beziehung aufs Abstellgleis („My team made the playoffs, so I’ll drink away October and then see where I stand with you again.„), ehe mit den Sätzen „Days lay down before us like lazy dominoes. We’re lazy dominoes because we’re both between things.“ einer ungewissen Zukunft geharrt wird. Unter dem Tralala des Augenblicks lauert ein Stachel! Liebeslieder verlieren sich gern im Moment, halten die Zeit an, frieren den Raum ein, oder sie schreiten in ein geradezu heiliges, schlaraffenlandiges Morgen. Oder aber sie wühlen sich durch Bitterkeiten, vergießen Tränen noch und nöcher. Die Pursesnatchers agieren subtiler, flüchten sich nie in aufgeblähte Gewissheiten. Mit der akribisch ausinstrumentierten, sich auf über acht Minuten verästelnden, lärmig-dynamischen Hymne How The Winter Got Called hat das Duo gegen Ende schließlich noch einen absolut famosen Song im Talon.

Die Pursesnatchers sind seit 2009 nicht untätig geblieben. Sie wuchsen in der Zwischenzeit auf vier Mitglieder an, haben 2011 mit dem Album A Pattern Language eine verdammt tolle Platte vorgelegt. Dieser Tage widmet sich Annie Hart wieder verstärkt ihrer Band Au Revoir Simone. To Feet Of Snow war also keineswegs ein einmaliges Aufflackern überwältigenden Talents. Es mag zwar schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, man kann es trotzdem gerade jetzt zur Winterzeit für sich entdecken. Weil es mit Christmas Lights einen wunderbaren Weihnachtssong im Gepäck hat – und weil es derzeit auch als kostenloser Albumdownload via Bandcamp oder auf der Labelseite verfügbar ist. Entdecken lohnt!

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