Gedanken zu Joni Mitchell

Jubiläen sind für Empfindungsschwangere, die einen triftigen Anlass benötigen, um vor Ehrfurcht und Rührung zu erstarren. Ein 70. Geburtstag ist freilich durchaus speziell, weil man spätestens dann den Freibrief erhält, das Alter zu genießen, nicht länger zur Leistung verpflichtet ist. Am 07.11.2013 wurde Joni Mitchell siebzig Jahre alt. Grund genug, wie ich finde, ein paar Gedanken zu dieser kanadischen Singer-Songwriterin zu äußern. Im Kanon der musikalischen Größen des 20. Jahrhunderts nimmt Mitchell fraglos einen festen Platz ein. Und doch bleibt sie auch eine ewig Unverstandene, eine Fehleingeschätzte.

Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde Pop-Rock unter Intellektuellen mit Stirnrunzeln bedacht. Die geistige Elite präferierte klassische Musik, Jazz oder experimentelle neue Klänge, der Singer-Songwriter war oftmals auf Protest (Bob Dylan) oder Poetentum (Leonard Cohen) reduziert. Aus dieser Denke heraus wurde die Auseinandersetzung mit Pop-Rock und dessen Kanonisierung oft schlichteren Gemütern, also Musikjournalisten, überlassen. Deren halbgare, oftmals an Popularität orientierte Einschätzungen haben uns bis heute eine bisweilen zu Überschätzungen (The Beatles) neigende Musikgeschichte tradiert, in der Mitchells Wirken unscharf bleibt.

Doch wenden wir uns lieber dem einfachen Hörer zu. Das 1996 erschienene Best-of Hits beinhaltet Erfolge aus den Anfängen ihrer Karriere in den Sechzigern, ihrem kommerziellen Höhepunkt im Jahre 1974 sowie Tracks aus den Achtzigern und Neunzigern. Hits klammert also den Zeitraum zwischen 1975 und 1980 ganz und gar aus – und das wohl nicht deshalb, um den Fans etwas vorzuenthalten. Das zeitgleich veröffentlichte, von Mitchell selbst zusammengestellte Misses lässt diese Phase dagegen nicht unberücksichtigt. Ihre fortdauernde Popularität verdankt die Kanadierin im Grunde den falschen Platten. Denn so gut Clouds (1969), Blue (1971) oder Court and Spark (1974) auch sein mögen, so genial und zeitlos groß fallen The Hissing of Summer Lawns (1975) und Mingus (1979) aus. Und über allem thront Hejira aus dem Jahre 1976, ein Werk für die Ewigkeit und darüber hinaus. Jene goldene, vom Jazz inspirierte Phase ist nämlich das Herzstück ihres Schaffens.

Hejira ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Es steht für Reisen durch Nordamerika, für Sehnsüchte des Lebens, für Stationen der Reife, für Erkenntnisse und Bekenntnisse. Neben großartigen Kompositionen und der Zusammenarbeit mit Jaco Pastorius stechen vor allem die Lyrics ins Auge. Diese gedankliche Brillanz, diese ausdrucksvollen Bilder stehen für einen Moment in der modernen Musikgeschichte, in welchem das Songwriting erwachsen wurde. Ich will drei Beispiele nennen. Im Song Refuge Of The Roads findet sich die Strophe: „In a highway service station/ Over the month of June/ Was a photograph of the earth/ Taken coming back from the moon/ And you couldn’t see a city/ On that marbled bowling ball/ Or a forest or a highway/ Or me here least of all/ You couldn’t see these cold water restrooms/ Or this baggage overload/ Westbound and rolling taking refuge in the roads„. Mit der ihr eigenen erzählerischen Leichtigkeit schöpft sie aus der in einer Autobahnraststätte hängenden Fotografie der Erde Kraft, erkennt sich in ihrer Winzigkeit, Zuflucht auf der Straße suchend. In diesen Zeilen herrscht Trost. Im Lied Song For Sharon geht es um das Leben fernab bürgerlicher Existenzen, um den Drang zur Unangepasstheit. „Dora says „Have children“/ Mama and Betsy say „Find yourself a charity/ Help the needy and the crippled or put some time into ecology“/ Well there’s a wide wide world of noble causes/ And lovely landscapes to discover/ But all I really want to do right now/ Is find another lover“ will keinen Sinn im Heranziehen von Kindern oder im Spenden von Wohltätigkeiten sehen. Jener Drang nach Leben ist ein Drang zur Liebe. Mitchell kann die Ursprünge ihrer Sehnsüchte benennen („When we were kids in Maidstone, Sharon/ I went to every wedding in that little town/ To see the tears and the kisses/ And the pretty lady in the white lace wedding gown/ And walking home on the railroad tracks/ Or swinging on the playground swing/ Love stimulated my illusions/ More than anything„) und steht doch vor den Hoffnungsscherben eines nie zu realisierenden Idylls. Und dann wäre da noch Amelia, diese Ode an die Luftfahrtpionierin Amelia Earhart. Ein Song voll Einsichten, mit intensiver Verbitterung geäußert. „People will tell you where they’ve gone/ They’ll tell you where to go/ But till you get there yourself you never really know/ Where some have found their paradise/ Other’s just come to harm“ ist eine unvergessliche Stelle, „I pulled into the Cactus Tree Motel/ To shower off the dust/ And I slept on the strange pillows of my wanderlust/ I dreamed of 747s/ Over geometric farms/ Dreams Amelia, dreams and false alarms“ eine andere. Jumbos am Himmel, die über unendliches Farmland fliegen. Wurde die Weite des ländlichen Amerikas je in ein prägnanteres Bild gepasst?


Joni Mitchell – Amelia/Pat’s solo von JoniMitchell-Official

Joni Mitchell ist eine begnadete Erzählerin, die Impressionen und Gedanken kulminieren lässt. Ihre Sprache wirkt prägnant und plastisch. Nie war Mitchell besser als auf Hejira, nie war ein Album ausdrucksstärker. Es ist – wie schon bemerkt – ein Treppenwitz der Musikgeschichte, dass Mitchell für ihre Folk-Phase anerkannt wird, ihre Jazz-Phase und die damit verbundene radikale Abwendung vom Startum zu selten gewürdigt scheint. Mitchell und die Rezeption durch Presse und Hörer war und ist eine Geschichte ausgiebiger Missverständnisse. Und dazu hat die Musikerin wohl auch als unbequeme, selbstbestimmte Persönlichkeit stets ihren Anteil dazu beigetragen. Weiters ist ja bis heute keine Selbstverständlichkeit, dass eine Musikerin ihre Alben selbst produziert, wie dies Mitchell sehr oft gemacht hat. Sie ist eine Große und wohl deshalb voller Ecken und Kanten!

Wer oben eingebettetes Interview ansieht, welches sie früher im Jahr dem kanadischen Fernsehen gegeben hat, ansieht, wird somit einen schwierigen wie erfrischenden Charakter erleben. Joni Mitchell ist auch mit 70 Jahren nicht altersmilde geworden. Gott sei Dank, denn das stünde ihr auch nicht gut zu Gesicht!

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