Release Gestöber 45 (ETИIK, Samantha Crain, Volcano Choir, Damien Jurado)

ETИIK

Es trudelt ja so manch Newsletter in mein Postfach und oftmals ist bereits die Genrezuordnung ein echtes K.-o.-Kriterium. Metal? Nicht mit mir. Schlager? Nein, danke. Im Falle von Techno bin ich zwar ebenfalls skeptisch, aber mein Faible für elektronische Musik lässt mich dann doch die Nase in die Musik stecken. Bei ETИIK soll es sich um ein Hamburger Wunderkind handeln, welches „über die Grenzes eines zeitgenössischen DJS und Produzenten hinaus in den Bereich eines ganzheitlichen konzeptionellen Entertainers“ transzendiert. Ich mag das dem Pressetext gerne glauben, denn mit den Sitten des Massenphänomens Techno bin ich nicht wirklich vertraut. Ich präferiere verschnörkeltere Nischenklänge. Was ich mir eigentlich von Techno erwarte, ist keinesfalls ausgeklügelte Finesse, vielmehr ein unbedingtes Ja zu hypnotischem Gezappel. Und diese Erwartungshaltung übertrifft die EP Neon Daze locker. Mir imponiert vor allem der stylische Titeltrack Neon Daze, dessen geradezu penetrante Eleganz der Beats immer wieder von sägenden Vibrationen und roboterhaftem Gefiepe konterkariert wird. ETИIK verbindet hier kühle Affektiertheit mit hyperaktiver Verspieltheit. Neben dem Industriehallenstampfer Nixon vermag das geradezu obszön peitschenknallende, fiebrig-schwüle Valut die Ohren des Hörers nachhaltig zum Glühen zu bringen. Diese EP gefällt, weil sie Schmackes mit Stil und Charme praktiziert. Würde ich mich noch in Tanztempel der Ekstase verirren, ich würde ETИIK mit Haut und Haar verfallen wollen.

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Neon Daze erscheint am 19.11.2013 via Bitclap!.

Samantha Crain

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Photo Credit: Jeremy Charles

Gut Ding braucht bekanntlich Weile und darum erscheint Kid Face nun mit der läppischen Verspätung von 11 Monaten auch in deutschen Landen. Die US-Singer-Songwriterin Samantha Crain zählt zweifelsohne zu den überragenden jungen Stimmen der Americana- und Folk-Szene. Bei ihr findet sich kein Haar in der Suppe, das Storytelling ist intensiv und die Stimme stets charismatisch und natürlich. Crains Gesang ist nie lieblich, selten fraglich, eher rau, vom Leben und vom Wetter gegerbt. Das gilt natürlich auch für Kid Face, dem mittlerweile dritte Studioalbum der erst 27-jährigen Sängerin. Wer sich bereits ein Bild von diesem Album machen möchte, hat dazu jede Menge Gelegenheit. Der als trotzige Lossagung vom ehemals Geliebten zu verstehende Song Never Going Back ist auf dem amerikanischen Rolling Stone als kostenloser Download verfügbar, den Track For The Miner verschenkt die Künstlerin auf ihrer Webseite und im unten angeführten Widget erhält man das Lied Paint gratis. Genügend Möglichkeiten also, um sich mit Samantha Crain vertraut zu machen. Es lohnt!

kidface

Kid Face erscheint am 31.01.2014 auf Full Time Hobby.

Volcano Choir


Volcano Choir – Byegone (Official Video) von scdistribution

Mich vermochte noch kein Album von Bon Iver so zu berühren, wie dies Repave, die vor ein paar Monaten veröffentlichte Platte von Volcano Choir, tut. Justin Vernon wird natürlich weiterhin als Mastermind von Bon Iver gelten, Volcano Choir mag vielleicht bloss Nebenprojekt sein, aber ich für meinen Teil bin erst durch dieses Album auf einer Wellenlänge mit Vernon. Repave ist ein oftmals begnadetes Werk, das sich ganz offensichtlich über die Mischung aus reflektierenden Momenten und markanten hymnischen Eruptionen definiert. Es tönt feinsinnig und impulsiv, es zeigt Erhabenheit, es entwickelt Dynamik. Mit ihrem permanenten Hecheln nach Unterhaltung hat die Musikbranche oft verlernt, ihre Kunst auch wirklich als Kunst zu vermitteln. In der Literatur wird ein Thriller von Dan Brown als Massenschund verstanden und ein Buch eines Nobelpreisträger mit einer gewissen Ehrfurcht bedacht. In der Musik scheint es ungleich schwerer, das Hehre, das Gehaltvolle mit ähnlicher Andächtigkeit zu würdigen. Repave ist eines jener seltenen Alben, vor dem man den Hut ziehen sollte. Denn es schenkt denen Hymnen, die noch an deren Wirkung und Magie glauben wollen. Die noch nicht dem Zynismus, der Abgestumpftheit verfallen sind. Solch Indie-Folk-Rock erlaubt Erlösungsfantasien, Entrückungsekstasen, Erweckungsmelancholien, auch weil.die Undurchdringlichkeit der Lyrics die Konzentration auf das Wie lenkt, nicht auf das Was.

Tiderays, Acetate, Comrade und Byegone sind die geradezu überwältigenden vier Tracks, die die erste Hälfte des Albums so unvergesslich werden lassen. Sie schreien förmlich danach, als die Essenz des Musikjahres 2013 eine kleine Ewigkeit zu überdauern. Und mit Dancepack und Almanac ist auch im zweiten Teil noch für Furore gesorgt. „Repave is the sound of confident musicians extending their reach to anthemic peaks and pulling back to reveal moments of the utmost vulnerability, sure enough of themselves to let those moments stand on their own.“ lässt die Plattenfirma Jagjaguwar im Pressetext verlauten. Diese Aussage trifft des Pudels Kern, Volcano Choir zelebrieren die Höhepunkte kaum. Sie lassen ihre Lieder allmählich anschwellen, kommen dann mit ein paar Akkorden und einem wuchtigen Schlagzeug um die Ecke, kreieren einen Sound, der Stadien Meter für Meter füllt, nur um sich dann wieder ein wenig ins Schneckenhaus, zumindest aber in die Reflexion zurückzuziehen. Auch wegen dieser Attitüde ist Repave eine Bereicherung für jede Plattensammlung. Justin Vernon mag schon vorher Erfolge gefeiert haben, mit diesem Werk sind sie endlich mehr als nur gerechtfertigt.

Repave

Repave ist am 30.08.2013 auf Jagjaguwar erschienen.

Damien Jurado

Damien Jurado ist ein derart außergewöhnlicher Singer-Songwriter, wie es ihn nur alle Jubeljahre einmal gibt. Wem etwa bei dem wundervollen Album Saint Bartlett (2010) nicht das Herz aufgegangen ist, der hat eine Seele aus Beton. Apropos Seele, Jurados Stimme ist so samtweich, fragil, oft ein Stück weit abwesend, so als würde sein lyrisches Ich noch im Sinnieren begriffen sein. Diesen Gesang bekommt man nicht aus dem Sinn. Jurado ist ein bescheidener, unaufgeregter Poet, gedankenverloren und ebenso fokussiert. Man sagt gemeinhin, dass einem jemand aus der Seele spricht. Und nickt dabei sehr zustimmend. Nun, Jurado spricht mir aus und in die Seele. Auch mit dem Song Silver Timothy, der die für Anfang 2014 avisierte Platte Brothers And Sisters Of The Eternal Son ankündigt. Selbiges entstammt einmal mehr der fruchtbaren Zusammenarbeit Jurados mit dem Produzenten Richard Swift. Man darf sich vorfreuen, ich für meinen Teil tue das – sogar sehr.

brothers and sisters of the eternal son

Brothers And Sisters Of The Eternal Son wird am 17.01.2014 auf Secretly Canadian veröffentlicht.

SomeVapourTrails

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