Triumph anmutiger Nüchternheit – Big Fox

Manch Lied kann bei aller Kürze eine interessante Geschichte erzählen. Andere Songs wiederum breiten über 3-4 Minuten eine einzige Empfindung aus, vermitteln ein Gefühl. Damit meine ich keines der sattsam bekannten Hurra-Sentimente. Im Idealfall gleicht Pop keinem Malen nach Zahlen, geht über die Schablone heraus, unterstreicht die Besonderheit der Emotion, verlangt dem Hörer einen Gedanken, eine Erkenntnis ab. Die Schwedin Charlotta Perers vermag unter dem Namen Big Fox genau das zu leisten. Ihr Album Now knöpft sich mit jedem Lied einen neuen Seelenzustand vor. Ob Verlangen oder Furcht, ob Bedauern oder Verunsicherung, immer gießt sie Gefühle in eine edle, oft balladeske Form, die skandinavisches Temperament mit nordamerikanischem Songwriting vermengt. Now ist introspektiv, warm im Ton, so sanft wie elegant, voll tröstlicher Schönheit.

Bereits mit den ersten Takten des heimeligen Pianos wird man der Zärtlichkeit des Albums umarmt. Shadows gerät zum Auftakt nach Maß, zur Charakterstudie über Verschlossenheit. Zögernd und zaudernd wird um eine Öffnung gerungen („Why is it so hard/ To show yourself to someone/ The way you really are not someone/ You try to be„). Dieser kammermusikalische Pop besticht durch anmutige Nüchternheit, ohne Drama. Triumph der leisen Töne. Girls mag durchaus an Feist erinnern, ist den Tick aufgeweckter, erzählt vom Mauerblümchen unter lauter beliebten Mädchen („I wanted to be like the girls/ Who had curves under their/ ‚Fruit Of The Loom‘ sweatshirts„). Es ist ein Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Beliebtheit, der ohne Pointe oder erkenntnisschweren Bruch dargereicht wird. Aufmunterung wird bei Cheer You Up großgeschrieben, doch hinter dem netten, geradezu goldigen Refrain („This is a song to cheer you up/ It’s a song to say I love you/ I wish I could cheer you up/ It’s a song for better days„) verbirgt sich die vorangegangene Verletzung, die in aller Drastik beschrieben wird („It was as if I held a knife/ Word by word I ripped up your scars/ And just watched you bleed„). Mit dem Titelsong wirkt dann auch die Instrumentierung weniger zugeknöpft, von Opulenz kann man noch nicht sprechen. Streicherisch fein balladiert Now auf der Suche nach dem richtigen Moment dahin. Hier scheint Big Fox auf Eleganz erpicht, und diese will ich ihr keinesfalls absprechen. Als Highlight einer gesetzten Platte entpuppt sich Romantic Movie Love, welches mit munterem Synthie-Pop überrascht. Dieser Song liefert ein schönes Erweckungsbild: „But love’s a rebellious bird/ It flies the way it wants/ And one day when I thought all hope was gone/ There, suddenly, it was/ I stood silent and surprised/ As a blackbird/ Landed in my palm„. In solch Moment weicht der Chamber Pop einer Beschwingtheit, einer bunter als Pastell glänzenden, retroesken Reminiszenz. Just dann, als man das biedermeierne Element dieses Werks längst schätzen gelernt hat, kommt mit Calm Down ein neues Gefühlsgemenge ins Spiel. Calm Down ist ein Mantra der Beruhigung, ein Unterdrücken von Angst. Eine Familie weint um ihren Sohn, Besorgtheit erfüllt die Straßen, Unbehagen darüber, dass Kinder auf den Straßen mit Messern spielen. Und dies in der vermeintlichen heilen Welt jener Stadt. Perers verlässt die inneren Kämpfe, die Beziehungskrisen und bezieht die Gesellschaft in ihre Lyrics ein. Days Come/Go wirkt ähnlich ernsthaft, beschwörerisch, thematisiert eine altbekannte Frage: „If you just had this one last day/ This one last hour of your life/ What would you do?„. Sie bleibt die Antwort schuldig, zurecht, weil es auf diese Zuspitzung des Lebens keine Antwort geben kann. Das Lied enthält ganz feine Streicherpassagen, die den Hörer als beruhigende Streicheleinheiten überkommen. Zu schnell erfährt die Platte mit dem erkenntnisreichen The Storm ihren Abschluss. Man ist bereits mit Haut und Haar in den Bann gezogen, von der Makellosigkeit des Ausdrucks, von der vor Understatement strotzenden Erlesenheit angetan.

Vor gut anderthalb Jahren hat Big Fox mit ihrem selbstbetitelten ein sogar für skandinavische Verhältnisse sehr ansprechendes Debüt vorgelegt. Mit dem Zweitlingswerk hat sie nochmals die eine oder andere Nuance verbessert, das Album noch kompakter und klarer in der Intention gestaltet. Perers Songwriting ist sehr bemerkenswert, gesanglich darf sie sich ohnehin an skandinavischen Größen wie Anna Ternheim und Ane Brun messen lassen. Hatte ihr Debüt bereits als famose Talentprobe überzeugt, ist Now nun die finale, mit Ausrufezeichen versehene Bestätigung ihres Könnens. Diese Platte ist groß, obwohl sie nie große Töne spuckt.

now_cover

Now ist am 08.11.2013 auf Hybris/popup-records erschienen.

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SomeVapourTrails

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