Ein Doppelalbum, das keines sein müsste – Chasing Grace

Als Musikfreund, der sich schon die eine oder andere Platte zu Gemüte geführt hat, gestehe ich einem Künstler gerne das Recht zu, sich auf Albumlänge zu verwirklichen. Ein einzelner Song mag begeistern, eine Band oder einen Singer-Songwriter begreift man jedoch erst, wenn man sich in ein gesamtes Album mit all seinen Höhen und Tiefen reinhört. Die dänische Formation Chasing Grace will sich diesem Test freilich so nicht stellen, versucht sich mit ihrem Werk gleich an einem Doppelalbum. II möchte die verschiedenen musikalischen Zugänge der Formation abbilden, CD Nummer 1 namens Shine offeriert folkigen Pop mit Mainstream-Appeal, die zweite Scheibe mit dem Titel Dust punktet mit urtümlicherer Roots-Music und einer meist rustikalen Portion Country und Americana.

Nicht jede Idee ist auch eine gute. Denn das geballte, oftmals balladeske Sentiment von Shine mag zwar angenehme Berieselungsmusik sein, seine Relevanz gewinnt II fast ausschließlich über die Songs, die auf Dust zu finden sind. Hätte die Band statt 17 Songs nur 12 genommen, diese auf einer CD vereinigt, es wäre ein absolut feines, kurzweiliges Werk geworden. So hingegen muss man sich vor allem bei Shine die Rosinen rauspicken. Der Eröffnungstrack Dear Diary etwa ist herzhafter, radiotauglicher Country-Rock-Pop im Midtempo. Home lässt die eine oder andere Träne kullern, versprüht im Refrain sympathischen Optimismus. Aber neben diesen gelungenen Tracks gibt es eben altbackene, selbstmitleidige Verliererballaden wie Where Do I Get Out? und Before The Night, die schlichtweg mindestens zwanzig Jahre zu spät aufgenommen wurden. Am ehesten vermag vor allem das gesanglich hervorstechende, zarte Goodbye zu berühren. So überschaubar die Substanz bei Shine ausfällt, zeigt Dust das eigentliche Potential der Band. Mexico beispielsweise ist ein mit dem Fuß stampfender Outlaw-Song mit Mandoline, Fiddle und Trompete. Solch kernige Art imponiert und auch die Lyrics fallen ansprechend aus („Could I save my soul – down in Mexico?/ Should I stay or go? – Only Got would know/ But we haven’t really talked in a while„). My Heart Is A Hideaway präsentiert sich als feiner Banjo-Track samt eingängigen Wohlfühl-Refrain, da beißt die Maus keinen Faden ab. Just als ich Chasing Grace vorschnell als nicht übermäßig tiefgängig abtue, kommt mit The Man I Should Have Been lupenreiner, reduzierter Folk mit großer Ernsthaftigkeit um die Ecke. Dem Kehrvers „So when the judge he asked me:/ Do you regret what you have done?/ Well I said: I wasn’t born mean/ But I did not become/ The Man I should have been“ entnimmt man bereits die gescheiterte Existenz. Die zweite Strophe freilich hat es in sich: „She was the prettiest thing/ More a Miss than a Ma’am/ And from winter to spring/ I was soft as a lamb/ But time will not drown/ All that I cannot ignore/ When the summer was gone/ She wasn’t pretty no more„. Die menschliche Natur kann trotz guter Vorsätze nicht aus ihrer Haut heraus, das wird in diesem Lied bestens beschrieben. Nach diesem starken Intermezzo lockt mit dem schwungvollen Papermoon wieder der Tanzboden. Whiskyschwanger gibt sich dagegen Riverside, der von der Spannung zwischen Banjo und zackiger Percussion lebt. „But I know I’m getting older/ Time is such an enemy/ And I really miss to hold her/ Instead of holding my Jack D.“ thematisiert wieder das Verlierertum, diesmal aber ohne Larmoyanz, vielmehr mit Rotz in der Kehle. Wenn das finale Deep And Low sturköpfigem Außenseitertum frönt, wird man vom Gefühl beschlichen, dass der Sound der Band rund um Sänger Michael Lund in dieser Form ganz und gar gelungen scheint.

Der konzeptionelle Gedanke hinter diesem Doppelalbum, nämlich zwei musikalische Stoßrichtungen einer Band abzubilden, mag vielleicht nur bedingt geglückt sein. Dazu ist der erste Teil oftmals Mittelmaß, die zweite Hälfte von II hingegen erfreut mein Herz, verrät die Qualität der Dänen. Chasing Grace haben ein für Europäer ungewöhnlich amerikanisches Album aufgenommen, dass in den besten Momenten auch tief in dieser Tradition wurzelt. Wenn die Band in dieser Manier weitermacht, freue ich mich schon jetzt auf die nächste Platte.

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II ist am 29.11.2013 erschienen.

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