Ein Mehr als die Summe der einzelnen Teile – Kacy & Clayton

Es gibt simple Regeln, an deren Offensichtlichkeit man nie und nimmer rütteln sollte. Etwa wenn eine Bauernregel besagt: „Wenn es draußen dunkel ist, dann ist es Nacht“. Solch Logik ist schlichtweg entwaffnend. Und natürlich folgt auch die Musikbloggerei gewissen ehernen Gesetzmäßigkeiten. Im Dezember beispielsweise ist das Musikjahr längst gelaufen, da stellt man keine neuen Alben oder Songs mehr vor, sondern lässt alles Revue passieren, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Ich hebe mir das Beste des Jahres allerdings noch für die Zeit zwischen den Feiertagen auf und möchte heute lieber auf ein Album verweisen, das sich wohl auf keinen der derzeit grassierenden Jahresbestenlisten finden wird. Das ist schade, denn das kanadische Duo Kacy & Clayton hat mit The Day Is Past & Gone ein Folkalbum klassischen Zuschnitts fabriziert. Diese Platte verkörpert meinen Traum von musikalischem Glück. Gitarre und Gesang, viel mehr bietet es nicht auf. Und aus dieser Schlichtheit entsteht ein Mehr als die Summe der einzelnen Teile. Darin liegt für mich der Beweis für Talent, dass man aus wenig viel macht. Jeder Fernsehkoch kann mit einem Budget von 100 Euro ein leckeres Menü zaubern, aber die wirkliche Kunst besteht doch darin, mit nur 10 Euro in der Tasche Gaumenfreuden auszuhecken. Viele der größten Erfindungen sind nicht von Fachleuten mit Know-how, allerlei Maschinen und jeder Menge Zeit ausgetüftelt worden, sondern vielmehr von Laien nach Feierabend in einer kleinen Kaschemme auf einem Blatt Papier ersonnen worden. Kurzum, Kacy & Clayton zaubern mit einer überschaubaren Anzahl an eingesetzten Mitteln die ganz große Folk-Tradition hervor.

Großartige Lieder werden uns alle überdauern. Es ist dieser Gedanke in den begleitenden Notizen zu The Day Is Past & Gone, der mir immer wieder durch das Hirn spukt. Musik geht durch Moden, aber gleich sakraler Musik hat sich auch Folk über die Jahrhunderte bewährt. Nehmen wir doch nur The Cherry Tree Carol, welches das Duo als Auftakt ihrer Platte gewählt haben. Bis zu den Anfängen des 15. Jahrhundert lässt sich dieses Lied zurückverfolgen, das eine Episode erzählt, die es leider nicht in die offizielle Weihnachtsgeschichte geschafft hat. Die hochschwangere Maria und ihr Mann Josef befinden sich demnach gerade auf ihrer Reise nach Bethlehem, als sie an einem Kirschbaum vorbeikommen. Maria bittet Josef, ihr doch Kirschen von den Bäumen zu pflücken. Dieser regiert jedoch ärgerlich, antwortet schnippisch, dass doch der Vater ihres Kindes diese plücken sollte. Plötzlich jedoch spricht der kleine Jesus aus dem Bauch seiner Mutter und fordert die Bäume auf, sich zum Boden zu neigen. Als dies geschieht, nimmt sich Maria die Kirschen und ein zerknirschter Josef wird von Erkenntnis erfüllt. The Cherry Tree Carol ist also Folksong, Christmas Carol und zutiefst religiöses Lied. Es berichtet eine Geschichte, der man als Christ gerne glauben möchte. Kacy Andersons Gesang schimmert makellos, von großer Helle durchdrungen, Clayton Linthicums Gitarrenspiel wirkt zärtlich und warm, von erzählerischer Perfektion getragen.

Auch Green Grows the Laurel strotzt vor Tradition, bestätigt den Verdacht, dass Sehnsucht und Liebe noch nie vor Enttäuschungen gefeit waren: „I wrote my love letters in red rosy lines/ He wrote me another all twisted and twined/ Saying, keep your love letters and I will keep mine/ And you write to your love and I’ll write to mine„. Wo manch Folkbarden mit Kauzigkeit oder enttäuschter Rauhbeinigkeit punkten, besticht Anderson mit austariertem Vortrag und einer klaren Stimme von ewiger Schönheit. Mit Wood View verlagert das Duo den Fokus kurzzeitig vom britischen Folk hin zu einem schicksalergebenen, naturverbundenen Americana, der von der Beschwerlichkeit des ruralen Lebens erzählt. Auch in der Folge sind Rock And Gravel und Pretty Saro in ihrem schlichten Ausdruck Balsam fürs Gemüt. Dieser Folk ist oft mit einer aufrichtigen Traurigkeit behaftet, gräbt sich tief durch uralte Geschichten von Fremdheit, Einsamkeit und Wünschen. Pretty Saro etwa entstammt dem England des frühen 18. Jahrhunderts und schien jedoch um 1750 nicht länger tradiert worden zu sein. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Ballade in den Appalachen Nordamerikas wiederentdeckt. Eine Strophe wie „It’s not the long journey I’m dreading to go/ Or leaving the country for the debts that I owe/ There’s nothing that grieves me or troubles my mind/ Like leaving pretty Saro, my darling, behind“ ist von zeitloser Schwermut beseelt. Mit der Seeräubernummer Henry Martin und dem auf einem Poem von F. W. Moorman beruhenden The Dalesman’s Litany tritt ein weiteres Erfolgsgeheimnis der Folkmusik deutlich zutage. Es ist Armeleutemusik, die in der Realität und täglichen Schinderei verwurzelt ist und eine soziale Komponente beinhaltet. Moderner Folk blendet dies oft ganz und gar aus, wodurch sich jedoch auch die Renaissance des Folk begründet. Heutiger Folk findet Zielgruppen, die vom Wesen und Lebensumständen her eigentlich nichts damit am Hut haben sollten. Doch ich schweife ab. Mit dem beschwingt gospelhaften, geradezu optimistischen I’ll Be So Glad findet dieses famose Album ein überraschendes, zutiefst beglückendes Ende.

Wenn ich eingangs von der Faszination der Schlichheit gesprochen, dann sollte man mich nicht missverstehen. Kacy & Clayton haben nicht einfach nur in einem alten Buch mit Liedtexten geblättert und die Klampfe zur Hand genommen. Sowohl die Auswahl der Songs als auch die Art, wie sie diese vorsichtig adaptiert haben, verraten das investierte Herzblut. The Day Is Past & Gone verzichtet auf Schnickschnack, konzentriert sich auf das Wesentliche. Das ist eine nicht hoch genug einzuschätzende Kunst! Diese Album erzählt Geschichten, welche die Zeiten überdauern. Und das in einer stupenden Art und Weise. Man möchte dem Duo daher nur wünschen, dass auch ihre Versionen noch lange nicht vergessen werden.

thedayispast&gone

The Day Is Past & Gone ist am 03.12.2013 erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Kacy & Clayton auf Facebook

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