Stippvisite 01/12/2013 (Ein Ab­ra­ka­da­b­ra auf den Lippen)

Überwältigungstipp:

Sumie attic
Photo Credit: Nina Wallén

Es existieren Momente, da kommt einem Sänger oder einer Sängerinnen ein Abrakadabra über die Lippen. In diesen Augenblicken völliger Berührung steht die Welt zwar nicht still, wird nicht alles heil und nicht jede Brille rosa, aber in solch Situationen gerät Kunst zur aufrichtigen Beglückung. Da gehen jetzt keine romantischen Vorstellungen mit mir durch, Musik stillt bekanntlich keinen Hunger, Musik lässt keine Pockennarben verblassen, Musik führt nie zum Weltfrieden. Aber Kunst bringt uns oft dazu, unser Menschsein zu erfahren, all die Facetten des Fühlens zu begreifen. Das mag jetzt vielleicht rührselig klingen, aber so ergeht es zumindest mir mit der schwedischen Sängerin Sumie.

Über Sumie bin ich auf dem Polarblog der Bloggerkollegin Eva-Maria gestolpert. Diese war vor ein paar Wochen auf dem Icelandic Airwaves Festival und wußte zu einem Auftritt Sumies folgendes zu berichten: „Zu ihrem Mittagskonzert im Nordic House haben sich zwei Kindergartengruppen samt ihrer Erzieher (jawohl: es sind auch Männer dabei!) als Gäste angesagt, die brav und andächtig lauschen.„. Das nenne ich einen Glücksfall hinsichtlich musikalischer Früherziehung. Denn diese zarte, glasklare Stimme vermag zweifelsohne einen Raum mit Zauber zu erfüllen. Eva-Maria resümiert den Festival-Auftritt so: „Sumie verlässt sich ganz auf Stimme, Gitarre und sorgfältige Arrangements. Nimmt sich Zeit, damit sich die Dinge entwickeln können. So entsteht eine kleine Hoffnung, dass Schönheit möglich ist, in ihrer zurückhaltendsten Form. Das scheinen selbst die Kindergartenkinder zu verstehen.„. Ausnahmsweise möchte ich der Kollegin jedoch widersprechen. An Sumies herzensreiner Aura haben eher Erwachsene zu knabbern. Weil der Zynismus des Alltags, die tagtäglichen Frustrationen uns oft den Blick verstellen. Wir können nicht mehr mit dem Herzen sehen. Einer elfenhaften Erscheinung zu lauschen, einen Zauber über sich ergehen zu lassen, das verlangt viel. Hingabe etwa, oder Ruhe, zumindest aber den Verzicht auf Aktivität, auf jegliches Mitteilungsbedürfnis. Wo Kinder sich noch überwältigen lassen, wollen wir das Haar in der Suppe finden. Die anerzogene Kritikfähigkeit führt oft genug dazu, dass wir nicht mehr kritiklos sein wollen. Dass jede Andächtigkeit förmlich nach einer ironischen Brechung schreit, nach einem Hüsteln, welches jede Erhabenheit wieder in irdische Niederungen sinken lässt.

Sumie Naganos Folk ist von entwaffnender Schlichtheit, melancholisch, direkt, einer ureigenen Ästhetik verpflichtet. Das Album wirkt von der ersten bis zur letzten Sekunde als ruhiger, gleichmäßiger Fluss, in den Geschichten, Gefühle gebettet werden. All die Songs treiben gleich schmucken, kleinen Booten die Strömung entlang. Und keiner kommt ins Trudeln. Es wäre daher unangebracht, einzelne Lieder besonders hervorzuheben. Sie sind durch die Bank famos! Sumies Album ist eigentlich mit Gold nicht aufzuwiegen – und dennoch dieser Tage erschienen und für ein paar Euros zu kaufen. Eine prima Investion für Gefühlsmenschen und solche, die es werden wollen.

sumie_cover

Sumie ist am 29.11.2013 auf Bella Union erschienen.

Traumrauschtipp:

Aus Kanada – einem der chronisch unterschätzten Musikländer überhaupt – dringt ganz ätherischer Dream-Pop und Shoegaze an mein Ohr. Unter dem Projektnamen White Poppy fabriziert Crystal Dorval hörenswerte Klänge, ein selbstbetiteltes Debütalbum wurde im September erst veröffentlicht. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es oft einen psychedelischen Einschlag aufweist, ein Rauschen im Traum, bis hin zum wabernden Spuk des Tracks Existential Angst. Mal schwebt der Hörer über kühle Ambient-Flächen (Emotional Intelligence), dann wieder becirct Dorval mit sireneskem Pop (Without Answers). Besonders hervorzuheben wäre Dead Night, das als schöne Fantasie Pirouetten dreht und voll wonnig-melodischer Verlärmung glitzert, sowie Wear Me Away, einem wirklich formidablen Song. Letzteren bekommt der Genre-Freund so schnell nicht aus dem Kopf, verheddert sich gern in dieser ätherischen Bestrickung. White Poppy darf sich ein faszinierendes, ungemein stimmungsreiches Erstlingswerk auf die Fahne heften. Ich mag es! (gefunden bei Coast Is Clear)

Vorfreutipp:

Es gibt mehrere Herangehensweisen an das Genre Post-Rock. Äußerst beliebt ist beispielsweise ein eher formalistischer Ansatz, der auf die epische Entwicklung von Themen setzt, der Ästhetik von Gitarrenwänden huldigt. Einen gänzlich anderen, vielfach anarchistischeren Zugang haben die Urväter des kanadischen Post-Rocks, nämlich Godspeed You! Black Emperor. Nach ihrem letztjährigen Comeback ‚Allelujah! Don’t Bend! Ascend! fokussieren sich die Mitglieder rund um Mastermind Efrim Menuck freilich wieder auf ihre mittlerweile längst über den Status eines Nebenprojekts transzendiere Formation Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra. Das für Januar angekündigte neue Werk Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything lässt dem Post-Rock-Connaisseur bereits jetzt das Weiße im Auge gefrieren. Bereits ein erster Auszug aus dem Track Austerity Blues vermag ein erregtes Bibbern zu verursachen, ein nicht enden wollendes Zittern vor Vorfreude. Man kann Furor und Nachdruck dieser Nummer förmlich mit den Fingern greifen. Post-Rock kreucht und fleucht, aber in Sachen Relevanz und künstlerischem Ausdruck blecken Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra einmal mehr die Zähne. (via Exclaim!)

fuckoffgetfreewepourlight

Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything erscheint am 21.01.2014 auf Constellation.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Stippvisite 01/12/2013 (Ein Ab­ra­ka­da­b­ra auf den Lippen)

  1. Sumie ist wirklich etwas besonderes & sehr schön, dass Dir ihre leisen Töne gefallen!
    Bedankt euch aber nicht nur beim Polarblog, sondern auch bei der Züricher Blog- und Twitterkollegin Katla, die mir inständig ans Herz gelegt hat, beim Iceland Airwaves unbedingt zum Konzert von Sumie zu gehen! 😉
    http://kaddlah.tumblr.com/

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