Auf dem Pilgerpfad des ewigen Träumers – Damien Jurado

Ein Magier muss nie die sprachliche Klarheit suchen. Ein Zauberer verhext mit Mitteln, die eben nicht offensichtlich sind. Er darf ein sinnentleertes Abrakadabra oder ein vages Simsalabim murmeln, braucht seine Kniffe nie erklären. Dieser Gedanke kam mir in den Sinn, als ich in das Album Brothers and Sisters of the Eternal Sun des US-Singer-Songwriters Damien Jurado ausführlich reinlauschte. Jurado ist für mich längst einer der wenigen Musiker, die mein Leben begleiten, ja prägen. Ich lausche seinen Platten im Gefühl, die Lieder zwar nicht immer begreifen zu können, sie zugleich jedoch fast abgöttisch zu lieben, mit ihnen tief vertraut zu sein. Dies Privileg teilt sich Jurado mit meiner Freundin, aber das ist eine andere Geschichte. Das jüngste Werk dieses Ausnahmemusikers hat mich aber weitaus mehr verwirrt, als es die großartigen Vorgängerplatten Maraqopa (2012) und Saint Bartlett (2010) vermochten. Auf gewisse Weise entschwebt Jurado in eine Sphäre, flüchtet sich in eine psychedelische Blase, in der ein eigener Kult zu gedeihen vermag. „Let me sleep in the slumber of the morning/ There’s nowhere I need to be, and my dreams they still are calling“ lautet eine Zeile des Songs Silver Joy, die auch deshalb verfängt, weil sie die Entrücktheit und Entweltlichung dieses Künstler überraschend klar skizziert. Denn Brothers and Sisters of the Eternal Sun ist ein Album, welches sich einen Kosmos der Schleier bastelt, Schemen weichzeichnet, ein warmes wie schwer greifbares Bildermeer kreiert. Und über aller Vagnis und allen Unbegreiflichkeiten trohnt Jurados Gesang, der alle denkbaren Facetten von Zärtlichkeit und Nachdenklichkeit und Verträumtheit verkörpert.

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Photo Credit: Steve Gullick

Jurado ist ein ewiger Träumer, suchender Ästhet, sanfter Musikriese. Er ist ein Mann der Abgeschiedenheit, den man nicht in die Wirklichkeit zerren kann, der Hörer vielmehr in die eigene Illusion mitnimmt. Der Albumtitel bringt bereits das esoterische Element ins Spiel, die Platte schreitet auf einem Pilgerpfad in eine höhere Ebene hinauf. Sie transzendiert ins Ungewisse, in trüb-sonnige Gefilde. Geradezu sektenhaft wird der Glaube an leise, liebevolle Töne praktiziert. Dabei wirkt der Singer-Songwriter jedoch nie wie ein allwissender Guru, betätigt sich eher schon als ein Rattenfänger, der den Blick der Fans auf ein fragile, ferne Seligkeit lenkt. Schon zu Beginn ist man von diesem psychelischen Folk samt sirenesk-erhabener Stimme samt und sonders eingenommen. Magic Number ist märchenhaft, keinem Begreifen verpflichtet, in Chiffren gehalten. Wer sich diesen Klängen hingeben will, wird dies auch tun. Bereits das nachfolgende Silver Timothy ist das mythische Highlight dieses Werks, welches im Ton suchendes New Age mit der Unrast der Beat-Literatur mischt. Mit Return to Maraqopa referenziert Jurado auf den Titel der Vorgängerplatte. Die Zeilen „Once twelve years old on a fire escape/ You lost your mind on a music note/ Caught in your throat“ scheinen mehr als eine Anekdote zu sein, sie wirken wie eine Zäsur, die Geburt des Musikers. Return to Maraqopa wird von der Hemdsärmeligkeit der Percussion geprägt, es ist einer der robusteren Songs, einer, der ums Karma tänzelt! Auch Jericho Road ist von biblischer Macht, wenngleich Jurado natürlich nicht den apologetischen Derwisch gibt. Dieser Liedermacher kann Regenbogen und Blut in kräftigen Farben malen, er ist bei Gott kein irrlichterndes Weichei, das mit der Klampfe in der Hand trübsinnig winselt. Sein Falsett geistert durch die Lieder, entfaltet immer seine Wirkung, so auch beim psychedelischen Leckerbissen Silver Donna. In dieser Opulenz, dieser trancehaften Hippie-Ekstase schwellen die Worte „Love’s never ending/ It is a circle never broken“ an, wird der Meister einmal mehr zum Seelenfänger, der den Hörer in den Bann zieht. Silver Malcolm bringt ein ganz besonderes Glitzern im Gemüt. Sind es hüpfende Sonnenstrahlen oder der flirrende Schimmer von Gold oder schlichtweg Sternenstaub, was Jurado hier ausstreut? Ist es wohliger Tagtraum, tieftiefer Traum, der das nächtliche Firmament durchschreitet, oder eine bis ins Detail ausgestaltete Illusion, vor der man kniet? Man kann sich diesem Lieder nur über Fragen nähern. Die wohlige Unschärfe dieser Musik lässt Magie walten, Schwelgerei wachsen. Denn in der Loslösung von allem Irdischen liegt der Trost, in der Verträumung des Augenblicks der Anfang der Ewigkeit (Silver Joy). Das Album brilliert in seiner Realitätsflucht, es taucht ins Innere ab, entschwebt in höchste Sphären, es pfeifft auf das Hier und Jetzt.

Wenn es eine Botschaft von Brothers and Sisters of the Eternal Sun gibt, die man sich ins Herz schreiben sollte, dann wohl die aus Suns in Our Mind stammende Zeile „We are all we dream of„. Im Glauben daran nimmt uns Damien Jurado an die Hand, entführt uns in einen Zustand wohligster Wärme und reinster Ästhetik. Einmal mehr ist diesem überragenden Singer-Songwriter zusammen mit seinem kongenialen Produzenten Richard Swift ein großer Wurf gelungen. Träumer, Schöngeister, Sinnsucher und Zauberlehrlinge werden es ihm zu danken wissen!

brothers and sisters of the eternal son

Brothers and Sisters of the Eternal Sun ist am 17.01.2014 auf Secretly Canadian erschienen.

Konzerttermine:

20.02.2014 Hamburg – Kampnagel
22.02.2014 Berlin – Heimathafen
23.02.2014 Köln – Gebaeude 9
25.02.2014 München – Milla
01.03.2014 Zürich (CH) – El Lokal

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