Eine Handvoll Geheimtipps – 5 starke Alben des letzten Jahres

Ehe wir uns hier den ersten Veröffentlichungen des neuen Jahres zuwenden und natürlich auch noch das eine oder andere Album des abgelaufenen Jahres beleuchten werden, will ich nochmals auf fünf Platten von 2013 verweisen, die mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind. Diese Handvoll ganz und gar unterschiedliche Werke sind vielleicht nicht alle sexy genug, um in Jahresresümees eine große Rolle zu spielen. Doch genau aus diesem Grund möchte ich sie noch einmal gebührend erwähnen und dem werten Leser ans Herz legen!

Dominik Plangger – Hoffnungsstur

Dem Südtiroler Liedermacher Dominik Plangger ist mit seinem Album Hoffnungsstur der Beweis gelungen, dass es um den engagierten, wortgewaltigen Nachwuchs im Genre deutschsprachiger Liedpoeten gar nicht schlecht bestellt ist. Plangger widmet sich auf diesem Album der gesamten Palette tradioneller Liedermacherkunst. Heimatverbundenheit und Urtümlichkeit werden ebenso thematisiert wie Protest, Gesellschaftskritik und Außenseitertum. Mal singt Plangger im Dialekt, dann wieder hochdeutsch, auch ein italienisches und englisches Lied sind auf der Platte zu finden. Eigenkompositionen gehen Hand in Hand mit Coverversionen von Konstantin Wecker, Hannes Wader, Lucio Dalla und Townes Van Zandt. Es überzeugt als Werk der vielen Einflüsse, als relevantes Album, dessen Folklore den reaktionären volktümlichen Schlager und sämtlichen Pathos der Deutschtümelei ganz und gar verachtet. (Review)

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Hoffnungsstur ist am 18.10.2013 auf Sturm & Klang erschienen.

White Hills – So You Are… So You’ll Be

Dabei klingt „So You Are… So You’ll Be“ wie ein flammendes Totem des Rock & Roll mit Wille zu Macht, errungen von Nietzsche in Lederhose und einer Flying V um den Hals gespannt.“ sind Zeilen aus einem Promotext, die mich tatsächlich mal auf eine Band neugierig machen. Das passiert eher selten. Denn im Grunde bin ich gegen alles werbliche Geschwurbel schon längst sehr immun. Den Nitzsche in Lederhose samt Flying V habe ich mir dennoch angehört – und das nicht bereut. Die New Yorker Formation White Hills kredenzt uns schrägen, irgendwie herrlich gestrigen Rock, eine krude Mischung aus Space-, Kraut-, Lo-Fi-, und psychedelischem Stoner-Rock nämlich. Auch das verrät mir die Pressemitteilung. Recht hat sie. Das im August erscheinde So You Are… So You’ll Be ist ein echtes Spektakel, welches selbst hartgesottenen Fans Freudentränen ins Auge treibt. Viel pralle Energie des Undergrounds saust hier aus den Boxen, gebärdet sich so, als hätte Musik auch heutzutage noch eine gesellschaftliche, visionäre Relevanz. Und angesichts solch nonkonformistischer Klänge will ich das liebend gerne glaube. Ein Pflichtalbum! (Kurzbesprechung)

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So You Are… So You’ll Be ist am 16.08.2013 auf Thrill Jockey erschienen.

Thriftstore Masterpiece – Trouble Is A Lonesome Town

Trouble Is A Lonesome Town ist der Name des 1963 erschienen Debütalbums von Lee Hazlewood. Es vermochte wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Jahrzehnte später jedoch stieß der zu dieser Zeit in Oslo lebende Produzent Charles Normal in einem Gebrauchtplattenladen auf diese Platte, die in ihm eine Sehnsucht nach Amerika weckte. Im Lauf der Jahre begann er das Album neu aufzunehmen, konnte Frank Black als Sänger für drei Songs gewinnen Auch Normals Bruder, der Christian-Rock-Sänger Larry Norman, steuerte die Vocals für 2 Tracks bei, ehe er 2008 einem Herzinfarkt erlag. Damit schien auch das Projekt beendet, weil ein trauriger Charles Normal die Tapes nicht mehr anhören mochte. Erst Isaac Brock, seines Zeichens Mastermind von Modest Mouse, vermochte Normal Jahre später zur Fertigstellung des Projekts zu überreden. Mit den Stimmen von Brock, Singer-Songwriter Pete Yorn, Courtney Taylor-Taylor (The Dandy Warhols), Eddie Argos (Art Brut) und Normals Ehefrau Kristin Blix wurde die Platte dennoch vollendet, das Projekt Thriftstore Masterpiece aus der Taufe gehoben. Lediglich der auf dem Original vorhandene Erzähler fehlte noch, allerdings fiel Normal keine geeignete Stimme ein. Doch lassen wir ihn selbst die Pointe dieser Geschichte erzählen: „Then, one afternoon while sitting on my threadbare couch watching an Adam 12 rerun on some channel with triple digits, there was a knock on my door. It was my mailman Jerry, who intoned in his lilting drawl, „Howdy, I got a package here for ya.“ „Dude!“ I said, „You wanna be on a record?!?““. Und so besticht das Album als eine von wunderbarer Patina durchdrungene Hommage an eine lange vergangene Zeit, eine Epoche des Westerns, eine Hinwendung zu einem urtümlichen Amerika. Die Idee hinter Thriftstore Masterpiece, nämlich das Potential einer alten Platte, welche es wohl berechtigterweise nie zum Meisterwerk geschafft hat, völlig neu auszuloten, diese Intention wird im konkreten Fall bestens umgesetzt. Und vermutlich haben die Wirren der Entstehungsgeschichte daran einen großen Anteil. (Review)

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Trouble Is A Lonesome Town ist am 12.07.2013 auf SideOneDummy erschienen.

Where Did Nora Go – Where Did Nora Go

Die dänische Sängerin Astrid Nora möchte uns unter dem Projektnamen Where Did Nora Go etwas von Belang mitteilen. Eine denkende und empfindende Essenz darbieten. Sich nicht in süß verzierten, naiven, zeitgeistigen Gefühlen erschöpfen. Solch Ansinnen erscheint ehrenwert, zugleich heikel, weil es dem Hörer gar viel abverlangen könnte. Hehre Anstrengungen entpuppen sich oft als unheimlich anstrengend. Das Album Where Did Nora Go hingegen vermag die Befreiung von Zwängen, das Ende der Unterdrückung von Wünschen und Bedürfnissen mit wunderbar dramatischer Attitüde auszudrücken. Mit großem Gespür wird das Innenleben des lyrischen Alter Egos an die Oberfläche gestülpt. Der Feind lauert im Inneren, in der Mutlosigkeit der eigenen Einstellungen, in der Negation von Bedürfnissen, in überbordender Rücksichtnahme. Und genau hier setzt die Platte an, konfrontiert uns mit dem Zeitpunkt, an dem die selbst auferlegten Fesseln letztlich gesprengt werden. Die eigene Emanzipation auch zu einem neuen Umgang mit der Außenwelt führt. Where Did Nora Go beschert uns einen ausgebufften Pop voll Souligkeit und fein in Szene gesetztem Cello. Wer skandinavische Tiefe mit einem zarten Hauch Shirley Bassey verknüpft hören möchte, kann und soll sich dieser Platte nicht entziehen! (Review)

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Where Did Nora Go ist am 25.01.2013 auf Für Records erschienen.

Kitty Solaris – We Stop The Dance

In Sachen englischsprachiger Pop wachsen hierzulande die Bäume wirklich nicht in den Himmel. Es fehlt an Raffinesse sowie an Lyrics, die über Pennälerniveau hinausgehen. Überspitzt formuliert könnte man Deutschland gar zur Sahelzone der Popmusik erklären. Umso erstaunlicher, We Stop The Dance erweist sich als rundum großartig produziertes, stimmiges Album, das den weltweiten Vergleich nicht scheuen muss. Der Berlinerin Kitty Solaris ist ein großer Wurf gelungen. Wer Liedern lauschen möchte, bei denen sogar gestandene Königinnen des Pop neidisch werden müssen, ist mit dieser Platte auf dem richtigen Dampfer. (Review)

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We Stop The Dance ist am 28.03.2013 auf Solaris Empire erschienen.

SomeVapourTrails

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