Kein Frankenstein – Lee Bannon

Wenn Rezensenten ein Album loben und zugleich Warnschilder aufstellen, dass die Platte nun wahrlich keine leichte Kost und nicht für jedermann geeignet sei, wecken solch Hinweise meine Neugier. Denn ich schätze Herausforderungen, solidarisiere mich gern mit Nischengeschmäckern. Nun gehe ich zwar nicht vor jedem kruden, massenuntauglichen Werk anbetungsvoll in die Knie, aber schwierigen Klänge begegne ich mit einem Vertrauensvorschuss. Doch spätestens nach dem zweiten Track des Albums Alternate/Endings hat mir Lee Bannon mein anfängliches Wohlwollen längst vergolten. Der bisher als Hip-Hop-Produzent in Erscheinung getretene US-Amerikaner Bannon hat eine Platte aufgenommen, die man in den Genres Jungle und Drum ’n’ Bass verorten darf. Nun sind das vielleicht nicht die einfachsten Musikrichtungen, ob man Alternate/Endings deshalb gleich als Frankenstein von einem Album titulieren sollte, wie das etwa Exclaim! tut, wage ich trotzdem zu bezweifeln. Dieses Werk ist nicht von aussätziger Genialität getrieben, es verströmt keine Absonderlichkeit, es ist schlicht leidenschaftlich subkulturell, stets von Energie beseelt.

Bereits der Eröffnungstrack Resorectah verdichtet die Stärken der Platte auf vier Minuten. Schnell flirrender Drum ’n’ Bass wird mit Vocal-Samples unterlegt und mit aggressiven Charme ausgestattet, nur um zwischenzeitlich von einem innehaltenden Ambient gebrochen zu werden. Verschnaufpause auf der Überholspur gewissermaßen. In dieser wie von der Hummel gestochenen Tonart geht es weiter, auch NW/WB vibiert vor urbanem Thrill, es glänzt als atemloser, grimmiger Gangster-Soundtrack, der in den Eingeweiden der City pulsiert. Und immer wieder sind es die zerhackten Beats, die dieser Platte Dringlichkeit einhauchen. Sogar verhaltenere, von exotischem Zwielicht durchtränkte Stücke wie Prime/Decent wirken nachdrücklich, hetzen vorwärts. Soulige, laszive Vocals blitzen beschwörerisch hervor (Bent/Sequence), fügen sich ins Gesamtkunstwerk des Großstadtmärchen ein. Lee Bannons musikalisch modellierter Untergrund ist für den Hörer stets nur eine U-Bahn-Station entfernt, fast zum Greifen nahe. Und noch etwas muss man Bannon anrechnen, nämlich einer vergessenen Schauspielerin der Achtziger ein Lied zu widmen. Phoebe Cates ist eine ambienthafte Verträumung, die im Verlauf gepitchte Sangesfragmente aufweist und auf einem Synthie-Nebel schwebt, ehe ein bedrängender Beat ins Bild drängt. Dieser Mittelteil des Album – so auch das nachfolgende 216 – ist besinnlicher gehalten, der anfänglichen Schnappatmung folgt nun eine atmosphärische Ausgestaltung einer Gegenkulisse des urbanen Seins. Hier lässt sich träumen, ohne dass dabei ein Idyll ausgerufen würde. Aus dieser Betrachtung lassen alsbald Perfect/Division und Value 10 hochschrecken, deren Beat-Salven aus dem tiefsten Jungle feuern. In dieser Hitze des Gefechts kommt der Hörer ins Schwitzen. Und Bannon zieht mit Cold/Melt die Schlinge noch enger. Denn wenngleich sich nahezu jeder Track ein ätherisches Intermezzo leistet, fällt die Dynamik der Platte in dieser Phase unbarmherzig wild aus. All die Szenerien sind mit Seele erfüllt, vermögen im Schweiße des Angesichts Geschichten zu erzählen, geradezu episch erschallt etwa Readly/Available. Rätselhaft trippelt es voran, schüttelt sich ekstatisch, gleitet in eine Trance. Hier wird zum Zustand der Ewigkeit hin transzendiert! Das wirkt dermaßen schön zelebriert, dass mir kein triftiger Grund einfallen möchte, warum ich den Leser vor Lee Bannons Werk warnen sollte.

Alternate/Endings stellt keine Herausforderung dar, der man sich nicht gewachsen fühlen sollte. Wer sich in Musik zu vertiefen vermag und aus ihr Energie schöpfen möchte, wird sich in der abgründigen Kraft dieses sprudelnden Sounds verlieren. Lee Bannons Beats sind nie um Intensität verlegen, die Ambient-Passagen und Klangfetzen schärfen das Profil, staffieren die Stücke detail- wie pointenreich aus. Wer Drum ’n’ Bass bislang nur als dumpf und holterdiepolter wahrgenommen hat, darf sich bei diesem Album die Ohren reiben. Denn mehr Stimmung und Aura und Elan geht einfach nicht!

alternateendings

Alternate/Endings ist am 10.01.2014 auf Ninja Tune erschienen.

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