Locker aus dem Handgelenk geschütteltes Entertainment – Ira May

Ich bin kein Freund von Castingshows. Weil ich melismatisches Geträller nicht ertrage, weil die Niederungen einer persönlichen Lebensgeschichte auf die gesangliche Qualität keinen Einfluss haben, weil man Juroren wie Bohlen und Nena nicht auf Talente loslassen sollte. Ich habe noch bei den meisten Gewinnern solcher Veranstaltung keinerlei Aha-Effekt erlebt. Das waren keine besonderen Stimmen – und oft auch keine kreativen, charismatischen Persönlichkeiten. Dabei wäre die Ausstrahlung noch der beste Grund, einem netten Gesang zusätzlichen Charme zu verleihen. Als vor ein paar Jahren Amy Winehouse und später auch eine Duffy die Gischt der Soul-Pop-Welle bildeten, wollten viele Sängerinnen mit einem kraftvollen Organ punkten. Doch eine soulige Popdiva kann man sich nicht zurechtschnitzen. Als ich vor ein paar Wochen zum ersten Mal die Stimme der Schweizerin Ira May gehört habe, war ich sofort beeindruckt. Ira May muss nicht nach Noten greifen, sie röhrt mit ausgesuchter Souveränität und vehementer Präsenz. Ihre Stimme wirkt nie glatt, hat vielmehr kleine Fältchen, flirrt selten hell, schimmert eher im Halbdunkel. Dieses charaktervolle Timbre verrät das eine oder andere Jahr an Lebenserfahrung, erscheint ganz weit weg von jeglichem Teeniepüppchengehabe. Der anfängliche positive Eindruck hat sich dieser Tage nach Anhören ihres Debüts The Spell weiter gefestigt.

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Photo Credit: MAIWOLF

The Spell wohnt der Zauber gehobenster Unterhaltung inne. Das gesangliche Temperament wird von einer gelungen Produktion wunderbar in Szene gesetzt, das routinierte Songwriting tönt schmissig bis dramatisch balladesk. Schon mit dem Eröffnungstrack Bigger Plan wird man von einem Sog des Wohlgefühls erfasst und auf die Tanzfläche geschleudert. Das ist locker aus dem Handgelenk geschütteltes Entertainment, wie man es aus deutschsprachigen Landen kaum kennt. Und vor allem zeigt es eine Spritzigkeit, die man auf den Castingshowbühnen Mitteleuropas vergeblich sucht. Die Single Lonely ist von ähnlichem Kaliber, wenngleich es im Refrain vielleicht einen Tick zu sehr gen Airplay schielt, ein bisschen zu tief in der Pop-Kiste kramt. Aber die Schwachstellen dieser Platte muss man wirklich mit der Lupe suchen. Am Titelsong The Spell ist nichts zu bekritteln, es ist eine Inbrunstballade, welche vor lauter Wucht aber nie darauf vergisst, die Emotion zu vermitteln. Wenn es bislang stilistisch eher konventionell zuging, wird mit No Doubt dem Soul-Pop Reggae und Rap beigemengt. Doch sogar dies Experiment erweist sich nicht als Rohrkrepierer. Nachfolgendes Let You Go besinnt sich wieder auf die Stärken Ira Mays: Gefühliger Pathos mit einer großen Portion Noblesse, ohne Kitsch und Schmalz. May klingt dabei so schwarz, wie man nur klingen kann. Besonders retroesk geben sich Whatever It Takes, dessen charmanter Sixties-Pop einmal mehr bezaubert, und Talking Again, welches mit Impro-Charakter punktet und Live-Flair versprüht. Es klingt nie überarrangiert, vielmehr fein leger. Dass sich Ira May keineswegs die Seele aus Kehle bellt, in ihrem dunklen Timbre Grazie mit Leidenschaft mengt, darf man voll Freude konstatieren. Auch gegen Ende der Platte zaubert Ira May mit Mr. Right eine radiotaugliche Nummer aus dem Hut. Man möge mich richtig verstehen, das Songwriting mag nicht an die ewigen Hits einer Amy Winehouse heranreichen, aber es fällt stets ansprechend, sympathisch und oft mitreißend aus. Die Schweizerin hat ihre Songs selbst verfasst, auch dies in diesem Genre keinesfalls üblich. Wenn man dazu noch die famosen gesanglichen Qualitäten der Sängerin dazuaddiert, wird die Sache mehr als nur stimmig. Wie die finale Pianoballade One Day einmal mehr unterstreicht. Es gäbe bei einem Track wie One Day vieles, das man falsch machen könnte, aber das vom deutschen Produzenten Shuko betreute Album leistet sich keine groben Schnitzer. Die Gefühligkeit wirkt nie bemüht, das stimmliche Empfinden stets auf den Punkt präsentiert.

Wenn ich anfangs von Castingshows gesprochen haben, wollte ich Ira May keinesfalls im Dunstkreis solcher Veranstaltungen verorten. Vielmehr eben zeigen, dass sich Talent nicht per TV antrainieren lässt. Die natürliche Autorität einer gestanden Singer-Songwriterin hat man – oder eben nicht. Im Falle von May will ich ich ihr hervorragendes Können sehr gern zusprechen. The Spell ist ein geradezu begeisterndes Debüt, dem ich größtmöglichen Erfolg wünsche – und auch zutraue.

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The Spell erscheint am 24.01.2014 auf Peripherique.

Konzerttermine:

31.01.2014 Aarau (CH) – Kiff
01.02.2014 Gelterkinden (CH) – Marabu
08.02.2014 Rubigen (CH) – Mühle Hunziken
21.02.2014 Stäfa (CH) – Kulturkarussell
22.02.2014 Lyss (CH) – Kufa
28.02.2014 St. Gallen (CH) – Kugl
22.03.2014 Buchs (CH) – Krempel
29.03.2014 Zürich (CH) – M4Music

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