Lebemann, Träumer, Wunderkind – Steve Luxembourg

20 Lenze soll der junge Mann erst zählen, im beschaulichen Braunschweig wohnen. Mehr Infos habe ich über Steve Luxembourg nicht. Aber schon die ersten Takte des Albums The Desert imponieren sehr. Sie haben mich dazu gebracht, dass ich das eine oder andere vielversprechendste Werk noch links liegen lasse, um diesem Jungspund ausgiebig zu lauschen. Mit dem Opener Fontainebleau reiht sich Babyface Luxembourg in die Garde der großen Singer-Songwritern ein, irgendwo zwischen dem Typus des Lebemanns und des Träumers. Fontainebleau entwickelt eine vom Leben gegerbte Attitüde, besitzt zugleich aber aufreizende, lakonische Nonchalance. Der Satz „I found a place where I should die/ And I want you to serve me drinks.“ bringt die Stimmung dieses Liedes auf den Punkt. Besser kann eine Platte kaum beginnen.

Spätestens beim nicht minder famosen Bristol sticht eine weitere Eigenschaft Luxembourgs ins Auge. Er vermag Songs über sechs bis sieben Minuten zu erzählen, die Tracks verlieren mit Fortdauer nicht an Spannung. Das allein zeugt schon von Reife. Weiters definiert sich das Werk über kryptische Emotionen und Kontemplationen. Nichts ist greifbar, alles einen gedanklichen Flügelschlag, einen Gefühlshorizont entfernt. Selbst Liebeserklärungen („Would you marry me in Bristol/ Cool my fever down?„) wirken fast blasiert denn leidenschaftlich, zumindest aber distanziert. Insgesamt strotzt das Album vor Bekenntnissen und Reklexionen eines mitunter Abgehobenen, der indigniert wie interessiert und stets mit großer Eleganz durch Sein und Hirngespinste streift. Amiens etwa entwickelt sich von der angespannten Pianoballade hin zu einem unruhigen Flackern.“I’ve seen all your ghosts tonight/ Dancing ‚round a burned out fire.“ sind die Zeilen, die die unwirkliche Atmosphäre am besten charakterisieren. Dass alles nicht ins Schmierentheater abgleitet, liegt an dem genüsslich-stoischen Gesang Luxembourgs. Dieser ist tatsächlich sehr wandlungsfähig, erschallt er doch beim nachfolgenden Francis Bitter in leiernder, kratziger Folkbardenmanier. Oder grotesk und gestelzt bei Monolith mit dem wunderbaren Refrain „I keep living inside my well/ Keep waiting for passing girls to call out my name./ I keep living inside my well/ But they never call and I wound’t answer anyway.„. In jenem Moment gibt Steve Luxembourg den aus der Zeit gefallener Künstler des Fin de Siècle, bildet einen Kontrast zu den gegenwärtigen Heerscharen biederer Singer-Songwriter-Chronisten mit all ihren Trivialitäten. In der hymnischen Klarheit von Ravines (Ships Sink) schimmert Größe durch, es birgt eine Qualität, die aus dem oft vorhandenen deutschen Muff transzendiert.

The Desert bewegt sich zwischen bedrückendem Synthie-Pop, folkigem Liedermachertum und Piano-Man-Grandezza. Und das derart famos, dass ich Steve Luxembourg ob seiner 20 Jahre zum Wunderkind erklären möchte. Wunderkinder gibt es immer wieder mal, aber in der Regel suchen sie sich glamourösere Ecken als Braunschweig aus. Dieses Album ist ein heller Lichtstrahl am sonst oft trüben, deutschen Singer-Songwriter-Firmament. Mehr noch, eine veritable Supernova. Anhören, unbedingt!

The Desert

The Desert ist am 31.01.2014 auf Timezone erschienen.

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