Release Gestöber 47 (Anna Aaron, Chorus Grant, Illute, William Fitzsimmons)

Anna Aaron


Anna Aaron – Stellarling (Official Music Video) von Discograph

2012 ist mir als musikalische starkes Jahr in Erinnerung geblieben. Das verdanke ich auch Dogs In Spirit, dem Debüt der Schweizerin Anna Aaron. Die Abgründigkeit des Werks habe ich damals mit PJ Harveys To Bring You My Love verglichen. Und geahnt, dass hier eine Singer-Songwriterin heranwächst, die innere Teufel beschwört, sich roh und ungezügelt zu geben vermag, feurigen Pathos vermittelt. Sie reiht sich somit in die Reihe der Sängerinnen ein, die weibliche Urkraft zelebrieren, das Mädchenhafte lange hinter sich gelassen haben. Nun also steht im März ihr Zweitling Neuro an. Und mit der ersten Single Stellarling wird meine Hoffnung gestärkt. Der Song ist all das, was man sich von der Schweizerin nur wünschen konnte. Er klingt kriegstänzlerisch und frenetisch, nur um im Refrain ein zwischen Zischen und Hauchen angelegtes Schmachten zu offenbaren. Anna Aaron scheint wieder auf dem richtigen Pfad, ihre Mischung aus Pop und der Wucht von Alternative lässt aufhorchen. Musik definiert sich immer über Intensität – und die verströmt Stellarling nicht zu knapp.

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Neuro erscheint am 14.03.2014 auf Two Gentlemen.

Chorus Grant

Noch vor wenigen Jahren habe ich Dänemark als in musikalischer Hinsicht nur selten hochbegabtes Land abgetan. Aber man lernt nie auch und längst habe ich meine Meinung revidiert. Und wenn ich mir den unter dem Namen Chorus Grant werkenden Dänen Kristian Finne Kristensen so anhöre, bin ich einmal mehr vor dem diesem kleinen Land angetan. Die Ende Januar veröffentlichte Single O Everyone präsentiert Chorus Grant als träumerischen wie introvertierten Singer-Songwriter, dessen entschleunigte Betrachtungen hinter der Maske der Unscheinbarkeit das großes, existentielles Kino auftun. O Everyone beschert durch ein entrücktes, schwebendes Keyboard und durch einen sanften, gutmütigen Gesang stille Schönheit. Es ähnelt einer liebevollen Beobachtung von oben, einem Blick auf die Welt vom Orbit aus. Auch deshalb scheint der Titel des demnächst erscheinenden Albums klug gewählt. Er lautet Space. Ich beginne schon einmal mit dem Astronautentraining.

Space erscheint am 24.02.2014 auf Tambourhinoceros.

Illute

Der in Berlin ansässigen Liedermacherin Illute habe ich in der Vergangenheit schon die eine oder andere Zeile gewidmet: „Wenn mit aufgekrempelten Ärmeln schlichte Alltagssprachlichkeit dank weniger Handgriffe in Poesie umgekrempelt wird, patent und mit in die Hüften gestemmten Händen ein fräuleinhaftes Gefühlsleben unverhandelbar dargeboten scheint, ja dann darf man als Hörer getrost in Hellhörigkeit erstarren.“. Bescheinigte ihr also Liedermacherkunst, welche im Nu alltägliche Reflexionen in sprachliche Kleinode verwandelt. Auch auf ihrem neuesten Werk So wie die Dinge um uns stehn spielt Illute mit Sprache, ornamentiert, denkt um mehr als eine Ecke, forscht nach Gefühlen. Ihr Zugang hat sich im Grunde nicht wirklich geändert und dennoch ist die für März angekündigte Scheibe noch runder und pfiffiger. Ich werde mich demnächst ausführlicher mit dieser Platte beschäftigen. Eines sei jedoch bereits jetzt gesagt, ein so kluger und optimistischer Song wie Mein liebstes Leben entschädigt für all den Deutschpop-Schrott, der sich in Laufe eines Jahres in deutschen Gefilden so anhäuft. Wer kecke Feinfühligkeit schätzt und Interesse am Kleinkrieg von Sinn und Sein hat, wird Illutes Poesie lieben.

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So wie die Dinge um uns stehn wird am 14.03.2014 auf Timezone veröffentlicht.

William Fitzsimmons

Kommen wir zuletzt zu einem echten Vorzeigehipster. William Fitzsimmons steht für leise, kuschelige Folkmusik, die gern nachdenklich wäre. Zu oft drückt Fitzsimmons freilich auf die Äthertube, entlockt dem unhipsterigen Zeitgenossen nur ein walfischmaulbreites Gähnen. Sein neuestes Werk Lions taugt allen unbärtigen Menschen bestenfalls als Einschlafhilfe. Denn nicht jede dezente bis schüchterne Ausdrucksweise darf und soll als tiefgängige Grüblerei durchgehen, mitunter ist praktizierte Langeweile vor allem eines, monoton, nichtssagend und fade nämlich. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, Fitzsimmons mag ein ganz netter Zeitgenosse sein und prinziell ist auch das Bartträgertum keine schlechte Sache nicht, man denke nur an Mark Oliver Everett von Eels. Aber musikalisch gerät Fitzsimmons zum Softie, der uns Stoizismus als Emotion verkauft. Er ist ein biedermeierner Barde voll weichspüliger Lethargie. Nur selten tänzelt ein Lichtstrahl wie Fortune durch dieses sehr verschnarche Lions. Fortune gerät für Fitzsimmons’sche Verhältnisse geradezu ekstatisch und mitreißend, bleibt aber eben nur eine nette Ausnahme inmitten einer öden Platte. Reduktion ist wahrlich keine Schande, bei diesem Singer-Songwriter mündet sie jedoch im großen Nichts.

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Lions erscheint am 14.02.2014 auf Grönland.

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