Sophomore Slump? Jein! – The Jezabels

Im Englischen existiert der schöne Begriff „Sophomore slump“. Mir will für diesen Ausdruck jedoch keine passende Übersetzung einfallen. Im Kern definiert Sophomore slump eine Krise, die etwa ein Sportler im zweiten Jahr seiner Karriere erlebt oder mit welcher sich ein Musiker beim Zweiftlingswerk konfrontiert sieht. Doch definiert der Begriff auch die Apathie, die einen Studenten befällt, wenn die Euphorie und der Fleiß des ersten Jahres endgültig verfolgen sind. Falls man also an die anfänglichen Erfolge nicht mehr anzuknüpfen vermag, scheint man vom Sophomore slump erfasst. Und was immer ich in den letzten Tagen auch über das neue Album The Brink der australischen Band The Jezabels gelesen habe, mit Kritik wurde keineswegs gespart. Vor zwei Jahren noch vermochte die Formation rund um Sängerin Hayley Mary mit dem Debüt Prisoner für Furore zu sorgen. The Brink dagegen wird mit weniger Schmeicheleien bedacht. Leiden The Jezabels also einem veritablen Sophomore slump? Jein!

The Jezabels machen kein Hehl daraus, ihren Indie-Rock poppigst aufzubereiten. Der Leibhaftigkeit von Gefühlen wird mit allerlei Drama und Pathos nachgeholfen. Hayley Mary hat die fiebrige Unruhe mancher Ikonen der Achtziger verinnerlicht, mitunter gesellt sich auch der eine oder andere Hauch von Florence and the Machine hinzu. All dem Pop fehlt freilich das Barbiehafte, auch anrüchig simpel gestrickte Refrains sucht man vergebens. The Jezabels haben die Prinzipien der Popmusik begriffen. Man muss nicht in seichten Gefilden waten, man muss aber auch nicht Sartre oder Schopenhauer zitieren. In großen, oft in den Überschwang kippenden Sentimenten wird auf der gesamten Platte gesehnt, gefühlt, gelitten. Und das nicht zu knapp. Time To Dance beispielsweise entwickelt sich mit Fortdauer von sinnfragendem Lebenskummer hin zu einer Artikulation von Wünschen. Es braucht einen Tick zu lange, um in die Gänge zu kommen, dann aber regnet es Gefühlskonfetti. Und dieser Schauer hört bei Look Of Love gar nicht erst auf. Dieser nicht eben tiefschürfende 08/15-Track ist wie für die Charts gemacht, darum sind seine Schwächen eigentlich seine Stärken. Doch nach einem eher stotternden Beginn laufen die Australier mit Beat To Beat schließlich zu guter Form auf. Nun werden – vor allem im Refrain – alle Register gezogen, Hayley Mary krakeelt sich voll Leidenschaft die Stimme aus dem Leib. Wie hier Sythies eine Feurigkeit der 80-er ins Spiel bringen, den handfesten Rock gen hymnischen Electro-Pop transzendieren, das vermag zu gefallen. No Country bleibt textlich zwar verschwommen – irgendwann liegen alle in Ketten -, aber das eröffnende wie abschließende „I heard there was a kind of tree releasing spores/ That could enslave a mind to follow secret laws“ wäre durchaus einer Florence Welch würdig. The End knüpft endlich, endlich an die stärksten Tugenden des Debüts an: Female-Fronted-Rock at its best! So klingen The Jezabels am besten, herrlich wuchtig und unverkrampft. „Is this the end if a life worth living? Is this the end of a heart worth giving?“ röhrt Mary durch die Boxen und zu solch rauer Inbrunst fühlt man sich ganz und gar hingezogen. Mit diesem Song kratzen sie die Kurve! Und legen mit Got Velvet ein ebenfalls packendes Lied nach. Der Band steht treibender Gitarrensound schlichtweg besser zu Gesicht als jedweder Synthie-Flitter oder Keyboard-Gewimmer, so mein Fazit.

Wenn sich eine Formation nach einem vielbeachteten Debüt nach dem ganz großen Durchbruch sehnt, gleich Stadien füllen möchte, mit Dan Grech-Marguerat einen der aufstrebendsten englischen Produzent an Land zieht, dann kann im Übereifer des Gefechts ein Album schon mal aus dem Ruder laufen. Genau dies ist bei The Brink geschehen. The Jezabels wollten sich für höchste Chartsweihen empfehlen und haben es mit der Poppigkeit mitunter übertrieben. Der vermeintliche Schritt nach vorn hat die eigentlichen Vorzüge der Band in den Hintergrund treten lassen. Darf man die Australier also im Sophomore slump ansiedeln? Ich würde es letztlich verneinen, dazu ist der eine oder andere Song dann doch zu gut. Glück gehabt!

thebrink

The Brink ist am 14.02.2014 auf PIAS erschienen.

Konzerttermine:

14.03.2014 Hamburg – Uebel & Gefährlich
15.03.2014 Berlin – Astra
16.03.2014 Frankfurt – Sankt Peter
18.03.2014 München – Freiheit
20.03.2014 Köln – Gebäude 9

Links:

Offizielle Homepage

The Jezabels auf Facebook

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