Starke Gefühle ohne Übertreibung – Doug Paisley

Heute möchte ich ohne Umschweife von einem meiner Meinung nach perfekten Americana-Album schwärmen. Der aus dem kanadischen Toronto stammende Singer-Songwriter Doug Paisley hat mit Strong Feelings eine nachdenkliche, mit Feinsinn und Bodenständigkeit punktende Platte ersonnen, die eigentlich nur einziges Mal nicht zum Understatement neigt. Wenn uns Paisley nämlich im Albumtitel starke Gefühle verspricht, dann ist das eine sehr akkurate Beschreibung dessen, was den Hörer auf diesem wunderbaren Werk erwartet. Ob Country-Ballade oder Folk-Rock-Track, immer verbindet Paisley die unaufgeregte Hemdsärmeligkeit des Fühlens mit der Integrität des begnadeten Liedermachers und einem zutiefst wohligen, eleganten Sound. Würden die ehrenhaftesten Vertreter des Alternative Country, die Legenden des Folk diese, Paisleys Lieder trällern, die Musikkritik dieser Welt wäre der Schnappatmung nahe. Doch Paisley ist (noch) kein Willie Nelson und deshalb könnte dieses Album vielleicht zu Unrecht übersehen werden. Und das wäre ein Verlust für jeden, der sich von der Melancholie und Traurigkeit des Americana angezogen fühlt.

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Paisley besitzt das gewisse Etwas, das die begnadeten Vertreter des Genres im Herzen tragen. Er ist die verkrachte Existenz, welche das Scheitern und Zweifeln zur Poesie werden lässt. Er ist der Außenseiter voller Menschlichkeit, oftmals Pechvogel, der in der Melancholie Befriedigung erfährt. Und er verkörpert freilich auch den Träumer, einen hoffnungsfrohen sogar. Wenn ich mir die zehn Lieder dieser Platte so betrachte, fällt mein Blick immer wieder zuerst auf It’s Not Too Late (To Say Goodbye). „Holding out for something from the past/ The future’s burning brightly but it won’t last/ Passing time with dreams behind my eyes/ You know you’ve hit the bottom and your lungs are filled with cries/ Kept inside“ sind die mächtigen Anfangszeilen einer wahrhaftigen Country-Unglückseligkeit, die aber nie in Larmoyanz abgleitet, vielmehr erhobenen Hauptes ertragen wird. Das hat große Klasse, wie ich meine. Und gerät bei weitem nicht zum einzigen erinnerungswürdigen Titel. Schon der Opener Radio Girl ist ein in bestem Country-Gedudel gehaltenes Stück, das nostalgischen Charme versprüht, tief in die Urtümlichkeit des nordamerikanischen Kontinents abtaucht. Our Love verfängt als überraschender Moment der Zweisamkeit und Zufriedenheit, als kalkulierter Stillstand, der keinerlei Träumen hinterherhechelt. Und der Liebsten nicht die Sterne vom Himmel holen möchte. In dieser lakonischen, warmherzigen Folk-Ballade laufen größere Emotionen ab als in all den schmachtenden Liebesschwüren dieser Welt. Eine ähnliche unaufgeregte Tiefe lässt sich auch bei What’s Up Is Down konstatieren. Wie Paisley das Duett mit seiner Landsfrau Mary Margaret O’Hara anlegt, strotzt vor dezenter Intensität, schwingt in zärtlicher Traurigkeit und sachten Glücksgefühlen. Und wenn der Gesang schweigt, erzählt ein stoisches Saxofon die Geschichte weiter. Strong Feelings wirft den Blick zurück nach vorn, ist in liebevoller, aufrichtiger Betrachtung der Gegenwart verhaftet. Selbst Old Times ist entgegen seinem Titel Versprechen für die Zukunft, auch hier fungiert das Hier und Jetzt als Schnittstelle. Das überraschend handfeste, in seiner robusteren Rockigkeit zunächst vielleicht deplaziert wirkende To And Fro unterstreicht, dass sich Paisley auf diesem Album mit einer wirklich guten Kapelle umgeben hat. Die Komplexität, zu welcher der Singer-Songwriter befähigt ist, wird spätestens bei Where The Light Takes You augenscheinlich, wenn im Refrain zunächst der Country-Crooner durchschimmert, ehe zur Hälfte hin Beatles-Harmonien eine Bridge zu einem Synthie-Abgesang bilden.

Das kanadische Magazin Exclaim! hat Strong Feelings mit den Worten „Here’s one of the best records you’ll hear in 2014.“ empfohlen. Dieser Sichtweise kann ich mich nur anschließen. Doug Paisley besticht als überbegabter Liedermacher, der uns ergreifende Songs voller Herzenswärme offeriert. Deshalb bin ich eigentlich überrascht, dass sich in hiesigen Breiten – bis auf den verlässlichen Geschmacksmenschen Eike von dasklienicum – noch kaum jemand diesem Album vernünftig angenommen hat. Das ist so schade wie unverständlich. Denn bessere Americana, ja bessere Musik generell, wird man 2014 kaum zu Ohren bekommen.

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Strong Feelings ist am 24.01.2014 auf No Quarter erschienen.

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