Zigarettenkippengefärbt, abgelebt, schlurfig – Die Heiterkeit

Wie eigenartig. Junge, dem Teenageralter eben erst entfleuchte Menschen kanalisiseren ihr Streben nach Seriosität und ihren Hang zur Morbidität, indem sie in ihrem musikalischen Tun der Verbitterung des in der Sinnkrise befindlichen Mittvierzigers nacheifern. Man will alt sein. Endfünfziger – oder gar Mittsechziger – wiederum versuchen oft krampfhaft unter Beweis stellen, wie jung sie im Herzen doch geblieben sind, wie sehr sie noch der jugendlichen Unangepasstheit frönen. Rock ’n‘ Roll forever, oder so. Das Hamburger Frauentrio Die Heiterkeit dagegen wagt den doppelten Salto. Es hievt sich zwei gefühlte Dekaden mehr auf den Buckel und demonstriert – ganz unverfroren – verlebte Zufriedenheit, zumindest aber zartbittere Weisheit. Die Heiterkeit begegnet Sehnsüchten mit Respekt und Augenzwinkern, sie anerkennt die Realität von Träumen, schmückt selbige liebevoll aus, weiß dabei stets, dass Einbildungen doch immer nur Hirngespinste bleiben sollen. Durch die Texte der Band glimmen kleine Funken des Glücks und der Sorgen, hier wird keine Feuersbrunst der Emotion abgefackelt. Das Temperament ist angenehm gezügelt, ohne dabei gleich in Mumienstarre zu verfallen. Das Album Monterey brilliert als lakonischer Deutsch-Pop mit Herz, Hirn und viel Lebenserfahrung.

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Photo Credit: Alina Simmelbauer

Stella Sommers Gesang ist das eine ganz und gar offensichtliche Prunkstück dieses Werks. Sie tönt zigarettenkippengefärbt, abgelebt, schlurfig. Das zweite Pfund von Monterey ist vielleicht weniger augenscheinlich. Die Texte beschäftigen sich nämlich nicht mit dem Anfang oder Ende von Überlegungen, Stimmungen oder Romanzen, sie siedeln sich in deren Mitte an. Alles hat Vergangenheit und Zukunft, nichts beginnt oder endet Knall auf Fall. Vielmehr werden allmähliche Veränderungen, sachte Aufbrüche und geduldiges Warten zelebriert. Wohin gehst du, Cary Grant ist in seiner stoischen wie zärtlichen Fantasie wohl eines der berückenden Lieder der Platte. Es ist ein Zeichen von Abgeklärtheit, sich an unerfüllbare Sehnsüchte anzuschmiegen. Resignation ist letztlich das, was man daraus macht. Kalifornien wiederum gefällt als sämtlichen Dingen trotzende Liebesversicherung, Pakt zweier Herzen gegen alles und jeden („Zu zweit im Visier, ertragen wir viel/ Und verlassen uns drauf, was lange währt hört länger nicht auf/ Ich nehm deine Hand und werde verstehen/ Meine Liebe sie geht Übersee„). Sommer deklamiert das Lied im schiefen Brustton der Überzeugung. Wie bewunderungswürdig. Und dann wäre da noch Pauken und Trompeten, welches spätes Glück verspricht („Bleib wenn du magst solange wie du Zeit hast/ Solange du Zeit hast/ Es war so lange still und ich vergass/ Wie es war als es lauter war/ Oh ja/ Und nun da du fragst es war die meiste Zeit dunkel und hart„). Auch der Refrain zeugt von einer versöhnlichen Zuversicht, die entwickelt, wer die Tiefen des Seins durchschritten hat. Es sind freilich bei weitem nicht nur diese drei Titel, die den Charme von Monterey ausmachen. Der wartende Kapitän, das miesepetrige Daddys Girl oder der verloren Frühlingsjunge bestechen als nicht minder facettenreiche Kleinode.

Vor anderhalb Jahren hatte ich das Debüt Herz aus Gold als „Fräuleinwunder Knef meets Neue Deutsche Welle meets Wir sind Helden“ eingeschätzt. Wo damals noch schnoddrige Pfiffigkeit vorherrschte, scheinen Stella Sommer, Rabea Erradi und die neu hinzugekommene Anna-Leena Lutz nun alles Fräuleinhafte abgelegt zu haben. Monterey präsentiert die Band gereift, ihr versonnener und tiefsinniger Indie-Pop zeigt mittlerweile eine wissende Attitüde, eine Unerschütterlichkeit und große Gemütsruhe. Die Heiterkeit hat die letzten Überbleibsel an Görenhaftigkeit eingemottet und ist hoffentlich endgültig und auf alle Fälle frühzeitig ins Charakterfach gewechselt. Dazu darf man dem Trio – und mehr noch allen Hörern und Hörerinnen – nur gratulieren!

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Monterey erscheint am 28.02.2014 auf staatsakt.

Konzerttermine:

12.03.2014 Berlin – Privatclub
13.03.2014 Hamburg – Hafenklang
10.04.2014 Dresden – OstPol
11.04.2014 Wien (AT) – Rhiz
12.04.2014 Klagenfurt (AT) – Ballhaus
13.04.2014 München – Feierwerk
14.04.2014 Köln – Schauspiel Köln (w/ Goldene Zitronen)
23.04.2014 Leipzig – Ilses Erika
24.04.2014 Augsburg – Soho Stage
25.04.2014 St. Gallen (CH) – Palace (w/ Ja Panik)
27.04.2014 Frankfurt – Mousonturm

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