A Private Tragedy & A Carnival Of Lights – Kalle Mattson

Vor ein paar Wochen hatte ich bereits auf Someday, The Moon Will Be Gold hingewiesen. Heute erscheint hierzulande jenes geniale Werk des kanadischen Singer-Songwriters Kalle Mattson. Es ist ein ausgesprochener Glücksfall von einer Platte. Und weil es viel Gutes über dieses Album zu sagen gibt, stürzen wir uns ohne Vorgeplänkel in die Betrachtungen.

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Schon der Opener An American Dream klingt so, als hätte sich ein junger Dylan und ein ebenfalls taufrischer Springsteen daran gemacht, eine triumphale Hymne für das Hier und Jetzt zu kreieren. Von Dylan hat sich Mattson den eigenwilligen bis schrägen Gesang und eine Bilderhaftigkeit abgeschaut („Well you cut me down like the Berlin wall„) abgeschaut, von Springsteen den direkten, wuchtigen Rock. Das Resultat ist eine dicht instrumentierte Nummer, die sämtliche Register zieht. Das nachfolgende Darkness dagegen besticht als bläserdominierte Folknummer, deren Kontrast aus lieblich-pittoresker Melodie und textlicher Verlorenheit („Half-past nowhere days, I/ Stumbled starry maze/ I know it’s no place for me to go„) nicht ohne Wirkung bleibt. Mit dem folk-rockigen Sound & Fury (A Dream Within A Dream) eifert Mattson wiederum erfolgreich Dylan nach, sowohl im sprechgesanglichen Erzählen als auch im lyrischen Feuereifer, ehe Hurt People Hurt People einen gänzlich anderen Pfad einschlägt, fröhlichen College-Rock abfeiert und dabei auf eine in die Hose gegangene Liebesbeziehung mit Giftpfeilen antwortet („I thought you were modest/ Academic & shy/ & oh if I only knew/ That the words from your teeth/ Were just slander & lies/ & I took them all for true/ But then again so did you.„). Doch nach diesem Track verliert das Album dann auch jede Unbeschwertheit, Traurigkeit paart sich von nun an mit eindringlichem Erbauungsfolk. Schon Eyes Speak wird zum emotionalen Meisterstück, zum Griff in die Vergangenheit, um in der Gegenwart eine Zukunft ersehnen zu können. Erinnerungen an die tote Mutter („When it’s five years on & I feel the same/ As I’m staring at your picture frame/ Just want to hear your voice calling out my name„) bringen eine überwältigende Sehnsucht hoch („Because I need you here now not someday/ Need you here right now„). Das Wort „someday“ ist die vorerst noch weggewischte Hoffnung, die nicht grundlos in den Albumtitel eingeflossen ist. Mit dem anschließenden The Moon Is Gold erreicht Mattson schließlich den Zenit seines Talents. Dieser Song zählt ohne Übertreibung zu den besten Stücken dieses Jahres. Es ist eine Fortsetzung von Eyes Speak, die nun zu Transzendenz und Zuversicht befähigt scheint. Die einleitende Strophe gibt die Stimmung vor: „Tender is the night up against your ghost/ With lilac days & memories slow/ Your picture on my bed & now I know/ A shivering night with a heavenly glow„. Danach geht es den Himmel hoch, von wo alles Irdische klein wirkt („The pyramids of Egypt & the plains of Versailles/ Never looked so small from this hole in the sky„). Das Göttliche kommt ins Spiel („Sun it rises & the moon eclipse/ Well the book of revelations & the veil it lifts/ The end of the start & an angel predicts/ I’ve seen the beginning, the apocalypse„), Verheißungen werden dem Leid entgegengesetzt („When our lives have been bought, beaten down & sold/ Well I’ll tell you now that the moon is gold„). Ein Stoßseufzer holt den Träumer schließlich aus seinen Überlegungen („Man oh man no we don’t want to die/ Then why’s it so hard just to be alive„). Und sanfter Trost bleibt als Erkenntnis zurück: „A forgotten house is no one’s home/ Because I miss your laugh & now I know/ I’m coming to you all on my own„. Dieser spacige, verzerrte Indie-Rock-Track begeistert mich auch dem dreißigten Lauschen sehr. Bei A Love Song To The City greift Mattson das Motiv der vertrauten Heimatstadt aus, mit der man verbunden ist und dennoch das Weite sucht („It’s a love song to the city I know will never miss me/ Take the highway & the money to spend„). Ausbruch, Aufbruch und bittersüße Reminiszenzen! Pick Me Up wiederum zeitigt lupenreinen, hemdsärmeligen Americana mit einem bezaubernden Instrumentalfinale, ehe die Ballade In The Morning Light nochmals Gänsehautmomente produziert, sich zu großen Gefühlen und sanfter Zuversicht aufschwingt: „Cause we will fall from such great heights/ Like snowflakes in the night/ So darling close your eyes/ & I’ll hold you till the morning light„.

Someday, The Moon Will Be Gold wagt sich ohne Selbstmitleid an Themen wie Trauer und Schmerz. Es beschert glaubhaften Trost, schenkt eine Hoffnung, die nicht auf Naivität oder Schönfärberei baut. Mattsons Fühlen verschmerzt den Verlust nicht. Das Glück hüpft nicht einfach in den Weg, pappt kein Pflaster auf die Wunde, zaubert kein Lächeln ins Gesicht. Leid wird erlitten, ertragen, nicht weggezaubert. Doch sieht Mattson auch das Licht in der Ferne, das hoffentlich glücksträchtige Irgendwann! So sehr man die Tiefe dieser Botschaft auch fühlen mag, schadet es natürlich dennoch nicht, dass sich Kalle Mattson als begnadeter Singer-Songwriter erweist, der trotz manch offensichtlichem Vorbild eigenständige und vielfältige Lieder mit oftmals unvergesslichen Melodien und verdammt gelungener Instrumentierung kreiert. Es existieren sehr gute und sehr, sehr gute Platten – und das nicht zu knapp. Someday, The Moon Will Be Gold freilich ist noch besser. Man muss diesen Geniestreich nur hören und begreifen wollen…

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Someday, The Moon Will Be Gold ist am 07.03.2014 auf Trickser erschienen.

Konzerttermine:

15.04.2014 Köln – Arttheater
19.04.2014 Nyon (CH) – La Parenthese
22.04.2014 Zürich (CH) – Kafi für Dich
23.04.2014 Düdingen (CH) – Bad Bonn
24.04.2014 Nürnberg – Folk Im Park
25.04.2014 Darmstadt – Bedroomdisco
27.04.2014 Berlin – Privatklub
28.04.2014 Hamburg – Knust
29.04.2014 Duisburg – Steinbruch
30.04.2014 Dortmund – Sissikingkong
02.05.2014 Schorndorf – Manufaktur
03.05.2014 Saarbrücken – Sparte 4
25.07.2014 Reutlingen – Burning Eagle Festival
26.07.2014 Dortmund – Juicy Beats Festival

Links:

Offizielle Homepage

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