Ätherisch-mausgraue Trance voll Unglück – Lyla Foy

Es gibt so Tage, an denen sich eine junge Frau alle Illusionen abschminkt, an denen die Widerwärtigkeiten des Alltags im Minutentakt auf sie niederprasseln. Wenn in aller Frühe schon die Kaffeemaschine den Geist aufgibt, sie auf dem Weg zur Arbeit wegen irgendeines dahergelaufenen Selbstmörders ewig in einem muffigen U-Bahn-Waggon feststeckt, in der Arbeit vom schmierigen Chef mit Anzüglichkeiten überhäuft und dabei nur so durchs Büro gescheucht wird, weil die Kollegen allesamt krankfeiern, sie am Ende eines üblen Tages schließlich in die leere Wohnung kommt und den geliebten, schon drei Tage abgängigen Kater sehr vermisst. Es gibt so Tage, in denen Frau dem Sein mit Siebenmeilenstiefeln entfliehen möchte. Und wenn Frau stimmliches Talent besitzt, klingt das im Idealfall dann so ätherisch-mausgrau, geschunden-zärtlich, entrückt-leidend wie bei der Londoner Singer-Songwriterin Lyla Foy. Sie träumt sich auf ihrem Debüt Mirrors The Sky in eine sanfte Trance voll Unglück.

Lyla Foy Artist Photo Photo Credit: Veanne Tsui
Photo Credit: Veanne Tsui

2012 hatte sich eine junge britische Sängerin namens WALL unter Musikbloggern wie ein Lauffeuer verbreitet. Ihre fragiler, zartbesaiteter Ausdruck vermochte sowohl bei Coverversionen als auch eigenen Kompositionen zu überzeugen. Letztes Jahr kam dann die wirklich vorzügliche EP Shoestring heraus. Vor einigen Monaten nun beschloss WALL unter ihrem bürgerlichen Namen Lyla Foy weiterzumachen. Ich konnte diesen Namenswandel nicht wirklich nachvollziehen. Jeder Musiker, der sich 1000 hart erkämpfter Facebook-Fans rühmt, weiß doch genau, dass man an einer „Marke“ nicht rütteln sollte. Fans vergessen schnell, Blogger ebenfalls. Doch vielleicht kam der Namenswandel auch auf Betreiben des Labels Sub Pop zustande, welches Foy im Oktober letzten Jahres unter Vertrag nahm. Möglicherweise sind das also keine Fisimatenten, die man der Londonerin vorwerfen kann. Eines lässt sich jedoch nicht verhehlen, Lyla Foy ist nicht länger WALL. Ihr Albumdebüt reicht an die letztjährige EP – mit ihrem famosen Track Left To Wonder – nicht immer heran. Natürlich ist der Opener des Albums ein Sahnestück, Honeymoon geht dem Fan der ersten Stunde runter wie Öl. Ihr melodieseliger, sehnsüchtiger Dream-Pop nimmt hier in seiner schönsten Form Gestalt an. Doch schon der zweite Titel I Only generiert sich als allzu geschmeidiger Syntie-Pop-Schlager ohne Seele. Wenn Foy in Lieblichkeit verfällt und im Tralala des Midtempo kleben bleibt, wird auch kein Schuh draus. Impossible ist leider ebenfalls ein Fehltritt. Sobald jedoch eine Folkigkeit die Lieder erfüllt, die Synthies eben nicht schalten und walten lässt, möchte man die Sängerin vor Dankbarkeit umarmen. Das schleppende Rumour etwa ist schlichtweg edel und gut im umunstößlichen Schmerz, für den es steht („I lied and I wished it was over/ Winter is coming to meet me„). In diesem qualitativen Auf und Ab schreitet die Platte voran, Easy wird für zu leicht befunden, No Secrets dagegen – ein 2012 veröffentlichten Titel – macht anschaulich, warum die Blogosphäre mit WALL Händchen hielt. Der bedächtige Herzschlagrhythmus des Tracks wird von der Sängerin mit sirupiger Inbrunst umschmiegt, erst gegen Ende plustern sich die Instrumente auf. Das wirkt alles stimmig, sofern man mit der verlangenden Zerfurchtheit von Liebe etwas anzufangen weiß („Am I allowed to love you yet/ I’ve been an actor on a set/ Rest your head down on my pillow/ Tell me it’s not over yet„). Denn noch scheint Frau Foy sehr monothematisch unterwegs, entwickelt immer Gleichungen mit Liebe und Schmerz als einzigen Konstanten und verschiedenlich ausdifferenzierten Idio­syn­kra­sien als Variablen. In den Momenten jedoch, in denen die Rechnung aufgeht, ist man völlig gefangen. So auch beim famosen Someday mit seinen Zeilen „Memory don’t fail me now/ Raise a candle to that night/ Let a restless head lie still/ Give a shore to a hungry tide„.

Lyla Foy ist eine überaus vielversprechende, stimmungsintensive Singer-Songwriterin. Und doch scheint ihr Debüt diese Fähigkeiten nicht immer widerzuspiegeln. Mirrors The Sky verlässt sich noch zu sehr auf Schlechtlaunigkeit und Illusionslosigkeit, schließt sich ins eigene Kämmerlein ein – und leidet. Wenn also in aller Frühe die Kaffeemaschine den Geist aufgibt, dann freilich lohnt es sich, dieses Album als traurigkeitstriefenden Soundtrack eines eher vermurksten Tages bereitzuhalten.

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Mirrors The Sky erscheint am 21.03.2014 auf Sub Pop.

Konzerttermine:

11.05.2014 Köln – Studio 672
12.05.2014 München – Milla
15.05.2014 Hamburg – Knust
16.05.2014 Berlin – Berghain Kantine

Links:

Offizielle Homepage

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