Archaisches Krawumm – Anna Aaron

Wenn mit dramatischem Krawumm gesättigter Pop auf Beschwörungstanz und den rockigen Geist einer PJ Harvey trifft, dann spreche ich von der Schweizerin Anna Aaron. Die Singer-Songwriterin hatte mich schon 2012 mit ihrer Platte Dogs In Spirit zu faszinieren gewusst. Ich hatte die sinistre Fantasie und Unergründlichkeit des Werks gelobt. Dieser Tage nun wurde ihr neues Album Neuro veröffentlicht – es fällt tatsächlich keinen Deut schlechter als die Vorgängerplatte aus. Noch immer grieselt es magisch durch die Boxen, auch Neuro zeugt von einem archaischen wie exotischen Wesen.

Schon die Rhythmussektion von Stellarling sorgt für ordentlich Rabatz. Der Vorzeigetrack des Albums vereint alle Qualitäten auf sich. Er ist einerseits wuchtig, roh und ungezügelt, zugleich im Refrain durch einen sinnlich-sehnsüchtigen Gesang geprägt. Dieses Werk scheint oft auf intensives, geradezu fiebrige Trance verströmendes Rambazamba gebürstet. Auch Girl tönt ungestüm, von Inbrunst getrieben, so raffiniert wie aggressiv. In diesen Momenten ist Anna Aaron ohne Zweifel an vorderster Front der auf Krawall gebürsteten Sängerinnen unserer Tage. Das alles klingt so turbulent, so sexy – also völlig unschweizerisch. Anders ist die Chose gelagert, wenn im Mittelteil der Platte Midtempo-Pop in den Vordergrund rückt. Linda etwa vermag als eingängige Radio-Nummer zu überzeugen. Allerdings wirkt der Song auch schaumgebremst und darauf bedacht, niemanden zu verschrecken. Fraglos besser erscheint da Labyrinth, das sich über weite Strecken dreckig-rockig gibt, im Wechselspiel mit einem knackigen Pop-Refrain fein harmoniert. Das roboteresk und verschrammelt durch die Boxen surrende Neurohunger leitet den famosen Schlussteil ein. Neurohunger ist das abgründige, undurchsichtige, regelrecht unbehagliche Highlight des Albums. Seine balladeske Entsprechung folgt sogleich: Doubleclub suhlt sich in Obskurität, in einer Aura des Unweltlichen. Heathen wendet sich wieder irdischeren Gefilden zu, hier dominiert Synthie-Pop mit unüberhörbaren Anklängen an die Achtziger. Bei Totemheart dagegen scheint der Titel Programm, aus zünftigem, gefälligem Indie-Rock erwachsen in der Folge um ein Totem kreisende Beschwörungssprüche. Hier erlangt die Befremdlichkeit und die widerspenstige Exotik einen würdigen Höhepunkt, wird die eingangs gepriesene Archaik mit den staunenden Händen greifbar.

Es gibt Platten, die sich einer Deutung entziehen, die sich einer Entmystifizierung der Noten und Buchstaben verweigern. Neuro ist der Gegensatz zu einem offenen Buch, es lüftet den Schleier des Erkennbaren höchst selten, bleibt vor ferner Urkraft strotzendes Mysterium. Anna Aaron ist ein famoses, unberechenbares Album, dessen Düsterkeit nur so lodert. Auch deshalb bin ich ganz und gar Feuer und Flamme!

neuro_cover

Neuro ist am 21.03.2014 auf Two Gentlemen erschienen.

Konzerttermine:

09.04.2014 Hamburg – Prinzenbar
10.04.2014 Osnabrück – Popsalon
11.04.2014 Berlin – Privatclub
28.04.2014 Köln – Blue Shell
29.04.2014 Frankfurt – Mousonturm / Studio 1
15.05.2014 München – Milla
16.05.2014 Wien (A) – Chelsea
31.05.2014 Mannheim – Maifeld Derby

Links:

Offizielle Homepage

Anna Aaron auf Facebook

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