Zwischen Ritualtanzonomatopoesie und Weltraumeroberungswahn – LADA

Es existieren gute und böse Überraschungen. Wenn ein Sondereinsatzkommando um 6 Uhr früh versehentlich deine Wohnung stürmt, obwohl sie es eigentlich auf die Hanfplantage des Marihuana-Jüngers im Stockwerk über dir abgesehen haben, dann wäre das wohl eine böse Überraschung. Wenn du dagegen eine E-Mail bekommst, dass ein dir unbekannter, über fünf oder mehr Ecken verschwippschwägerter Onkel aus Nigeria das Zeitliche gesegnet und dir Billionen hinterlassen hat, dann sich das unerwartet gute Nachrichten – nicht für den Onkel wohlgemerkt. Überraschungen funktionieren also dann, wenn sie aus heiterem Himmel daherdackeln und nicht mit allerlei Erwartungshaltungen durchsetzt sind. Ich lasse mich auch gerne verblüffen, vielleicht weniger vom Alltag – aber von Musik allemal. Und das ist der Hamburger Formation LADA mit ihrem Album Vitamine vorzüglich gelungen. Was das Trio an Experimentierfreude im Köcher hat, macht mich staunen, mit jedem Hördurchlauf mehr. Hier vermengt sich Krautrock mit improvisatorischem Flair und gefühlten hundert Genres, wabert scheinbar ziellos dahin, nur um urplötzlich hynoptische Kraft zu entwickeln. Ob der Sound in Schwaden durch einen gedämpften Raum tanzt oder sich im Orbit beim Anblick der Sterne räkelt, ob klaustrophobisch dicht oder in die unendliche Weite flutend, stets reibt man sich so gebannt wie ungläubig die Ohren. LADA besitzen die ungeheuer positive Eigenschaft, immer und immer wieder überraschen zu können.

Ganz unter uns, das Album ist großartig. Der Aufgalopp Trouble Hat schippert durchs All, torkelt durch Galaxien, ehe dann ein Groove einsetzt und das Raumschiff die Erde ansteuert, durch Sternennebel joggt. Hitchhiker paart ein Fiepen mit schleppendem weiblichem Gesang, wird schummrige Synthie-Arie. Das eigentliche Highlight freilich ist Enschede mit Nu-Jazz-Feeling und eingesprenkelten Post-Rock-Anleihen. Dazu gesellt sich noch die Ritualtanzonomatopoesie von Sängerin Fee R. Kürten. Brillant! Trauermärschig und blechern frickelnd dagegen gibt sich Walk, das als edle Fingerübung und handfestes Intermezzo überzeugt. Vorwärtspreschend wiederum fällt das handfeste The Little Itch aus, dessen Schlagzeug den Song antreibt. Wie diese direkte, geradezu trockene Math-Rock-Nummer durch quakende Synthies aufgelockert wird, das gefällt mir ungemein. Noch haudraufiger zeigt sich Rocket Mam, das ich mal forsch als quirlige Persiflage an den grassierenden Weltraumeroberungswahn früherer Tage interpretiere. Klasse! Einmal mehr folgt darauf ein Bruch, kommt Unerwartetes. Das finale Talk holt aus, bastelt aus Stückwerk musikalische Episoden, erzählt ohne Worte, entwirft großes Kino.

LADA besteht Thomas von Volt (Drums), Fee R. Kürten (Vocals, Bass, Synthesizer), Carl-John Hoffmann (Synthesizer, Guitar). In dieser minimalistischen Besetzung liegt schon die eigentliche Überraschung. Vitamine klingt nach mehr. Nach mehr Hirnen, die sich den Kopf zermartert haben, nach mehr Händen, die sich an den Instrumenten zu schaffen gemacht haben, nach mehr Herzen, die Blut in dieses Werk gepumpt haben. Es erweist sich als Album ständiger Verblüffungen, das trotz seiner Komplexität und Fülle an Ideen mehr mitreißt denn fordert. Es ist jedenfalls eine Platte, die man getrost all den Billionen verschollener nigerianischer Onkel vorziehen sollte.

vitamine_cover

Vitamine ist am 28.02.2014 auf Bloody Hands Ltd. erschienen.

Link:

LADA auf SoundCloud

SomeVapourTrails

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