Argentina, die Luftgitarre und ich – Tokyo Police Club

Ich bin in den letzten Wochen immer wieder über so manch durchwachsene Rezensionen zu Forcefield, dem neuen Werk der kanadischen Indie-Rock-Formation Tokyo Police Club, gestolpert. Vielen Besprechungen war der Tenor gemein, dass man sich doch so einiges erwartet hätte, was Forcefield letztlich nicht (ganz) einzulösen vermochte. Irgendwann wurde es mir dann zu bunt und ich holte die CD vom Stapel der bislang ungehörten Platten. Bislang war mir Tokyo Police Club nämlich nur dem Namen nach ein Begriff gewesen. Eine nähere Bekanntschaft wurde meinerseits nie wirklich gesucht. Nun aber, ein paar Hördurchläufe später vermag ich durchaus nachzuvollziehen, warum Exclaim! in einer der positiveren Reviews der Scheibe folgendes attestiert hat: „Forcefield strips down the Tokyo formula to its most basic components of guitar riffing, a strong sense of melody and a brilliant ear for unforgettable hooks, which has birthed some of their finest work yet.“

Wenn ein Album gerade einmal 33 Minuten und ein paar Zerquetschte zählt und allein der Opener schon achteinhalb Minuten dauert, dann steht und fällt natürlich alles mit diesem prominent platzierten Track. Tatsächlich gerät Argentina (Parts I, II, III) zur Großtat von Forcefield, zum triftigen Grund der Freude. Es atmet etwas von der ungestümen Unbeschwertheit, wie man sie etwa zu Studienzeiten erlebt. Bietet dabei so einige Hooks, an denen man sich ergötzen darf. Ohne Zögern greift man zur Luftgitarre. Von wildem Garage-Rock verfällt der Song unerwartet in luftig-leichte Nostalgie, Boy-meets-Girl-Irrungen geraten zu Hymnen an die Jugend, von nirgendwo her schlittern im Verlauf Synthies in die mit markanten Riffs punktende Gitarrenherrlichkeit. Der Track gleicht einer mit der Extraportion Alkohol verfeinerten Bowle, während deren Verzehr die verschiedensten Früchtchen zum Vorschein kommen. Dieses Konglomerat Argentina ist verdammt hochprozentig, auch wegen launigen Zeilen wie „If I was a lighthouse/ I would look all over the place/ If I was an asshole/ Thank you for keeping a smile on your face„. Hier persifliert sich Rock in dem Maße, in dem er sich zugleich abfeiert und mit breitem Grinsen die großen Gefühle forciert. Der Sänger David Monks hat es faustdick hinter den Ohren, melancholische Passagen folgen einem geradezu diabolisch grinsendem Vortrag, er brilliert als fleischgewordener Filou und als zärtlicher Charmeur. All das macht Argentina unvergesslich, empfiehlt es für jedwede Jahresbestenliste. Danach kann es fast nur bergab gehen. Hot Tonight vermag den Fall nicht zu bremsen. Es ist eine entschieden zu fröhliche Mitgrölnummer, an der sich kein Radiosender stoßen wird. Miserable kristallisiert das heraus, was erfolgreichen Indie-Rock von jeher problematisch macht. Zweifelsohne ist der Rhythmus eingängig, aber der Song ist ebenso vergessenswert, ohne Substanz, austauschbar. Erst Gonna Be Ready steht die Band wieder einigermaßen voll im Saft, dank eingesprungener Gitarre und Schlagzeugeruptionen. Und so verläuft der Rest der Platte mit wechselndem Erfolg. Bei Toy Guns geschieht dies sogar während eines Liedes, einem witzig geschunkelten, ideenreich ornamentierten Refrain steht ein energetisch Nichts in den Strophen gegenüber. Tunnel Vision darf als weiteres Highlight nicht unterschlagen werden, das dunkle, instrumentale Intro entwickelt einen hypnotischen Sound (Smashing Pumpkins meets Nine Inch Nails), welcher im Verlauf immer wieder an die Oberfläche drängt. Hier wird all der Bubblegum, der das Album in Teilen heimsucht, ausgespuckt, kräftig auf die Tube gedrückt. Auch das abschließend schimmernde Feel The Effect zählt dank seiner eher aufgeräumten Stimmung zu den besseren Songs von Forcefield.

Dem Tokyo Police Club sind auf dieser Platte dreieinhalb gute Lieder und ein sensationelles Opus magnum gelungen. Solch Ausbeute erscheint mir für ein beliebtes Indie-Rock-Outfit eigentlich sehr vorzeigbar. Forcefield wäre freilich nur ein Furz in der musikalischen Landschaft, wenn nicht das üppige Argentina die Chose in höchste Höhen heben würde. Argentina, die Luftgitarre und meine Wenigkeit, das wird noch viele, viele wunderbare Stunden lang zusammengehen!

forcefield_cover

Forcefield ist am 28.03.2014 auf Memphis Industries erschienen.

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