Der große Sprung nach vorn – Hundreds

Seit Tagen schon möchte ich darauf hinweisen, dass das Hamburger Duo Hundreds mit ihrem neuen Album Aftermath durch deutsche Gefilde tingelt. Die Geschwister Milner haben 2010 mit ihrem selbstbetitelten Debüt für ein bisschen Indie-Furore gesorgt. Jener entrückte, mit einer ordentlichen Prise Electro gewürzte Pop fand Anklang. Wer dunkler Schönheit zugewandt war, kam damals um das Erstlingswerk nicht herum. Vier Jahre später folgt mit Aftermath nun endlich der Ton und Klang gewordene Beweis, dass Hundreds keineswegs Eintagsfliegen waren. Zwischen balladeskem Piano und elektronischen Becircungen entfaltet sich ein Songwriting, welches zum großen Sprung nach vorn nicht bloß ansetzt, ihn vielmehr mutig vollzieht. So geschieht eine Platte, die sich einerseits im Detail verliert, in zärtlicher Tüftelei ergeht, dabei zugleich mit bestimmtem Strich Lieder vorwärtsspinnt. Solch Entschlossenheit gibt den Songs Seele, lässt sie opulent, charakterfest wirken. Eva Milners Gesang verströmt unantastbares Charisma. Ausdruckskraft trifft bei ihr auf Integrität, dieser Stimme scheint jedwede billige Gefühligkeit fremd. Philipp Milner fällt die angesichts jener geschwisterlichen Präsenz doch recht dankbare Aufgabe zu, mit all den Instrumenten (Piano, Synthies) die Ästhetik weiter auszugestalten, Atmosphären zu verdichten.

Es sind Songs zum Staunen, die sowohl spröde als auch prunkvoll klingen. Eigentlich beginnt die Chose noch recht harmlos, Circus ist ein aufrappelnd-optimistischer, beschwingter Track, der eine Leichtigkeit erreicht, die für Aftermath keinesfalls typisch ist. Ten Headed Beast mit den Zeilen „My truth is a ten headed beast/ I’m possessed/ Never stops telling me what I could be“ entspricht schon eher dem, was die introspektive Düsterkeit des Duos ausmacht. Our Past verbindet die unterkühlte Ausstrahlung von Portishead mit dem hymnischen Element eines starken Tracks der Pet Shop Boys. Es brilliert als wuchtiges Statement, als Referenztrack, an dessen Eleganz sich viele Synthie-Pop-Kapellen rund um den Erdball die Zähne ausbeißen. Foam Born wiederum gibt sich sehr divaresk im Gesang, während das Piano ganz vorsichtig um diese atemberaubend erzählende, voll Klarheit schimmernde Stimme schleicht und tapst, dann allmählich auf Tuchfühlung geht, nur um von erneuter Inbrunst ganz und gar dominiert zu werden. Rabbits On The Roof offenbart sich als sinister flackerndes, in Trance trippelndes Werk, welches durch eine futuristische, in den Szenerien wechselnde Hektik jagt. So wie die experimentelle Kleinteiligkeit überzeugt, erweist sich auch die große Idee, der Ritualtanz von Beehive nämlich, als ungemein faszinierend. Dies führt zum gänsehäutigsten Momente der Platte, zum Augenblick magischer Ambivalenz, wenn die Bekenntnishaftigkeit des Gesangs dem bannenden Rhythmus entgegentritt. So mutet eine Arie der Erhabenheit an. Überboten nur noch vom enttäuschungsvollen, defätistischen Abgesang Stones, welchen ein verwunschener, dumpfer Chor beschließt.

Hundreds haben den bereits sehr verdichteten Klangkosmos ihres Debüts wieder geöffnet. Der Fortschritt liegt somit auch darin, ihre Ästhetik nicht mehr zu stark auf die elektronische Komponente zu fokussieren. Von der Strahlkraft her hat auch Eva Milners Gesang kräftig zugelegt. Aftermath ist nie das oft beklagte, erzitterte Zweitwerk, das mit sich ringt, den guten Eindruck des Erstlings zu bestätigen. Es zeugt vielmehr von einer Weiterentwicklung, wie man sie sich als Hörer in den kühnsten Träumen kaum erhoffen durfte. Dieser Tage ist das Duo quer durchs Land auf Tour. Man sollte unbedingt hingehen!

hundreds_aftermath_cover

Aftermath ist am 14.03.2014 auf Sinnbus erschienen.

Konzerttermine:

30.04.2014 Leipzig – Schaubühne Lindenfels (ausverkauft)
01.05.2014 Düsseldorf – Zakk
02.05.2014 Berlin – Postbahnhof
05.05.2014 Bremen – Schwankhalle
06.05.2014 Rostock – Peter-Weiss-Haus
07.05.2014 Hamburg – Mojo
08.05.2014 Hannover – Faust
04.06.2014 Osnabrück – Lagerhalle

Links:

Offizielle Homepage

Hundreds auf Facebook

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