Kaffeekränzchen im inneren Ich – The War On Drugs

Wenn man ganz tief in sich geht und dort Besuch vorfindet, darf man zunächst vielleicht durchaus mit der Wimper zucken. Wenn das innere Ich jedoch gerade ein Kaffeekränzchen mit den Lichtgestalten der Musikgeschichte abhält, dann sollte man sich unbedingt hinzugesellen und staunenden Ohrs das Notizbuch zücken. So zumindest hat es Adam Granduciel gemacht. Der Kopf der US-Band The War On Drugs hat wohl seit Jahr und Tag den einen oder anderen Gast, der ihm so durchs Hirn geistert. Ein Bruce Springsteen scheint mittlerweile bereits zum Inventar zu gehören. Dass sich nun aber auch ein Mark Knopfler, Tom Petty und – weltexklusiv – die Dylansche Artikulationslegasthenie zu Kaffee und Kuchen einfinden, mag Granduciel vielleicht überrascht, sicher aber inspiriert haben. Das neue Album Lost In The Dream fegt das wirklich gute Vorgängerwerk Slave Ambient völlig vom Tapet, Lost In The Dream gerät dank all der Einflüsterungen besagter Heroen zur famosen, erinnerungswürdigen Platte. Denn Granduciel kennt zwar seine Pappenheimer, ein schnöder Kopist ist er freilich nie.

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Photo Credit: Dusdin Condren

Lost In The Dream ist eine in sich gekehrte Platte, sie erzählt nie Blue-Collar-Geschichten, die The Boss so einzigartig machen. Aber der Tonfall, der markante Sound – Stichwort: Saxofon – und das überwindende Vorwärtspreschen findet sich bei Under The Pressure wieder. Die epischen Länge von fast neun Minuten ist ebensowenig Zufall, The War On Drugs haben das Ausladende, fein ausgestaltete Instrumentalpassagen für sich entdeckt. Wo die besten Songs von Slave Ambient (I Was There, Come To The City und Baby Missiles) noch alle um die vier Minuten herumdackeln, werden jetzt öfter zwei bis drei Minuten draufgepackt. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint das nachfolgende fünfminütige Red Eyes noch als radiotauglichste Nummer. Es gerät zum eingängigsten, schnörkelosesten Stück, auch weil hier die Referenzen zu vielfältig sind, um ins Auge zu stechen. Vor allem etabliert sich Adam Granduciel als ein Sänger, der diesen charismatischen Sound schultern kann – und will. Beim grandiosen An Ocean In Between The Waves höre ich auch viele Anklänge an die Dire Straits. Das Lied ringt mit Bitterkeit und Fragen, entwirft eine schicksalshaft poetische Szenerie: „I’m at the darkended hillside/ And there’s a haze right between the trees/ And I can barely see you/ You’re like an ocean in between the waves„. Den kräftigen Drums steht eine kontemplative Note gegenüber, eine Versunkenheit à la Knopfler. Ähnliches gilt für das anschließende Disappearing. Thematisch fabrizieren The War On Drugs Verliererlieder, die noch den Funken Hoffnung und Kampfeswillen in sich tragen, das Glück in den Backstreets Amerikas suchen und in Kleinstadtliebeleien die große Liebe finden wollen. In solch Arme-Leute-Musik brodelt es unter Oberfläche. Eyes To The Wind artikuliert dies – mit einer ordentlichen Portion Dylan auf der Zunge – so: „But I’d be lyin‘ to myself/ If I said I didn’t mind/ Leavin‘ it hangin‘ on the line/ Lost inside my head/ Is this the way I’ll be denied again?/ So I’ll set my eyes to the wind/ But it won’t be easy/ To leave it all again„. Mit Burning folgt ein weiterer Hochkaräter – und nicht der letzte dieser Platte. Denn der Titeltrack Lost In The Dream ist das finale Credo, ein sehr versöhnliches Bekenntnis zu Liebe und Leben. Das nachdenkliche Überlied eines ohnehin großartigen Werks. Spätestens jetzt würde jeder Teilnehmer des imaginären Kaffeekränzchen in neidvoller Anerkennung versinken. Mit den Zeilen „Love’s the key to the games that we play/ But don’t mind losing/ Love’s the key to the things that you see/ But you don’t mind moving“ bringt Granduciel den Geist des Albums auf den Punkt. Liebe und Leben sind von Rückschlägen geprägt, die es zu ertragen gilt, ohne dass die Träume daran zu Grunde gehen. In diesem Moment der Gänsehaut erfühlt man die ganze Dimension dieser Platte.


The War on Drugs – „Red Eyes“ (Official Video) von scdistribution

The War On Drugs scheint der große Wurf gelungen, nicht zuletzt weil dem Hörer nie suggeriert wird, dass Lost In The Dream als großer Wurf angedacht ist. Auf dem Fundament allerlei Inspirationen der Musikgeschichte hat Granduciel ein originäres Fühlen, eine nach vorn gerichtete, sachte Melancholie entwickelt – und dies alles mit großer Bescheidenheit. Es steht daher außer Zweifel, dass The War On Drugs mit diesem Werk in die Annalen der Musik eingehen werden. Und das keinesfalls als Randnotiz. Dem Kaffeekränzchen sei Dank!

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Lost In The Dream ist am 14.03.2014 auf Secretly Canadian erschienen.

Konzerttermine:

15.05.2014 Köln – Gebäude 9
16.05.2014 Hamburg – Uebel & Gefährlich
23.05.2014 Berlin – Bi Nuu

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