Knabberzeugs für Hartgesottene – TWISK

Blasiert, distanziert, nüchtern. Die Adjektive, die mir zum Hamburger Duo TWISK so in den Sinn kommen, sind auf den ersten Blick wenig schmeichelhaft. Bei näherer Betrachtung jedoch haben sich Lennart Thiem und Martina Lenzin der Dekonstruktion musikalischer Klischees verschrieben. Ihr Werk Two ist spröde, dümpelt dünkelnd vor sich hin. Das Album versteht sich als Kontrastprogramm zu all der Gefühligkeit und dem übertriebenen Erfahrungshunger des Pop-Rock, es dringt aus den Katakomben des Untergrunds zu uns, wo TWISK als wackere Partisanen die Würde der Musik hüten. Dort geben sie sich ein High five mit der Tristesse.

Two versteht sich als fragmentarisches Kleinod voller DIY-Flair, ohne jedoch allzu Lo-Fi zu sein. Es tönt verquer, setzt dabei auf Ideen, verzichtet aber auf Ornamente. Beschwört eine Integrität, die der Underground dereinst mal hatte, indem er jedwede Anbiederung an die Masse vermied. Unter diesem Gesichtspunkt muss das Album geradezu blasiert, distanziert und nüchtern erscheinen, schon der Abgrenzung wegen. TWISK schwimmen auch in der Wahl des Tonträgers gegen den Strom. Two erscheint auf dem unvollkommensten Medium, das man sich nur denken kann – auf Kassette nämlich. Solch Ausdruck der Verweigerung mag kindisch und konsequent wirken. Nun ist ein schieres Anti natürlich noch kein Gütesiegel. Aber in diesem minimalistischen Purismus, in dem Fokus auf Bass, Gitarre, Gesang und mancherlei Beat liegt eine scheue Anziehungskraft. Diese Mischkulanz aus Post-Punk-Attitüde und snobistischen, bisweilen larmoyanten Pop kommt nicht ohne spleenigen Charme daher. Vor allem wenn sich der männliche Teil des Duos das Mikrofon schnappt. Ein Song wie Salty and Free sucht nach einem Refugium, trachtet nach Abgeschiedenheit, beschert bereits zu Beginn Distanz. Mit dem aufreizend blubbernden Money for Millionaires wird sich in Resignation geübt, nochmals das Weite gesucht, die Schotten der Kommunikation dicht gemacht („There’s no use in thinking ‚bout you/ It’s pointless, all in vain/ It’s useless, senseless and insane/ Like raising money/ For a millionaire„). Bowser [sic!] dagegen nabelt sich vom Arbeitsleben ab, die Zeit im drögen Büro wird mit Computerspielen totgeschlagen. All dies Unbehagen spitzt sich im Song Idon Twanna auf die großartigen Zeilen „The film on the inside of my forehead/ It is called ‚I Don’t Wanna’/ Which also seems to be the name of the main actor, Idon Twanna/ And I think I don’t wanna see this film time and again“ zu. So zelebriert Intellektuellen-Pop die Verweigerung, artikuliert lediglich ein müdes Nein. Mit This Isn’t Happiness wird eine beschauliche Sonntagnachmittagstristesse beschworen. Kein Bock auf nichts eben, Kapitulation. Mated schwingt sich zu Zynismus auf, Mail dagegen offenbart den größtmöglichen Optimismus, zu dem dieses Album befähigt scheint („But my life won’t get too hard/ As long as there are postcards/ I’ll write another postcard/ But it would be better/ If you sent me a letter„). Insgesamt jedoch ist die Stimmung des Werks im finalen Silver Salute bestens dargelegt: „I feel unwell with people who get along well with people„. Two stellt soziale Defizite, Anflüge von Verachtung für das eigene Selbst und die Gefangenheit im Trott in die Auslage. Und das nicht zu knapp.

TWISK ist fraglos ein trostloses Album gelungen. Hier kann Musik nicht zum Aufhellen der Stimmung dienen. Eher schon sind Lieder eine Stachel im Fleisch, verströmen Unbehagen, bieten nie die reinigende Katharsis großer Gefühle. Two verweigert sich dem Hörer, gibt sich dabei sogar unnahbar und arrogant. Vielleicht muss man aber exakt so klingen, wenn man sich als Guerilla des Untergrunds begreift und mit Musikkassetten um sich feuert. Wem ich das Album nicht gänzlich vergällt habe, der soll ihm unbedingt lauschen. Auch Hartgesottene werden daran zu knabbern haben. Und das ist auch nicht verkehrt so.

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Two ist am 07.03.2014 auf Bloody Hands Ltd. erschienen.

Konzerttermine:

10.04.2014 Offenbach – Waggon w/ Niedervolthoudini
11.04.2014 Luzern (CH) – Gewerbehalle w/ Niedervolthdoudini
14.04.2014 Wintherthur (CH) – Portier w/ Niedervolthdoudini
15.04.2014 Tübingen – Wilhelma w/ Niedervolthdoudini

Link:

TWISK auf tumblr.

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