Liederpoetin mit Courage und Vorwitz – Illute

Unerschrockenheit ist Teil des musikalischen Seins. Viele Mozarte und Dylans sind vielleicht nie aus ihrem stillen Kämmerlein hervorgekommen, haben nie eine Bühne geentert und ihr Talent der Öffentlichkeit preisgegeben. Auch wenn es heutzutage leichter ist, der Upload eines Liedes auf SoundCloud keine Hexerei scheint, das anonyme Verschanzen hinter der Musik möglich wurde, braucht es noch immer ein Mindestmaß an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, um Lieder in die Auslage zu stellen. Im Falle der deutschen Liedermacherin Illute fühle ich oft diesen speziellen Unterton in der Stimme, wenn sich ihr Gesang an der Grenze zum Kieksen befindet, so als lache sie in sich hinein, ungläubig darüber, dass sie macht, was sie macht. Illutes Alben ist ein „Ich traue mich!“ anzumerken, aber keinesfalls die Sorte verschämter, unsicherer Mut, eher schon ein gewisser Stolz, ihre Songs präsentieren zu können. Das wirkt sympathisch, auch auf ihrem neuesten Werk So wie die Dinge um uns stehn.

Illutes Lieder stehen für nachdenklichen Pop, der mit Courage und einem Anflug von Vorwitz Poesie in musikalische Tagebuch dichtet. So entstehen kleine Hymnen an das Sein. Mein liebstes Leben ist so eine. Das Lied schwelgt in Demut und vertrauensvoller Sorglosigkeit. Mädchenhafte Erwachsenheit durchdringt auch den Song Regenwolke. Kecke Flausen werden in Bilder gefügt („Ich bin eine große graue Regenwolke, ich sehe immer schwarz.“ oder „Ich bin ein großer grauer Berg, ich stehe immer im Weg und versperre die Sicht.„), nur um dann im Refrain die Stirnfalten zu glätten, aus der Schlechtlaunigkeit auszubrechen und die Leichtigkeit der Existenz zu ertasten („Alles ist endlich und unendlich zugleich. Es kommt nur darauf an, in welchem Takt du dich bewegst.„). Leben ist schließlich das, was man daraus macht. Solch Klänge zeichnen Illute aus, wenn sperrige Gedanken mit der lebendigen Verve einer Pippi Langstrumpf begegnet wird, imaginäre Zöpfe keck durch die Luft wirbeln. Wie es will verheddert sich in trotzigen Fragen, scheint am Ende einer Beziehung zu knabbern, würde gern vergessen wollen können. Mein Matrose hingegen entpuppt sich als zärtliches, lyrisches Schlaflied, welches ohne Seemannsgarn auskommt. „Gute Nacht mein Matrose, schlaf auf süßsaurer See, unter Sternfunkeldecken, fern von Kummer und Weh. Mein Matrose, mein Matrose schlaf ein! Gute Nacht mein Matrose, deine Sehnsucht ein Kleid. Maßgeschneiderter Anzug, der den Horizont streift.“ lauten die schönsten Zeilen dieser Platte. In ihren stärksten Momenten überwindet Illute Traurigkeit, findet den Ausweg aus gedanklichen Sackgasse, nimmt die voreilige Kapitulation vor all den Widrigkeiten zurück. Trotzalledem ist ein Motto, das sich zu Schmerz und Glück bekennt, und zur Überwindung befähigt. Nur in meinen Augen spiegelt nochmals Illutes Vertrauen in ein ganz und gar auszukostendes Hier und Jetzt wider. Die Zukunft mag neue Fragen und Probleme bringen, die Vergangenheit ist das Päckchen, das jeder mit sich trägt, der Moment der Gegenwart jedoch wird zur Zeit prickelnden Fühlens, unbeschwerten Erlebens. Dieses Lied wäre ein so versöhnlicher, hoffnungsfroher Ausklang eines feinen Albums. Es würde jedwede Nachdenklichkeit mit Wärme füllen. Doch das finale Kaputt gegang‘ wiegt bleischwer. resigniert, stellt infrage. Wo dieser Track auf der im Herbst 2012 veröffentlichten EP Die Realität verschluckt die Unendlichkeit in einer einzigen Möglichkeit noch als um Orientierung ringende Wehklage funktioniert, wirkt er hier deplatziert. Auch der Hidden Track vermag die Trübnis nicht zu überwinden, versteigt sich zur Erkenntnis: „Und wir denken wir geben alles, nur die Dinge nehmen ihren Lauf. Ja, wir denken wir geben, doch in Wirklichkeit geben wir nur auf.„. Solch unnötig bitterer Schlussakkord kompromittiert die sanfte, kesse Schönheit dieser Platte ein bisschen.

„Wenn mit aufgekrempelten Ärmeln schlichte Alltagssprachlichkeit dank weniger Handgriffe in Poesie umgekrempelt wird, patent und mit in die Hüften gestemmten Händen ein fräuleinhaftes Gefühlsleben unverhandelbar dargeboten scheint, ja dann darf man als Hörer getrost in Hellhörigkeit erstarren.“ habe ich vor dreieinhalb Jahren anlässlich Illutes Debüt Immer kommt anders als du denkst formuliert. Mittlerweile scheint mir Illute weiter gereift, geht unerschrocken in ihrer Existenz als Liederpoetin auf. So wie die Dinge um uns stehn ist dabei gelöster, schlicht weniger angestrengt, sicherer im Tun. Einmal mehr wurde Illute dabei vom österreichischen Produzenten Alexander Nefzger. Es imponiert als Album der feinen Texte, gebettet in einen kunstvollen und charmanten Sound. Auch deshalb bin ich Fan, mehr denn je!

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So wie die Dinge um uns stehn ist am 14.03.2014 auf Timezone erschienen.

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Ein Gedanke zu „Liederpoetin mit Courage und Vorwitz – Illute

  1. Danke für diese feine Besprechung. Wie schön, dass es Menschen gibt, die so genau hinhören. Auch die kritischen Anmerkungen sind außerordentlich wichtig. Als Vater der Liedermaherin hofffe ich, dass Ute auch da auf einem Weg ist, der sie noch weiter führen wird, hin zu einer stärker bejahenden Sicht wie die Dinge um sie stehen. Dass die Welt in Ordnung ist, das kann man ja nun gerade nicht unbedingt erkennen. Jammern hilft allerdings auch nicht an, sondern Vorwitz und Verstand. Ja, Vorwitz hat mir in der Überschrift sehr gefallen. Ein tolles Wort und eine ebensolche Haltung.

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