Nicht weniger als ein Wunder – Paolo Nutini

Wenn heute jemand übers Wasser gehen würde, würden wir nicht von einem Wunder sprechen, Zyniker und Besserwisser würden den Trick zu durchschauen trachten, zumindest aber Abzüge in der Haltungsnote erteilen. Ich versuche mir ein Staunen zu bewahren. Und den Glauben daran, dass es Talente gibt, die auch durch harte Arbeit nicht allein erklärbar sind. Paolo Nutinis Stimme etwa ist ein Wunder. In der Facettenhaftigkeit nicht zu erklären. Mal singt er samtweich croonend, dann wieder altersweise und alkoholdurchtränkt, er tönt funky und schwarz, beherrscht gewiss auch das folkige Singer-Songwritertum. Der Schotte ist die überragende sängerische Gestalt der Gegenwart, ein Otis Redding unserer Zeit. Man könnte sich sogar dazu versteigen, dass manche Lieder der neuen Platte durchaus so klingen, als wären sie der verstorbenen Amy Winehouse aufs Pult gelegt. Caustic Love ist ein erstaunliches Album voller Soul, welches all das – auf zugegeben andere Art und Weise – einlöst, was sich in den fünf Jahren seit Sunny Side Up an Erwartungshaltungen angestaut hat.


Ich muss Sunny Side Up das größtmögliche Kompliment aussprechen. Da ich mich erfreulicherweise ständig mit neuer Musik konfrontiert sehe, landen viele feine Platten alsbald in den hinteren Winkeln im Regal, werden seltener gehört. Sunny Side Up zählt freilich zu den Werken, die ich heute öfter höre, als ich das noch vor fünf Jahren getan habe. So sehr gefallen mir Songs wie Tricks Of The Trade, Worried Man oder Candy. Meine seit 2008 geführte Last.fm-Statistik weist Herrn Nutini auf Platz 6 aus. Davor finden sich ausschließlich Musiker und Bands, die in dieser Zeit viel mehr Scheiben veröffentlicht haben. Nutini hat mich als Fan nun einige Zeit zappeln lassen. Doch wenn ich mich salopp als Fan bezeichne, muss ich auch einräumen, dass die liebe Co-Bloggerin noch ein größerer Fan des ausgemachten Sympathieträgers ist. Trüge sie das Groupie-Gen in sich, es käme bei Nutini zum Vorschein. Und dank Caustic Love mehr denn je!


Mit Scream (Funk My Life Up) geht der Spaß gleich los. Nutini verfällt einer Frau ganz und gar („But she’s my rock/ She’s my bud/ She’s tequila/ She’s the trip„), begibt sich in die Ekstase und ins Highlife („She doesn’t want none of my money/ So I pour it over her like gasoline/ Light a match and then I’m back in my teens/ Me and supergirl smoking my green„). Es ist eine Amour fou mit einer Namenlosen, gerät zum eingängigsten Titel der Platte. Ein Pop-Funk-Gospel, der unendlich Laune macht. Mit Let Me Down Easy folgt das stilvolle, dunkel-soulige Abschiedslamento sogleich. Liebe kommt und geht bekanntlich. Spätestens jetzt tritt endgültig zutage, dass der Schotte die folkige Note seines Vorgängerwerks gegen Sixties-Flair eingetauscht hat. So ist One Day eine in bester Crooner-Manier vorgetragene, mächtige Ballade voll edlem Pathos („And I’ll cry and you’ll cry and we’ll cry/ Till the rain turns black/ And the devil moon clings to us and for a moment there is beauty„). Entspannt und groovy, mit einer ordentlichen Portion Humor sowie der einen oder anderen Lebensweisheit im Gepäck sorgt Numpty für unbeschwerte Hörfreude, ehe mit Better Man dann ein eher klassisches Singer-Songwriter-Stück folgt. Better Man gerät zum Triumph, bei dem Nutinis Stimme alle Muskeln spielen lässt. Der Schmelz jener dankbaren Liebe, die sich alle die eigenen Schwächen eingesteht, sich am Gegenüber aufrichtet, dies funkelt intensiv. Darauf kommt das epische Iron Sky als nächstes Highlight. Hier erweitert der Sänger seinen Horizont, beschert uns eine Inbrunstshymne an Freiheit und Humanität, bei der auch die berühmte Rede aus Der große Diktator nicht fehlen darf. Charlie Chaplins Appell an die Menschlichkeit vermengt sich mit Nutinis Aufschrei zu einem Gänsehautmoment des Jahres 2014 („To rise/ Over love/ Over hate/ Through this iron sky that’s fast becoming our mind/ Over fear/ And into freedom„). Das rau instrumentierten Fashion mit einem gar nicht mal üblen Kurzauftritt einer rappenden Janelle Monáe entwickelt sich zum Spätzünder, zu einem Track, der erst nach und nach Wohlgefallen auslöst. Anders verhält es sich beim streicherschwangeren, mit knackiger Hook ausgestatteten Looking For Something, welches angenehm altmodisch und Lichtjahre entfernt vom gegenwärtigen R&B-Gedöns anmutet. Zu meinem persönlichen Highlight gerät gegen Ende der Bluesrock von Cherry Blossom. So sieht ein Song aus, der quasi sofort zum Klassiker mutiert, der Refrain „Yeah you should tast her majesty/ My little cherry blossom/ Just like the crow/You come and go/ My little cherry blossom“ wird atemberaubend gekrächzt wie gesungen. Nutinis Stimme entpuppt sich einmal mehr als Phänomen!


Ein Singer-Songwriter, der diese keinesfalls vordergründigen Lieder ersonnen hat, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Allerdings wird dies erstklassige Songwriting mitunter von der Interpretation des Schotten überlagert. Sein Stimme erwächst zur Sensation schlechthin, zum Grund, warum er in den Mainstream und an die Spitzen der britischen Charts vorgedrungen ist. In Sphären also, die man normalerweise nur mit Kitsch und Schmalz entert. Paolo Nutini verkörpert die verdammt authentische Ausnahmeerscheinung, die alles in den Schatten stellt. Und da soll noch einer sagen, es gäbe keine Wunder. Caustic Love nämlich ist eines!

causticlove

Caustic Love ist am 11.04.2014 auf Warner Music erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

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