Release Gestöber 51 (Sierra Leone’s Refugee All Stars, OLD, Broken Note, Yann Tiersen)

Ein wilde Mischung empfehlenswerter Veröffentlichungen: Von elektronischen Zombie-Insekten bis hin zu unterhaltsamen afrikanischen Klängen aus Sierra Leone ist einmal mehr alles vertreten. Diese Vielfalt sollen uns all die ganzen Hipster-Musikblogs mal nachsteppen 😉 Auf geht’s!

Sierra Leone’s Refugee All Stars

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Photo Credit: David De Groot

Die Geschichte von Sierra Leone’s Refugee All Stars rührt an. In den Neunzigern flüchteten viele Menschen aus Sierra Leone vor dem Bürgerkrieg in Flüchtlingscamps in Guinea, in einem davon lernten sich auch einige Gleichgesinnte kennen, die Trost im Musizieren suchten. Daraus entstanden die Sierra Leone’s Refugee All Stars, die nach Ende des Bürgerkriegs wieder in die Hauptstadt Freetown zurückkehrten. Von dort aus trat ihr Sound und ihre alle Widrigkeiten trotzende musikalische Botschaft den Siegeszug um die Welt an. Seit dem 2004 veröffentlichten Albumdebüt Living Like A Refugee haben sie mit weiteren Alben – etwa dem tollen Radio Salone (2012) – ihren Sound gefestigt. Und so freut es mich, heute auf ihren neuesten Streich Libation hinweisen zu dürfen. Es ist ein Album oftmals unbeschwerter Lebensfreude, eine schwungvoll-fröhliche Platte, deren liebevollen Rhythmen man sich nicht entziehen kann. Aber natürlich weist die Band auch wieder mit einem Track wie Rich But Poor auf gesellschaftliche Missstände hin: „So let us get together, work together/ Don’t let them fool you with them dirty politics/ Say no to tribalism, apartism, regionalism will only tear us apart.„. Es überwiegen Botschaften der Versöhnung, verbunden mit dem Aufruf, an einem Strang zu ziehen. Es ist keine Naivität, vielmehr die Weisheit des Alters, welche etwa die Botschaft des Songs Money No Do stützt. Neben all den Messages widmet sich die Gruppe auch in ungemein charmanten Songs dem ewigen Thema Liebesleid (Maria). Der Reggae-Song Can’t Make Me Lonely beschwert sich sogar unverhohlen: „Many many times, darling/ You’ve been keeping me waiting/ Many many times, woman/ You’ve been disappointing me/ Another time you hungry/ Another time you go to a meeting/ Another time you busy/ Another time you grumpy.“ All diese augenzwinkernde Launigkeit, die schmissige Mischung aus Percussion und Gitarren schenkt diesem Werk unbändige Lebensfreude. Wer sich ein Lächeln ins Gesicht zaubern möchte, ist mit Libation bestens bedient. (Der feine Titel Gbaenyama ist hier als kostenloser Download verfügbar.)

Libation ist am 18.03.2014 auf Cumbancha erschienen.

OLD

Schrägen schwedischen Gören-Pop beschert uns das Trio OLD mit ihrer EP Old Ladies Die Young. Wenn klebrig bis kecker Retro-Pop mit sakralem Chor-Ping-Pong wie bei dem süffig-melodischen Who’s Going? auf eine mit Unschuldsmiene vorgetragene Rentnerfrotzelei Sandy Dentures trifft, brachialer Pathos in einer mehrstimmige Ode an Nirvana kulminiert (In Utero), wird sehr schnell offenbar, dass die drei Damen nie um eine exzentrische Idee verlegen scheinen. So auch beim Electro-Pop-Track Knee Hang Gang, welcher in puncto charmanter Pfiffigkeit vergleichbare Acts ganz schön alt aussehen lässt. Diese EP hat es faustdick hinter den Ohren – und ist deshalb eine uneingeschränkte Empfehlung! Rotzfreche Gören mit Hirn und Ideen – Halleluja! (Knee Hang Gang ist auf SoundCloud gratis verfügbar.)

Old Ladies Die Young ist am 12.03.2014 auf Adrian Recordings erschienen.

Broken Note

Was Musik mit der Imagination so anstellt, wie sie unsere Fantasie mit Bildern verhext, spottet mitunter jeder Beschreibung. Wann immer ich in den letzten Tage dem Track Black Mirror gelauscht habe, staksten und kribbelten mir Zombie-Insekten über die Haut bis tief ins Mark. Diese Nummer walzt und stelzt unbarmherzig vorwärts. Kreiert einen Sound, der die Sinne terrorisiert. Doch nicht nur der Titeltrack der EP Black Mirror vermag mich zu packen. Broken Note ist eine zwanzigminütige, elektronische Tour de Force gelungen, die mit großer Ästhetik an der Verstörung tüftelt, wuchtige Extreme auslotet. Das insektoide Element taucht mehrfach auf, zirpende Monstergrillen schmatzen sich durch Descent, ehe die Chose mit Hardcore auf den Hörer losstürmt. Guillotine erscheint schon des Titels wegen martialisch und tatsächlich fühlt man sich hier auf einem Schlachtfeld, in den Fängen von Bestien. Diese EP lässt Urängste vor dem geistigen Auge erstehen, sie mutiert zu einer Parade der Fratzen, die mit unzähligen Gliedmaßen nach dem Hörer fischt. Der Pressetext zu diesem Werk liest sich so harmlos: „From the title track’s first drop, the humongous bass and heavy effects confirm that Broken Note’s sound, often copied, is still unequaled. The dark, encompassing “Guillotine” steps into the unexplored, bridging Broken Note’s metal sensibilities with the precision of electronics. On the B side, the evocative “Descent” acts as a possible turning point, with the urgency of its cinematic half-step drum’n’bass and the break towards percussive hardcore in its second half. Finally, the closing “Stitch” retains the cinematic tonalities and density of its predecessor and combines them with a more contained tempo.„. Was in der technischen Beschreibung schon spannend klingt, bläht sich beim Lauschen zum imaginationsfreudigen Sci-Fi-Schocker auf. Wie großartig!

blackmirror

Black Mirror ist am 10.03.2014 auf Ad Noiseam erschienen.

Yann Tiersen

Yann Tiersen bedarf keiner Vorstellung. Ich muss jedoch zu meiner Schande gestehen, dass ich mit Herrn Tiersen bislang nicht wirklich etwas anzufangen wusste. Das freilich könnte sich mit dem anstehenden Album des Franzosen nun endlich, endlich ändern. Das für Mitte Mai angekündigte ∞ (Infinity) beinhaltet den absolut fabelhaften Song A Midsummer Evening, der mit ein bisschen euphorischem Twee, chansonesquer Leichtigkeit und choralem Tralala punktet. Ein unwahrscheinlich angenehmes Lied, wie ich finde. Nicht auszuschließen also, dass Tiersen und ich doch noch ganz dicke Kumpel werden!

∞ (Infinity) erscheint am 16.05.2014 auf Mute.

SomeVapourTrails

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