Release Gestöber 52 (Papercuts, Yesterday Shop, Marissa Nadler)

Papercuts

Der in San Francisco beheimatete Musiker Jason Quever ist mit seinem feinen Projekt Papercuts schon lange Stammgast auf unserem Blog. Deshalb freut es uns sehr, dass nach dem wunderbaren Fading Parade (2011) nun mit Life Among The Savages endlich, endlich ein neues Album ansteht. Die ersten Vorboten der Platte, die Single Still Knocking At The Door sowie der Titeltrack Life Among The Savages, lassen auf einen melancholischen, wohlig warmen Sound schließen, der von der seligen Indie-Pop-Luftigkeit des Vorgängerwerks in ein bisschen erdigere Gefilde driftet. An Quevers Händchen für sanfte, versonnene Melodien scheint sich jedoch nach wie vor nichts geändert zu haben. Welch Grund zur Vorfreude!

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Life Among The Savages erscheint am 30.05.2014 auf Memphis Industries.

Yesterday Shop

Man muss sich mächtige Refrains samt choralem Gestus erst einmal zutrauen. Man darf es fraglos wagen, das eine oder andere Mal auch coldplayish zu tönen. Man kann eine Platte auch mit einem griechischen Titel versehen und damit Anspruch und Bildung zum Ausdruck bringen. All dies sollte man allerdings nur dann tun, wenn man das Talent der deutschen Formation Yesterday Shop besitzt. Das im Mai erscheinende Album Parodos will in britischer Manier sophisticated sein, in allerlei Schattierungen schillern, geheimnisvoll und abgründig anmuten, zumindest aber einem Get Well Soon um nichts nachstehen. Es hat sich also wirklich viel vorgenommen – und ätzt dabei nie unter der Last der Absichten. Parodos imponiert, etwa beim opulent zelebrierten Finale von My Fortune oder im Kontrast von sanften Piano-Strophen und gitarrigen, fanfaresken Refrains bei Trees And Games. Es ist ein Album für Connaisseure, die es schätzen, wenn Niveau süffig bis handfest daherkommt. Solch eine Platte zu machen, das nenne ich mutig. Am Unterfangen nicht zu scheitern, das jedoch verdient noch mehr Applaus. Ein wenig davon spare ich mir jetzt noch auf, weil ich das Album im Mai dann ausführlich würdigen werde.

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Parodos erscheint am 09.05.2014 auf Trickser.

Marissa Nadler

Eine Singer-Songwriterin, welche ich ganz besonders schätze, ist die US-Amerikanerin Marissa Nadler, deren Folk stets geheimnisumwittert, aus der Zeit gefallen, sogar gespenstisch wirkt. Es scheint kein Zufall, dass Nadler im sagenumwobenen New England aufgewachsen ist. Jener nordöstlichen Ecke der USA also, wo eigentümliche Folklore bereits auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Die Sängerin steht der Bewegung des New Weird America nahe, lässt sich dem musikalischen Erbe der Region der Appalachen zuordnen. Auch Nadlers neues Album July knüpft in seiner verwunschenen Schönheit an ihr bisheriges Schaffen an. „Wenn Seelenqualen mit Spinnweben behangen durch den Äther schallen, vorgetragen mit dem Zauber einer Circe, dann lässt sich allerlei Abgründiges bestens ertragen.“ habe ich angesichts ihres letzten Werks The Sister festgestellt. Am Modus Operandi hat sich nicht viel geändert. Im Kern klingt sie eigentlich oft so, als wäre sie ein auf der Suche nach einem imaginären Prinzen ruhelos durchs Land geisterndes Gothic-Dornröschen. Märchenhaft fällt ihr entrückter Gesang aus, Traurigkeit trieft aus den Texten.

Verfall und Siechtum, das Klammern an vage Erinnerungen, der Kehraus zerbrochener Träume. Nadler setzt mit July einen Kontrapunkt zur Glamour-Patina einer Lana Del Rey, sie bereist hier ein Amerika geplatzter Illusionen. Beschert uns Polaroids ohne hippe Instragram-Filter. Drive etwa flüchtet sich in den ewigen Mythos des Fahrens („Nothing like the way it feels/ To drive/ Still remember all the words/ To every song you ever heard/ Drive„). Das Fahren durch die Weite Nordamerikas ist nicht erst seit Kerouacs On The Road ein Prozess der Läuterung, Flucht vor dem Alltag, Ausbruch aus den Zwängen. Mit 1923 kultiviert Nadler einmal mehr den romantischen Spuk, das sehnsuchtsschwere Überwinden von Raum und Zeit („I called you from another century/ To see if the world had been kind and sweet„). Für solch unwirklichen Dream-Folk scheint die Sängerin geradezu prädestiniert. Firecrackers zählt als bittersüße Ballade mit Country-Flair zu den Highĺights des Albums, ebenso wie das albtraumgleiche Dead City Emily. Auf I’ve Got Your Name, welches das vom Piano getragene Intro eines Songs von Lana Del Rey sein könnte, freilich ohne anschließende Auflösung im Pop, folgen mit Desire und Anyone Else prototypische Tracks der Marke Nadler. Die akustische Gitarre und der weltferne, bedauernde Gesang schimmern entrückt inszeniert. Es sind schicksalshafte Klagelieder, verbitterungsmächtig („All the years that I’ve held you close/ You should’ve been anyone else, I know„). Mit den beiden letzten Songs Holiday In und Nothing In My Heart erinnert der tränenschwere Schmelz an so manch Country-Sängerin der Sechziger, als solch Lieder noch herrlich wehmütig sein durften.

July erweist sich als ein weiteres Meisterstück einer ohnehin speziell begabten Singer-Songwriterin. Marissa Nadler gibt sich dieser Tage im Rahmen ihrer Europa-Tour in Hamburg (27.04.: Aalhaus) und Berlin (28.04.: Roter Salon) die Ehre. Aus oben angeführten Gründen sollte man sich das nicht entgehen lassen!

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July ist am 07.02.2014 auf Bella Union erschienen.

SomeVapourTrails

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