Sinnlichkeit, in milden Schwaden vom Plattenteller dampfend – Thievery Corporation

Musik ist letztlich auch eine Sache der genetischen Disposition. Verhärmte Mädel liefern mausgraue Töne ab, harte Hunde neigen zu schlicht-derben Rock und verhaltensauffällige Teenager werden eben Rapper. Wenn man dagegen mit makelloser Eleganz gesegnet ist, darüber hinaus Rhythmus im Blut hat, dann nennt man sich Thievery Corporation und macht jahraus, jahrein edle Musik. Und zwar die Sorte Musik, die auch weniger wohlmeinende Zeitgenossen nicht einfach als loungiges Gedudel abtun können. Die US-Amerikaner Rob Garza und Eric Hilton sind alte Haudegen, die auf so manch exquisites Album zurückblicken dürfen. Mit ihrem neuen Werk Saudade lassen sie nun lateinamerikanische Wehmut in milden Schwaden vom Plattenteller dampfen. Es ist ein zärtlicher gehauchter, lieblich kultivierter Weltschmerz voll Chic und Noblesse. Beschwingt und federnd im Takt räkelt sich das Album in geballtem weiblichem Charme. So tönt Musik für Tage, denen ein besonderer, die Wirklichkeit bannender Zauber innewohnt.

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Saudade ist zugleich erotischer Tagtraum, sinnliches Märchen voll betörender Frauenstimmen. Fünf Sängerinnen speisen die verführerische Aura des Werks. Bei Décollage gibt LouLou Ghelichkhani die in seidige Melancholie getauchte Chanteuse, die von einem irrlichternden Piano und dezent tänzelnder Percussion umgarnt wird. Meu Nêgo wiederum wird von Karina Zeviani interpretiert, es strotzt vor gezügeltem Latino-Flair, verweilt in mattem Temperament, von einer flirrenden Hitze in eine gewisse Teilnahmslosigkeit gedrückt. Bereits Quem Me Leva umschlängelt die Schwüle, Elin Melgarejo gelingt dies mit belegter Zunge. Für die sireneske, helle Verführung ist auf Saudade vor allem Ghelichkhani zuständig, Firelight bringt ihr nonchalantes Timbre zum Leuchten. Auch No More Disguise mit wie aus einem Bond-Film geklauten Streichern und opulenter Sehnsucht ist bei ihr bestens aufgehoben. Ausgerechnet der Titeltrack Saudade setzt als einziger auf die instrumentale Kraft der Musik, überzeugt mit wunderbar dumpf aus dem Hintergrund blubbernder Percussion. Claridad ist der einzige Beitrag der argentinischen Sängerin Natalia Clavier. Leider möchte man vermerken, denn Clavier legt eine bewölkte Seele in dies feine Lied. Sie spinnt gesangliche Fäden zu einem Netz, in dem man sich gänzlich ohne Gegenwehr verheddert. Toll! Mit Zevianis Nós Dois wird wieder dem Portugiesischen gefrönt, doch muss ich ehrlich gestehen, dass mir die französische, englische oder spanische Sprache leichter ins Ohr wabern. Bei Le Coeur und Bateau Rouge glänzt Ghelichkhani als Chanteuse fragile, entwickelt einen Zungenschlag, der den Speichelfluss eines jeden Mannes in Gang setzt. Für diese Stimmung, diese Aura muss man Saudade lieben! Mit leichtem Nuscheln ziert Shana Halligan dann das finale Depth Of My Soul. Der Track gleicht einem Fremdkörper, lässt das spielerische Element des Bossa nova beiseite, präsentiert soulige, gospelige Schwermut. Getragen schwillt die Klage, konterkariert – auf zugegeben spannende Weise – den bisherigen Hüftschwung der Platte.

Natürlich waren Thievery Corporation nie die klassischen Electronica-Tüftler und Beat-Häcksler, ihre Musik funktionierte stets als Mischkulanz verschiedenster Stile. Mit diesem Album freilich haben sie eine überraschende Abkehr von allem Downtempo und Lounge vollzogen. Saudade steht für Chanson und südamerikanische Rhythmen, für eine wunderbar ausgestaltete, aufwendige Instrumentierung. Doch auch wenn das Duo diesmal vieles anders gemacht hat, ihr absolutes Gespür für Eleganz, jener virtuose Chic bleibt gänzlich unverändert. Und daran darf sich der Hörer einmal mehr ergötzen. Von den sinnlichen Frauenstimmen ganz zu schweigen!

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Saudade ist am 04.04.2014 auf ESL Music erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

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