Tagebuch eines Stehaufmännchens – Eels

Eels 2 ©PiperFerguson
Photo Credit: Piper Ferguson

Es gibt Platten, die musst du suchen, andere finden dich – und mit manchen wieder hast du bereits eine Verabredung, obwohl sie noch als ungelegte Eier im Kopf des Künstlers schlummern. Zu solch einem Rendezvous treffe ich mich mit den Alben, die Mark Oliver Everett mit seinem Projekt Eels fabriziert. Everetts Historie als Stehaufmännchen ist gut dokumentiert, familiäre Schicksalsschläge haben seinem Leben den Stempel aufgedrückt. Ein typischer Song aus Eels’scher Feder trägt Traurigkeit in sich, vergrübelt sich in Vergangenes und Zukünftiges, hängt verpassten Gelegenheiten und verlorenen Lieben nach, kratzt allen Optimismus zusammen und vergewissert sich dabei, noch bei Verstand zu sein. Everett vermag die Schattenseiten menschlicher Triebe abzubilden, zugleich illustriert er oft auf wunderbare Weise die zerbrechliche Kostbarkeit menschlichen Seins. Auch von diesen Dingen weiß das jüngste Werk The Cautionary Tales of Mark Oliver Everett das eine oder andere Lied zu singen.

Schon beim Betrachten der Tracklist wird man vom Gefühl beschlichen, hier einmal mehr mit einer Bestandsaufnahme konfrontiert zu sein. Die Titel Where I’m At, Where I’m From und Where I’m Going signalisieren das therapeutische Element. Weil er das Leben als Glücksache begreift, es sogar als das versteht, was nach Abzug aller gemachten Fehler davon übrig bleibt, kann sich Everett immer und immer wieder aufbäumen, gegen Resignation und Frust ankämpfen. Es scheint viel schief gelaufen zu sein, aber dennoch betont er mit stoischer Ruhe, dass er trotzdem ein gutes Gefühl für all das habe, was da noch auf ihn wartet. Gerade im Schaffen dieses Mannes fällt es dem Hörer schwer, das lyrische Ego von der Psyche Everetts zu trennen. Oft meint man, eher einem vertonten Tagebuch denn einem Werk der Fiktion zu lauschen. Man wird Ohrenzeuge aufrichtigen Bereuens, dass eine Liebe aus eigenem Zutun vertan wurde, erlebt Mr. E in tiefstem Selbstmitleid darüber, dass der Lebensweg schon weit fortgeschritten scheint, erspäht den Mann plötzlich nach dem Strohhalm der Hoffnung greifen. Das Bedauern etwa tritt deutlich bei der reduzierten Ballade Agatha Chang hervor, wenn die Zeilen „Agatha, where did you go?/ Do I have the slightest chance?/ I could make up for everything that I did wrong/ But I know it’s just a song/ And you’re probably long gone“ einer vergangenen Beziehung nachtrauern. Mit Series Of Misunderstandings wird das Maß an Selbstbezichtigung zurückgefahren, das Ende der Liebe als Verkettung unglücklicher Umstände erfahren. Wie ein von einer Spieluhr begleitetes Schlaflied tönt es, schwingt sich der Track zu folgender Aussage auf: „If I could do just one thing/ Set the clock back many years ago/ I’d teach that motherfucker that raised you/ How to treat right„. Everett erkennt somit, dass die Gründe für das Scheitern von Beziehungen in den Ängsten und Verletzungen des Partners begründet liegen. Nicht alles ging schief, weil er es schiefgehen ließ. Und dennoch kommt er nicht umhin, in Depressionen zu verfallen. Das im Stile eines Tom Waits interpretierte Gentlemen’s Choice ist eine Verliererballade der untröstlichen Sorte („I thought I’d end up a gentlemen/ Accomplished, revered and admired/ The life that I’ve led/ I’m better off dead/ The world has no room for my kind„). Where I’m From gibt sich entwurzelt, erinnert sich an die Fehler der Jugend – wie das im weiteren Verlauf auch der Song Mistakes Of My Youth tut. Selbiger kommt im klassischen Eels-Gewand daher, bricht aus dem zurückgefahrenen, reflektierten Sound dieser speziellen Platte aus, verstrahlt die Wärme des Einsichtigen, der endlich, endlich aus den Fehlern lernen möchte. Es ist das erste Anzeichen einer Versöhnung mit den Dingen, doch wäre Everett nicht Everett, wenn er nicht ins nächste Fettnäpfchen treten würde. Parallels ist nonchalant hoffnungsvoll („And I know you’re out there somwhere/ And I know that you are well/ Looking for an answer/ But only time can tell„), verwechselt Unsicherheit mit dem Aufbruch in ein Morgen. A Swallow In The Sun will der Geliebten jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Doch geschieht dies aus Zuneigung heraus – oder eher aus Verzweiflung? Erst bei Kindred Spirit wirkt Mr. E zu Aufbruch versprühenden Optimismus befähigt („She’s a kindred spirit/ When all fades to black/ She’s got a real big heart/ And I gotta win it back„). Und mit dieser Läuterung, mit solch Vorsatz lassen sich dann endlich dann die Worte „And I’ve got a good feeling ‚bout where I’m going“ intonieren. Der letzte Titel Where I’m Going ist der ersehnte Ausweg aus dem Gefühlsschlamassel. Es keimt, was keimen kann.

Mark Oliver Everett erzählt keine Geschichten vom Leben, eher schon handeln die Lieder vom Umgang mit Leid. Seine Antwort auf allen Schmerz ist das schiere Weitermachen, ein Vorwärts, auch wenn man über Scherben läuft. Und diese Platte der Eels erzählt eben auch von diesem ermutigenden Moment, wenn das Ende der Scherben erreicht ist und der Boden unter den Füßen wieder spürbar wird. The Cautionary Tales of Mark Oliver Everett setzt virtuos und konsequent fort, was sich auf den Alben der letzten fünf Jahre dargestellt hat. Es greift bekannte Motive wieder auf und verdichtet sie zu einer Erzählung über Pein und Erlösung. Everett mutiert endgültig zum ewigen Stehaufmännchen. Und seien wir ehrlich, ein authentischeres Vorbild kann man sich als Hörer nicht wünschen!

thecautionarytalesofmarkolivereverett

The Cautinary Tales of Mark Oliver Everett erscheint am 18.04.2014 auf E Works/ [PIAS] Cooperative.

Konzerttermine:

21.06.2014 Linz (AT) – Posthof
22.06.2014 Wien (AT) – Konzerthaus
24.06.2014 Berlin – Tempodrom
06.07.2014 Montreux (CH) – Montreux Jazz Festival
07.07.2014 Zürich (CH) – Kongresshaus
08.07.2014 Luxembourg (LUX) – Grand Theatre
22.07.2014 Hamburg – Laeiszhalle (Großer Saal)

Links:

Offizielle Homepage

Eels auf Facebook

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