Transzendenz bis zum Horizont und darüber hinaus – Paul Thomas Saunders

Ich habe oftmals das Gefühl, dass in der Musikkritik die Bewertung und Beschreibung vor dem Verstehen kommt. Ein Album wird dann zu einer Akte, für die man die passende Schublade und den adäquaten Stempel sucht. Musik wird abgeheftet. Blogger wie Musikredakteur gleichen oft auch kleinen Casanovas, die an Frauen mit dem Maßband herumfummeln, sich an äußeren Vorzüge erfreuen und auf Schönheitsfehler stürzen, aber am charakterlichen Charisma nicht die Bohne interessiert sind. Vielleicht bleibt aber schlichtweg nur nicht genügend Zeit, um musikalischen Werken auf den Grund zu gehen. So ein Begreifen dauert – und birgt auch die Gefahr, dass alles Forschen letztlich nur ein Nichts offenbart. Viel Schein und wenig Sein eben. Ich für meinen Teil höre schon ein paar Wochen lang Beautiful Desolation an und habe die Platte noch längst nicht durchdrungen. Das Debüt des Briten Paul Thomas Saunders wirkt anziehend, war für mich bis vor Kurzem jedoch sehr schwer zu fassen.

Mit dem atmosphärisch aufgeladenen, Vangelis-meets-U2-haften Kawai Celeste ist das Fundament des Albums bereits gelegt. Soundtrackhafte Synthies treffen auf den Gitarreneifer vergangener Zeiten. Dieser Sound durchschreitet majestätisch und grazil das Rund jeder Arena. Solch große Geste überrascht – und wird dies noch mehrfach tun. Good Women dagegen ist simpler, konventioneller gestrickt, es besticht als schlurfende Ballade samt eingestreutem Falsett. Bereits bei diesen zwei Liedern sticht eine Fähigkeit klar hervor. Saunders entwickelt eine Weite, die Songs schweben bis zum Horizont und darüber hinaus. Seine Klagen wandern das Schicksal suchend in die Ferne, so vor allem bei Appointment In Samarra, das sich auf eine alte arabische Geschichte bezieht, welche durch W. Somerset Maugham in die englischsprachige Literatur eingegangen ist. Sie berichtet davon, dass man seinem Schicksal nicht entfliehen kann. Der Refrain des Tracks geizt ebenfalls nicht mit Eindringlichkeit: „The blood is on your hands/ The bodies on the ground around us/ Make no future plan/ Sever every bound that binds us/ That ties us„. In High Heels Burn It Down zählt zu den besten Titeln der Platte, wenn es liebliche Synthies einmal mehr mit rockigem Rhythmus koppelt, nur um mit Zeilen wie „Your windows frams the stars/ Web everything’s dark/ And terrors wake you up“ für Bedrückung zu sorgen. Hinter dem sanften Gesang und dem edlen Sound lauern in den Lyrics Abgründe, in die der Hörer eher unvermutet plumpst. „Daggers replaced the flowers for my valentine/ I kissed you and whispered/ There’s nothing left for us in this life“ aus Wreckheads And The Female Form könnte alarmierender und todessehnsüchtiger kaum ausfallen. Das Greifbare der Texte konterkariert die Ästhetik dieses Werks gekonnt. Zugleich jedoch strebt alles nach einer Transzendenz, freilich ohne New-Age-Klimbim. A Lunar Veteran’s Guide To Re-Entry darf vom Titel und Klang her als Weltraumodyssee anmuten, Spacigkeit trifft hier auf bullige Drums. Santa Muerte’s Lightning And Flare erweist sich als das wundervollste Lied der Platte, strotzt mit jeder Faser vor Erhabenheit. Auch hier gibt Hintergrundwissen dem Lied eine verständliche Dimension. Santa Muerte ist eine in Mexiko verehrte Figur des Todes, oft als weibliches Skelett mit Sense dargestellt. Der Ritus birgt christliche und heidnische Züge in sich. Diese ausladende Hymne an eine Totengöttin entwickelt einen himmlischen Zauber. Abermals wird der Transzendenz gehuldigt. Wenn Santa Muerte die Worte „Listen love, I don’t ever cry/ I can sleep at night/ No regrets keep my eyes wide/ You just looked lonely tonight“ spricht, ist das in ihrer Sachtheit wohl nicht mit der herkömmlichen Nüchternheit hiesiger Sensenmänner zu vergleichen. Im finalen On Into The Night wird die Loslösung sogar nochmals umarmt.


Beautiful Desolation beschäftigt sich also wie geschildert mit Transzendenz – und diese ist ohnehin schwer greifbar. Paul Thomas Saunders hat in seinen sphärischen Sound eine Substanz gesteckt, die erst nach und nach offensichtlich wird. Welcher man eben nicht mit beiläufigem Hören auf die Schliche kommt. Warum also Musik zu den Akten legen, wenn man doch lieber Sherlock spielen und dem Rätsel auf den Grund gehen kann? In konkreten Fall lohnt dies, der Schauer mancher Erkenntnis zittert sich tief ins Mark.

beautifuldesolation

Beautiful Desolation ist am 04.04.2014 auf Warner Music erschienen.

Links:

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