Conchita Wurst und der Eurovision Song Contest 2014 – Die Gründe für Österreichs Sieg

Wenngleich sämtliche Medien den österreichischen Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen schon längst schlagzeilenträchtig durchgekaut haben, lohnen ein paar detaillierte Nachbetrachtungen, die manch Vorurteil ad absurdum führen. Der Triumph von Conchita Wurst ist sogar in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sehen wir uns also die Gründe einmal näher an.

1.) Der hinter der Kunstfigur Conchita Wurst steckende Tom Neuwirth begann in den Niederungen einer österreichischen Castingshow (Starmania), war Mitglied einer Boygroup, ehe er 2011 in die Rolle der Conchita Wurst schlüpfte und bei einer weiteren österreichischen Castingshow (Die große Chance) teilnahm. Neben diesen Auftritten war er auch im deutschen Trash-TV (Wild Girls – Auf High Heels durch Afrika) zu sehen. Es gäbe also genügend Gründe, über diesen Charakter Wurst die Nase zu rümpfen, ihm die musikalische Integrität abzusprechen. Und doch wurde aus dem unvermeidlichen ESC-Exoten der Liebling der deutschsprachigen Medien. Weil Wurst ausgerechnet in dieser geradezu lächerlich aufgebauschten Umgebung des Song Contest eine Würde gefunden, die märchenhafte Verwandlung von der Witzfigur hin zur Ikone vollzogen hat. In diesem mit Kalkül und Klischees und krampfhaft guter Laune ausgestatteten Bewerb wurde Wurst zum einprägsamen, eindringlichen Gesicht in einer Reihe sonst gesichts- und überwiegend talentloser Interpreten. In einem Ambiente, wo Amateure um Professionalität ringen, wurde die Drag Queen zur authentischen Persönlichkeit, die andere nur vorgeben zu sein. Es erwuchs die Diva, im eigentlich unpassendsten Moment. Unter dem Eindruck dieser Verwandlung trommelten kurz vor knapp die wohl vorerst zurecht skeptischen deutschsprachigen Medien für Conchita Wurst. Denn hier hat sich jemand aus den Niederungen von RTL-Reality und Casting-Quatsch wirklich emporgeschwungen, gleich einem Phoenix aus der Asche einer Karriere.

2.) Während im deutschen Sprachraum also der Fokus auf einer Läuterung lag, stellt sich der Erfolg auf gesamteuropäischer Ebene doch anders dar. Natürlich ist auch hier der Faktor des Erstaunens nicht zu unterschätzen. Aus dem Drag-Freak wird die inbrünstige, seriöse Figur mit einer Botschaft. Im Skurrilitätenwettkampf folgt ein plötzliches Innehalten voll Erhabenheit, eine Außenseiterfigur setzt zum Höhenflug an. Der Song Rise Like A Phoenix ist mehr als nur Bond-Titelsong, er wird zum programmatischen Statement. In einer Zeit der Kriegssorge, der Euro-Instabilität und des Sozialneids gerät der Auftritt und das Lied zu einem Märchen, das in den verschiedensten Kulturen gleichermaßen Anklang findet. Der Rand der Gesellschaft, die Subkultur des Seins drängt in das Zentrum, vermittelt Menschlichkeit. Was die Mehrheit im Alltag kritisch beäugt, lässt man im Märchen gern geschehen. Andersartigkeit wirkt von einem Zauber umgeben, wird nicht als Kainsmal verstanden. Darin liegt die europäische Wirkweise, in einer absurden Kunstfigur bündelt sich all die Toleranz und Empathie des gesamten Kontinents.

3.) Europa lebt von Animosität und Freundschaften. Gerne wird auch beim ESC die politische Komponente hervorgestrichen, dass sich nämlich befreundete Nachbarstaaten aus einem gewissen Automatismus heraus Punkte zuschustern, unabhängig von der Qualität des jeweiligen Beitrags. Begriffe wie Ostblock-Connection geistern durch die Gazetten. Oft wird auch der Umstand erwähnt, dass Österreich und Deutschland einander nur selten mit vielen Punkten bedenken. Wenn wir uns die diesjährige Wertung jedoch näher ansehen, sind die Schuldigen dafür schnell ausgemacht. Deutschland hat Conchita Wurst mit vergleichsweise mageren sieben Punkten beschenkt, also lediglich an vierter Stelle im Klassement gesehen. Die Wertung setzt sich ja bekanntlich zu 50% Prozent aus der Einschätzung einer Fachjury und zu 50% aus dem Resultat eines Telefonvotings zusammen. Während eine aus Jennifer Weist, Madeline Juno, Konrad Sommermeyer, Sido und Andreas Bourani bestehende deutsche Jury Österreich im Durchschnitt lediglich auf Rang 11 wertete, platzierten die Anrufer Rise Like A Phoenix auf Nummer 1. In der Addition sicherte sich Conchita Wurst so Platz 4 und sieben Punkte. Umgekehrt gab es aus Österreich für die sympathischen Elaiza gar keine Wertungspunkte. Wer das jedoch auf die Abneigung der Ösis gegenüber Piefkes zurückführt, ist auf dem Holzweg. Die österreichische Jury (Stella Jones, Michael Dörfler, Dietmar Lienbacher, Diana Lueger und Alexander Kahr) sahen den deutschen Beitrag von Elaiza im Schnitt auf Platz 16, während die österreichischen Zuseher Deutschland immerhin auf Nummer 5 taxierten. In der Summe bedeutete dies leider keine Punkte für einen aber auch nicht ganz gelungen Auftritt. Die althergebrachte Song-Contest-Fehde zwischen Österreich und Deutschland ist zumindest 2014 bei näherem Hinsehen also bestenfalls einem fragwürdigen Jury-Geschmack zu verdanken. Und was wurde auch im Vorfeld über die Schwulenfeindlichkeit Russlands diskutiert, einzelne Stimmen unbedeutender russischer Politiker nach einem Übertragungsboykott künstlich hochstilisiert. Doch während die russischen Experten Wurst lediglich auf die 11 reihten, hatten die Anrufer keineswegs zu viel Wodka im Blut und setzten es auf die 3. Trotz aller Diskriminierung, die Homosexuelle in Russland fraglos erfahren, hat sich an diesem Abend und bei dieser Abstimmung Russland keineswegs intolerant gezeigt. Wenn man also diese gestrige Nacht als Botschaft der Aufgeschlossenheit verstehen möchte, lohnt freilich der Blick auf das Zustandekommen der Resultate. Denn Polen, welches Österreich keine Punkte zukommen ließ, ist nur oberflächlich betrachtet ignorant. Auch hier hatten die Anrufer Wurst auf Platz 4 gevotet, die Fachjury mochte den Auftritt jedoch nicht, wie der Durchschnittsrang 19 belegt. Auch bei Aserbaidschan führte die Diskrepanz aus Expertenmeinung (Platz 24) und Televoting (3) zu nur einem mageren Pünktchen. Ähnliches gilt für das diktatorisch regierte Weißrussland, wo Rang 23 unter den Kennern ein 4. Rang bei den Anrufern entgegenstand. In der Gesamtsicht geben viele Jurys ein schlechtes Bild ab. Sie sind diejenigen, die Weltanschauungen oder Regimetreue in die Wertungen einfließen lassen. Ihre Macht ist es, die Vorurteilen erst Gewicht verleiht.

4.) Wenn uns der diesjährige ESC aus Dänemark etwas lehrt, dann das nach Jahren der Natürlichkeit (Lena, Emmelie de Forest) und kalkulierter Routine (Ell & Nikki, Loreen) endlich wieder Ecken und Kanten zum Sieg führten. Weder fader Pop noch Ethno-Dance vermochten eine Rolle zu spielen. Denn auch die zweitplatzierten Niederlande mit The Common Linnets und dem Country-Duett Calm After the Storm sind ein Gegenentwurf zum verkitschten Glitter und der kindischen Lächerlichkeit anderer Teilnehmer. Der Eurovision Song Contest hat also neben einer Botschaft auch noch musikalische Ernsthaftigkeit für sich entdeckt. Wenn das nicht die eigentliche Sensation dieses denkwürdigen Abends darstellt!

Links:

Offizielle deutsche Eurovision-Seite

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Resultate auf Eurovision.tv

SomeVapourTrails

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